Hotel Waldeshöh auf dem Rennsteig Roman über die Verschleppung einer DDR-Familie

Stasi Foto: Stefan Groß

Die Verschleppung Tausender Dorfbewohner an der innerdeutschen Grenze, die als „politisch unzuverlässig“ galten, war eines der schlimmsten Verbrechen der SED-Diktatur in den 40 Jahren DDR-Geschichte. Wer nach dem politischen Strafrecht, dem Strafrechtsergänzungsgesetz von 1957, verurteilt worden war, wusste zumindest, welchen „Verbrechens“ er bezichtigt wurde, der „staatsfeindliche Hetze“ beispielsweise oder der „Republikflucht“ oder der „Staatsverleumdung“.

Rund 11 000 Grenzbewohner waren bei zwei Zwangsumsiedlungen, die in den Akten unter den Namen „Ungeziefer“ (1952) und „Kornblume“ (1961) geführt wurden, betroffen, in Dutzenden von Dörfern entlang der 1400 Kilometer langen innerdeutschen Grenze von Lübeck bis Hof. Da fuhren, in der Nacht oder den in frühen Morgenstunden, Lastkraftwagen, begleitet von Rollkommandos der „Volkspolizei“, vor die Wohnungen der umzusiedelnden „Staatsfeinde“ und befahlen den eingeschüchterten Bewohnern, ihre Habseligkeiten zu packen, in zwei Stunden würden sie weggebracht werden. Das Fahrziel wurde nicht genannt.

Im südthüringischen Streufdorf bei Hildburghausen wurden am 5. Juni 1952 gegen das gewaltsame Vorgehen der „Volkspolizei“ Straßensperren errichtet und die Kirchenglocken geläutet. Daraufhin kam es zum Einsatz von Wasserwerfern und zu Verhaftungen. Heute, drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall, gibt es eine Reihe von Sachbüchern zu diesem Thema, aber noch keinen Roman, den hat Kati Naumann nun geschrieben.

Sie ist 1963, wie ihre Romanheldin Christine Dressel, in Leipzig geboren und verbrachte jedes Jahr ihre Sommerferien (1. Juli bis 31. August) mit ihrer Schwester Sabine bei den Großeltern, die seit 1952 im Landkreis Sonneberg im Sperrgebiet lebten. Jahrzehnte später suchte sie, inzwischen über 50 Jahre alt, im Thüringer Wald nach Spuren der „verwunschenen Welt ihrer Kindheit“ (Selbstaussage). Für die Schreibarbeit mietete sie ein Zimmer am Rennsteig und befragte Zeitzeugen. Einige von ihnen verschlossen sich jeder Auskunft, andere waren erleichtert, endlich frei über ihre Erlebnisse sprechen zu können. Kati Naumann blieb davon nicht unberührt: Einmal musste sie auf der Rückfahrt von einer Zeugenbefragung auf der Landstraße anhalten und weinen über das Schreckliche, was sie erfahren hatte. Was den Leser immer wieder erstaunt, ist die Genauigkeit, mit der sie über die DDR-Jahre vor ihrer Geburt, die sie selbst nicht miterlebt hat, berichtet. Die Aneignung eines umfangreichen DDR-Wissens war hier Bedingung, diesen Roman überhaupt schreiben zu können.

Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen: In der Gegenwart des Jahres 2017 und in der Erinnerung auf die DDR-Jahre 1949/77. Im Sommer 2017 gerät die Rechtsanwaltsgehilfin Milla aus Coburg bei einer Rennsteigwanderung auf Abwege und stößt zufällig auf die von Unkraut und Gestrüpp überwucherten Reste eines abgerissenen Hauses. Beim Freilegen entdeckt sie eine Kellertür, steigt die Treppe hinunter und gelangt in den unzerstörten Vorratskeller der Hoteliersfamilie Dressel, die mehrere Generationen hier im Hotel „Waldeshöh“ gewohnt hat. Milla gelingt es, die noch lebenden Familienmitglieder, die am 2. Juli 1977 nach Wolfen bei Bitterfeld und nach Meißen verschleppt wurden, ausfindig zu machen und sie zu überreden, noch einmal, trotz aller Aussichtslosigkeit, einen Prozeß um Rückübertragung ihres geraubten Eigentums anzustrengen.

Wenn sich die von DDR-Erfahrungen unbelastete Coburgerin Milla mit den vier erwachsenen Dressels, die die „Umsetzung“ (so der amtliche Begriff) am 2. Juli 1977 noch miterlebt haben, spricht, so merkt sie immer wieder, das sie ihr Leben in die Zeit „davor“ und „danach“ einteilen. Dieser plötzliche Lebenseinschnitt zieht sich wie ein Leitmotiv durch ihre Gespräche. Das hat sie damals so tief verletzt, dass sie handlungsunfähig geworden sind, was die Rückforderung betrifft, zumal sie schon einmal einen Prozess verloren haben. Die forsche Bundesbürgerin Milla dagegen, die sich in Gesetzestexten und Behördengängen auskennt, ist furchtlos und ohne Hemmungen. Schließlich gelingt es ihr, vom Staatsarchiv Meiningen den Bericht der Volkspolizei über die Zwangsaussiedlung vom 2. Juli 1977 zu bekommen.

Schon Jahre vorher wurden die Dressels ständig bedrängt, die Gegend zu verlassen. Da kommt ein Vertreter des „Rates des Kreises“ in Sonneberg und redet ihnen gut zu, den grenznahen Ort zu verlassen, weil das Leben dort zu „gefährlich“ sei; da wird, als 1960 bei Gerda Dressel die Wehen einsetzen, der Einsatz des Krankenwagens verweigert; für Stunden wird das Licht ausgeschaltet; eine Leiter, die zur „Republikflucht“ missbraucht werden könnte, wird beschlagnahmt;die Kinder müssen von der Schule einen kilometerlangen Umweg gehen, weil der Busfahrer nicht mehr auf freier Strecke halten darf, von wo sie es näher zum Hotel hätten; und als Gerda und Werner Dressel 1956 heiraten, treffen die Passierscheine für die Gäste erst einen Tag später ein.

Aber auch innerhalb der Familie gibt es Intrigen, die aber erst 2017 aufgedeckt werden. So hat Tante Elvira, die nach der Verschleppung in der Porzellanmanufaktur Meißen arbeitete, bei einem Besuch in der Bezirksleitung Suhl der Staatssicherheit dafür gesorgt, dass ihre Familie Haus und Heimat verlor. Das 1904 eröffnete Hotel wurde schon am 3. Juli 1977 abgerissen. Und Werner Dressels engster Freund Siggi arbeitet jahrelang im Grenzgebiet für die „Firma“.

Kati Naumann hat mit ihrem sehr lesenswerten und spannenden Roman den Stummen eine Stimme gegeben, den einfachen Leuten, die vom Staat verfolgt wurden und selbst nicht reden können, weil sie wie versteinert sind in ihrem Schmerz.

Jörg Bernhard Bilke

Kati Naumann „Was uns erinnern lässt“, Roman, 416 Seiten, 20.00 Euro, Verlag HarperCollins, Hamburg 2019

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Über Jörg Bernhard Bilke 183 Artikel
Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.