Anfang September geht Annalena Baerbocks Jahr als Präsidentin der UN-Generalversammlung zu Ende. Der Termin gehört zum normalen Ablauf des Amtes. Ihr Nachfolger ist längst gewählt: Der bangladeschische Außenminister Khalilur Rahman gewann am 2. Juni die geheime Abstimmung mit 99 Stimmen, der zyprische Diplomat Andreas Kakouris erhielt 91. Die Vereinten Nationen dokumentieren die Wahl. Die 80. Sitzungsperiode endet am 8. September 2026; die 81. Generalversammlung wird am selben Tag eröffnet und von Rahman geleitet.
Aus einer Routinepersonalie ist in den letzten Tagen dennoch eine politische Geschichte geworden. Baerbock mischt sich sichtbar in das Verfahren zur Nachfolge von UN-Generalsekretär António Guterres ein und möchte der Generalversammlung dabei mehr Gewicht geben. Die USA und Russland reagieren scharf. Die amerikanische Diplomatin Jennifer Locetta warf Baerbock Kompetenzüberschreitung und Heuchelei vor; Russlands UN-Botschafter Wassili Nebensja erklärte, Moskau sei besorgt über die Rolle, die sich die Präsidentin der Generalversammlung selbst zuschreiben wolle. ZDFheute, FOCUS und n-tv berichten übereinstimmend über den Konflikt.
Baerbock hat öffentliche Befragungen der Bewerber organisiert. Solche Dialoge gehören seit einigen Jahren zum Verfahren. Neu und umstritten war nach den Berichten, dass bei einer Veranstaltung auch das Publikum über Kandidaten abstimmte. Zusätzlich bat Baerbock den Sicherheitsrat, möglichst keine Bewerber zu berücksichtigen, die zuvor nicht an einem Dialog mit der Generalversammlung teilgenommen hatten. Damit berührt sie einen empfindlichen Punkt der UN-Architektur. Der Sicherheitsrat empfiehlt den künftigen Generalsekretär, anschließend ernennt ihn die Generalversammlung. Die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats besitzen durch ihr Vetorecht erheblichen Einfluss auf die Auswahl.
Der Streit um die Guterres-Nachfolge ist mehr als eine Personalfehde
Der Ton aus Washington und Moskau ist hart. Daraus folgt noch keine eindeutige Bewertung von Baerbocks Vorgehen. Christoph Heusgen, früher deutscher UN-Botschafter, hält die Vorwürfe für ungerechtfertigt. Im ZDF bezeichnete er die Auseinandersetzung als alten Streit zwischen Sicherheitsrat und Generalversammlung. Die Vollversammlung wolle bei der Besetzung des wichtigsten UN-Amtes seit Jahren stärker beteiligt werden. Für Heusgen ist Baerbocks Drängen auf mehr Transparenz Teil dieser Entwicklung.
Seine Einordnung ist deshalb wichtig, weil sie den Konflikt aus der deutschen Innenpolitik herauslöst. USA und Russland sind Vetomächte. Beide haben ein institutionelles Interesse daran, dass der Sicherheitsrat seine zentrale Rolle im Auswahlverfahren behält. Baerbock wiederum vertritt das Gremium mit 193 Mitgliedstaaten, das den vom Sicherheitsrat empfohlenen Kandidaten am Ende ernennt. Die Reibung ist in der Konstruktion der Vereinten Nationen angelegt. Persönliche Spitzen verschärfen sie, erklären sie aber nicht vollständig.
Auch António Guterres hat Baerbocks Amtsführung öffentlich anders bewertet als ihre aktuellen Kritiker. Bei der Wahl Khalilur Rahmans würdigte er ihre Arbeit in seiner offiziellen Rede. Er sprach von „outstanding leadership“ und hob ihren Einsatz für den „Pact for the Future“, die UN80-Reform und Frauenrechte hervor. Diese Würdigung gehört zur Bilanz. Wer sie weglässt, schreibt eine Abrechnung, aber keine faire Analyse der verfügbaren Quellen.
Das Amt selbst hat begrenzte Macht. WELT beschreibt die Präsidentschaft als in erster Linie protokollarisch, mit begrenztem Einfluss auf Entscheidungsprozesse hinter den Kulissen. Gerade darin lag während Baerbocks Jahr eine Spannung. Sie wollte sichtbarer gestalten, als es viele Vorgänger getan hatten. Das brachte Aufmerksamkeit und zwangsläufig Reibung. Diplomatie lebt aber auch von Verfahren, Zuständigkeiten und dem Gespür dafür, wann öffentlicher Druck eine Verhandlung erleichtert und wann er sie verhärtet.
Ende Juli hatte Baerbock zudem öffentlich dafür geworben, dass erstmals eine Frau Generalsekretärin der Vereinten Nationen wird. n-tv berichtete über ihre Forderung. Die Kandidatensuche ist inzwischen weit fortgeschritten. Am 22. August meldete ZDFheute unter Berufung auf Reuters und dpa eine weitere informelle Testabstimmung im Sicherheitsrat. Das zeigt noch einmal, wo die institutionelle Macht in diesem Verfahren liegt. Baerbock kann Öffentlichkeit herstellen und Regeln anmahnen; die eigentliche Vorauswahl findet im Sicherheitsrat statt.
