Bundeskanzler Friedrich Merz unter Druck: Mehrheit rechnet mit vorzeitigem Ende seiner Kanzlerschaft

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Friedrich Merz ist seit gut 15 Monaten Bundeskanzler. Doch eine Mehrheit der Deutschen glaubt inzwischen nicht mehr daran, dass er bis zur Bundestagswahl 2029 im Amt bleiben wird. Eine neue YouGov-Umfrage trifft auf schlechte persönliche Werte, Zweifel am Rückhalt in der CDU und einen Parteifreund, dem mehr Menschen das Kanzleramt zutrauen.

Es gibt Umfragen, die nach einem Nachrichtentag wieder verschwinden. Andere bleiben hängen, weil sie eine Frage stellen, die bis dahin kaum jemand gestellt hat.

Friedrich Merz wurde 2025 zum Bundeskanzler gewählt. Regulär würde 2029 wieder gewählt. Doch inzwischen hält mehr als jeder zweite Befragte ein früheres Ende seiner Kanzlerschaft für wahrscheinlich.

YouGov fragte im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur, wie lange die Deutschen glauben, dass Merz Bundeskanzler bleiben wird. 36 Prozent rechnen mit einer Ablösung nach 2026, aber noch vor der Bundestagswahl 2029. Weitere 18 Prozent erwarten sie bereits in diesem Jahr. Zusammen sind das 54 Prozent. 29 Prozent glauben, dass Merz mindestens bis zur Bundestagswahl 2029 im Amt bleibt. 17 Prozent machten keine Angabe. Befragt wurden vom 14. bis 17. August 2.091 Wahlberechtigte.

Dabei ist Genauigkeit wichtig: Gefragt wurde nicht nach einem gewünschten Rücktritt. Die Befragten sollten einschätzen, wie lange Merz im Amt bleiben werde. Von einer Mehrheit zu sprechen, die seinen Rücktritt verlangt, wäre falsch.

Die Zahl ist auch ohne Zuspitzung brisant. Merz trat mit dem Anspruch an, nach den Ampel-Jahren Stabilität und Führung zurückzubringen. Nun hält eine Mehrheit seine Ablösung vor dem regulären Wahltermin für wahrscheinlich.

WELT berichtet über die YouGov-Erhebung und nennt einen zweiten Wert. 36 Prozent der Befragten sehen nach den Personalwechseln in Bundesregierung, Bundestagsfraktion und CDU-Spitze einen starken Autoritätsverlust des Kanzlers, weitere 31 Prozent einen eher spürbaren. Nur sechs Prozent erkennen einen Autoritätsgewinn.

Damit sehen zwei Drittel Merz geschwächt.

Die CDU hat ein Merz-Problem

Schlechte Beliebtheitswerte allein bringen keinen Kanzler zu Fall. Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel regierten zeitweise gegen erheblichen Widerstand.

Bei Merz kommt jedoch ein Problem hinzu: Zweifel am Rückhalt in der eigenen Partei.

Das aktuelle ZDF-Politbarometer vom 20. August bewertet Merz auf der Skala von plus fünf bis minus fünf mit minus 1,9. Das ist sein bislang schlechtester Wert. 75 Prozent sind mit seiner Arbeit als Bundeskanzler unzufrieden, 20 Prozent zufrieden.

Noch heikler für den CDU-Vorsitzenden: 80 Prozent glauben, dass seine Partei nicht voll hinter ihm steht. Selbst unter den Anhängern von CDU und CSU teilen 67 Prozent diese Einschätzung. Nur zwölf Prozent aller Befragten sehen die CDU geschlossen hinter Merz.

Das Politbarometer wurde vom 17. bis 19. August erhoben und damit unabhängig von der YouGov-Umfrage. Unterschiedliche Fragen und Institute führen zu einem ähnlichen Befund.

Das wiegt auch deshalb schwer, weil Merz angetreten war, die CDU nach den Merkel-Jahren wieder zusammenzuführen. Sein eigener Weg an die Parteispitze war lang. Nach dem Verlust des Unionsfraktionsvorsitzes 2002 zog er sich später aus dem Bundestag zurück, ging in die Wirtschaft und kehrte erst Jahre danach in die erste Reihe zurück. Zweimal scheiterte er bei der Wahl zum CDU-Vorsitzenden, im dritten Anlauf gewann er.

