„Ich, Icher, am Ichsten“ oder: „Ich weiß nicht immer, wovon ich rede, aber ich weiß, dass ich recht habe“

Wissen Sie eigentlich, wie viel Sie wert sind? Was für eine Frage! Als ob man ein Menschenleben mit Geld aufwiegen könnte, werden Sie entrüstet ausrufen. Doch der abscheulich-absurde materielle Wert, der wahrlich tagtäglich durch Rentenversicherungsanstalten, Krankenkassen oder der Börse „ermittelt“ wird, soll nicht Gegenstand der Betrachtung sein. Lenken Sie Ihre Überlegungen also eher auf den ideellen und den inneren Wert. Allerdings lässt sich auch da keine spontane Antwort aus dem Ärmel schütteln, unterliegt dieser doch einer äußerst individuellen Einschätzung. Für jemand ganz spezielles sind Sie wahrscheinlich alles, für die allermeisten jedoch nichts. Daher soll die Frage noch etwas spezifiziert werden: Welchen Wert haben Sie für sich selbst? Auch hier wird man wahrscheinlich nicht viel weiter kommen. Denn was versteht man eigentlich unter selbst? Hirn und Herz, Denken und Fühlen, Körper und Verstand? „Was ist überhaupt das 'Selbst', was das Ich… und wer bin ich?“
Unsere Psyche ficht einen ständigen Lebenskampf. Unser ganzen Fühlen, Denken, Streben und Hoffen dreht sich, auch wenn wir es nicht bewusst wahrnehmen, permanent um unseren Eigenwert. „Wir stürzen uns auf 'Erkenne dich selbst'-Tests und zahlen viel Geld für die Suche nach dem unbekannten Selbst und den wahren Werten. Wir fahnden nach unserem virtuellen Selbst im Internet und stürzen uns mit voyeuristischer Gier auf Einträge in Facebook. Wenn es um Selbstwert geht, ist aber nicht nur dessen Art, sondern mehr noch das rechte Maß entscheidend. Der gesunde, gesellschaftlich verträgliche Selbstwert ist in der Mitte zwischen Selbstlosigkeit und Egoismus, zwischen Minderwertigkeitskomplexen und übersteigertem Selbstvertrauen, zwischen Demut und Stolz, zwischen Selbstverleugnung und Anspruchshaltung angesiedelt.“, weiß Dr. Reinhard Haller, Arzt, Psychotherapeut und einer der renommiertesten Gerichtspsychiater Europas. Um die Übersteigerung des Wertes unseres Selbstseins geht es in seinem Buch. „Zu hoher Selbstwert führt zu Verhaltensstörungen, Beziehungsproblemen und letztlich oft zu Vereinsamung. Die Frage des Narzissmus ist eine Frage des Selbstwertes.“, so Haller.
Narzissmus und all sein Gefolge wie Hochmut, Eitelkeit, Hysterie und Gier gewinnen immer mehr an individueller und gesellschaftlicher Bedeutung. Unsere Wahrnehmungen, Beurteilungen, Einstellungen und persönlichen Ausrichtungen sind zunehmend narzisstisch geprägt. Werden wir tatsächlich immer ichbezogener und selbstverliebter? Spiegeln sich in Selbstdarstellung und Gefühl der eigenen Grandiosität vielleicht gar gesellschaftliche Grundstimmungen wider? Gehört zu modernen Lebensprinzipien die Eigenidealisierung und Entwertung anderer dazu? Ist es vielleicht gar möglich, den virtuellen Narzissten aus den im Internet zu findenden Spuren zu synthetisieren? Reinhard Haller setzt sich in seinem Buch intensiv mit dem Begriff dieser psychologischen Grundeinstellung und Psychomacht ersten Ranges auseinander, diesem unstillbaren Wunsch nach Anerkennung und Bewunderung mit einhergehender übertriebener Einschätzung der eigenen Wichtigkeit. Das unrühmliche Resultat: Zu Tage tritt zumeist ein in seiner emotionalen Intelligenz verkümmerter Mensch mit einem äußerst fragilen Selbstwertgefühl.
Haller hält der Gesellschaft und jedem Einzelnen einen Psychospiegel vor das Gesicht, der die schönen und hässlichen, aufdringlichen und bescheidenen, verheißungsvollen und gefährlichen, faszinierenden und abstoßenden Ausprägungen und Funktionen des Narzissmus schonungslos vor Augen führt. Natürlich kann sein gut und flüssig lesbares Buch auch keine „Kochrezepte“ oder fertigen Lösungen zum Umgang mit Narzissten bieten. Doch seine schonungslose Offenlegung dieser Persönlichkeitsstörung, die er mit zahlreichen Fallbeispielen aus seiner eigenen Praxis untersetzt, könnte als psychologische Gebrauchsanweisung dienen, um den Narzissmus unserer Mitmenschen möglichst unbeschadet zu überstehen. Zudem hilft sie, die allgemeine gesellschaftliche Egozentrik, die mittlerweile zu einem Massenphänomen geworden ist, gelassener zu ertragen. Allerdings bleibt ein beunruhigendes Gefühl zurück. Denn nicht das Vorkommen des Narzissmus ist alarmierend, „sondern dass er als Lebensform gesucht wird und als soziale Grundeinstellung den Zeitgeist bestimmt.“ Wo, so fragt man sich nach der Lektüre, sind die einstigen Ideale des Menschen – Vorsicht, Verzicht oder Solidarität – geblieben? Sie scheinen vollkommen durch Selbstsicherheit, Konsum und Selbstbezug verdrängt worden zu sein. Daher wird letztendlich eines klar: Unsere Gesellschaft braucht mehr „unnarzisstische“ Menschen und wieder ein Stück „Antinarzissmus“.

Reinhard Haller
Die Narzissmusfalle
Ecowin Verlag (April 2013)
208 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3711000371
ISBN-13: 978-3711000378
Preis: 21,90 EUR

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Heike Geilen, geboren 1963, studierte Bauingenieurswesen an der Technischen Universität Cottbus. Sie arbeitet als freie Autorin und Rezensentin für verschiedene Literaturportale. Von ihr ist eine Vielzahl von Rezensionen zu unterschiedlichsten Themen im Internet zu finden.

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