104 Stimmen für Deutschland gehören zur Jahresbilanz, aber nicht allein zu Baerbock
Eine zweite Zahl prägt den Blick auf Deutschlands UN-Jahr: 104. So viele Stimmen bekam die Bundesrepublik am 3. Juni bei der Wahl um einen nichtständigen Sitz im Sicherheitsrat. Portugal kam auf 134, Österreich auf 131. Reuters dokumentierte das Ergebnis. Deutschland verfehlte den Sitz deutlich.
Die Niederlage war außenpolitisch schwer. Sie lässt sich trotzdem nicht seriös als persönliches Urteil über Annalena Baerbock ausgeben. Baerbock leitete als Präsidentin die Sitzung und verkündete das Resultat. Die deutsche Bewerbung wurde zu diesem Zeitpunkt von der Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz und Außenminister Johann Wadephul vertreten. Einen belastbaren Beweis, dass die Mitgliedstaaten wegen Baerbock gegen Deutschland stimmten, gibt es nicht.
Die Ursachenanalyse war entsprechend breiter. Reuters berichtete, dass die Bundesregierung Russland vorwarf, gegen die deutsche Bewerbung mobilisiert zu haben. Zugleich wurden Deutschlands Positionen zum Ukrainekrieg und zu Israel, die Wahrnehmung deutscher Außenpolitik sowie nicht eingehaltene Unterstützungszusagen aus anderen Staaten diskutiert. In einer geheimen Wahl bleibt vieles davon schwer nachzuweisen. Gerade deshalb verbietet sich die bequeme Erklärung, eine einzelne Person habe 104 Stimmen „verursacht“.
Der Vorgang bleibt für die deutsche Außenpolitik dennoch unangenehm. Deutschland zählt zu den großen Beitragszahlern der UN und beansprucht seit Jahren eine besondere Rolle im Multilateralismus. Österreich und Portugal schnitten in der geheimen Abstimmung deutlich besser ab. Das ist ein politisches Signal, auch wenn seine Ursachen umstritten sind. Wer Baerbocks Jahr in New York bewertet, kann diese Niederlage nicht ausblenden. Man darf sie nur nicht nachträglich in einen Beweis umdeuten, den die Quellen nicht liefern.
Die aktuelle Berichterstattung zeigt genau diese Spannbreite. WELT zieht zum Ende von Baerbocks New-York-Jahr eine ausgesprochen kritische Bilanz und stellt den Ärger aus Washington in den Mittelpunkt. ZDF wiederum legt neben die amerikanische und russische Kritik die Verteidigung Heusgens. Die offiziellen UN-Mitteilungen würdigen Baerbocks Arbeit. Wer diese Texte nebeneinanderlegt, bekommt kein einheitliches Urteil. Er bekommt Material für ein Urteil.
Ein Jahr Sichtbarkeit – dann ist der Wechsel richtig
Baerbock hat das Amt sichtbar gemacht. Sie hat Debatten organisiert, sich zur Reform der Vereinten Nationen geäußert, für Frauenrechte geworben und versucht, den Auswahlprozess für den nächsten Generalsekretär öffentlicher zu machen. Ihre Kritiker sehen darin Selbstinszenierung und Kompetenzüberschreitung. Unterstützer sprechen von einem Versuch, die Generalversammlung gegenüber den Vetomächten aufzuwerten. Beides findet sich in der aktuellen Berichterstattung.
Für einen Kommentar bleibt deshalb eine andere Frage: Hat dieser Stil dem Amt gutgetan? Die Antwort muss nicht so absolut ausfallen, wie es manche Schlagzeile nahelegt. Baerbock brachte Energie in eine Funktion, die oft kaum wahrgenommen wird. Gleichzeitig zeigte der jüngste Konflikt, wie schnell Sichtbarkeit in institutionellen Streit umschlägt, wenn ein formal begrenztes Amt seinen politischen Radius erweitern will.
Der turnusgemäße Wechsel zu Khalilur Rahman kommt deshalb zu einem guten Zeitpunkt. Er beendet keine Katastrophe, und er korrigiert auch keinen formalen Fehler. Er eröffnet schlicht die Möglichkeit, das Amt nach einem sehr personalisierten Jahr anders zu führen. Rahman bringt lange diplomatische Erfahrung mit; die UN nennen mehr als vier Jahrzehnte im diplomatischen und multilateralen Dienst. Seine Präsidentschaft fällt ausgerechnet in die Phase, in der die Nachfolge von Guterres entschieden wird. Er wird also sofort mit jenem Konflikt weiterarbeiten müssen, der Baerbocks letzte Wochen bestimmt.
Baerbocks Bilanz sollte man weder schönreden noch künstlich verdunkeln. Guterres lobte ihre Führung. Heusgen verteidigt ihren aktuellen Vorstoß. USA und Russland sprechen von Kompetenzüberschreitung. Deutschland erlitt während ihres UN-Jahres eine schwere Wahlniederlage um den Sicherheitsrat, ohne dass diese seriös allein auf sie zurückgeführt werden kann. Ihr Nachfolger ist regulär gewählt und übernimmt Anfang September.
Damit bleibt genug Stoff für Kritik. Der Abschied selbst braucht keine Legende. Baerbock wird nicht aus New York gedrängt; ihr Mandat läuft aus. Und gerade weil ihr Jahr so stark von ihrer Person geprägt war, ist der Wechsel wohltuend. Die Vereinten Nationen funktionieren auf Dauer nur, wenn Ämter größer bleiben als ihre jeweiligen Inhaber. Nach zwölf Monaten Annalena Baerbock ist es gut, dass nun jemand anderes zeigen kann, wie er diese Rolle versteht.