Merz war lange selbst die Alternative, die auf ihre Gelegenheit wartete.

Nun wird über Alternativen zu ihm gesprochen.

Das Handelsblatt schrieb bereits am Freitag von einer möglichen „Revolte“, sollte der angekündigte Reformherbst ausbleiben. Das Blatt verweist auf sinkende Beliebtheitswerte und Zweifel an der Geschlossenheit der Union.

Noch gibt es keinen offenen Aufstand gegen den Kanzler. Aber politische Autorität kann lange unauffällig schwinden. Irgendwann reden Abgeordnete und Ministerpräsidenten nicht mehr nur über Sachfragen, sondern über Personen.

Und plötzlich heißt einer Wüst

YouGov fragte auch, wen die Deutschen persönlich für geeigneter für das Kanzleramt halten: Friedrich Merz oder Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst.

Neun Prozent entschieden sich für Merz, 25 Prozent für Wüst. 66 Prozent legten sich auf keinen der beiden fest.

Das ist keine Mehrheit für Wüst und keine Nachfolgeprognose. Bemerkenswert bleibt dennoch, dass ein amtierender Bundeskanzler in einer direkten Eignungsfrage gegen einen Parteifreund so deutlich zurückliegt.

Wüsts Name fällt seit längerem, wenn über die Zeit nach Merz gesprochen wird. Das Handelsblatt griff bereits im Mai die Formel „Merz raus, Wüst rein“ auf und wies zugleich darauf hin, dass ein Kanzlerwechsel politisch und verfassungsrechtlich keineswegs einfach wäre.

Eine Umfrage entfernt keinen Bundeskanzler aus dem Amt. Das Grundgesetz sieht für eine Ablösung das konstruktive Misstrauensvotum vor: Der Bundestag müsste mit der Mehrheit seiner Mitglieder einen Nachfolger wählen. Ein Kanzler kann außerdem zurücktreten oder die Vertrauensfrage stellen.

Derzeit gibt es keinen Hinweis darauf, dass eines dieser Szenarien unmittelbar bevorsteht. Merz ist Bundeskanzler, die schwarz-rote Regierung arbeitet weiter. Am 25. und 26. August steht die Kabinettsklausur an, bei der nach Informationen des Handelsblatts auch Vertreter der Wirtschaft über Wettbewerbsfähigkeit und Reformen beraten sollen.

Doch Macht hängt nicht nur von Mehrheiten im Bundestag ab. Sie hängt auch davon ab, ob Partei, Fraktion und Öffentlichkeit damit rechnen, dass ein Regierungschef dauerhaft im Amt bleibt.

Genau daran sind Zweifel entstanden.

Auch die Union steht unter Druck. Im aktuellen Politbarometer kommt CDU/CSU auf 22 Prozent, die AfD auf 27 Prozent. SPD und Union hätten zusammen derzeit keine parlamentarische Mehrheit. Drei Jahre vor einer regulären Bundestagswahl ist das keine Prognose. Für Abgeordnete und Parteifunktionäre sind solche Zahlen trotzdem relevant.

Hinzu kommen die bevorstehenden Landtagswahlen. Schlechte Ergebnisse würden nicht allein den Landesverbänden zugerechnet. Ein Bundeskanzler und Parteivorsitzender wird an solchen Abenden politisch immer mitbewertet.

Nervosität in Parteien beginnt selten mit einer öffentlichen Rebellion. Meist beginnen zuerst die Gespräche darüber, wer noch Wahlen gewinnen kann und wer als Alternative infrage käme.

Hendrik Wüst muss dafür derzeit nichts tun. Sein Name steht bereits im Raum.

Für Merz steckt darin eine gewisse Ironie. Über Jahre war er selbst der Mann, der neben der jeweiligen CDU-Führung als mögliche Alternative präsent blieb. Er weiß daher sehr genau, was es bedeutet, wenn sich neben einem amtierenden Parteichef eine zweite Option herausbildet.

Noch gibt es keinen Machtkampf, keinen erklärten Herausforderer und keine Mehrheit für einen Kanzlerwechsel.

Aber 54 Prozent der Befragten rechnen inzwischen damit, dass Friedrich Merz vor der Bundestagswahl 2029 abgelöst wird.

Vor wenigen Monaten wäre schon die Frage ungewöhnlich gewesen.

Heute macht ihre Antwort Schlagzeilen.