Während China aufsteigt und die USA an Verlässlichkeit verlieren, wächst Europas politisches Gewicht. Ingo Friedrich sieht den Kontinent auf einer historischen Siegerstraße – vorausgesetzt, Europa stärkt seine Wirtschaft, seine technologische Leistungsfähigkeit, seine Verteidigung und seine innere Stabilität.
Gemäß den gängigen Analysen schiebt sich gerade China auf Platz 1 der Weltmächte, die USA verlieren spürbar und Europa kämpft mühsam um seinen Platz. Dabei wird völlig übersehen, welchen gigantischen Weg in Sachen gemeinsamer politischer und militärischer Stärke Europa in den letzten Jahren zurückgelegt hat. Und es wird auch völlig übersehen, welche Bedeutung Europa in den kommenden Jahren zuwachsen wird:
Der Zangengriff von Trump und Putin hat Europa mehr zusammenwachsen lassen und deutlich stärker gemacht als Vertragsänderungen und Verhandlungen je zustande gebracht hätten.
Indizien dieser erstaunlichen Entwicklung sind:
Langjährige Freunde bzw. Satelliten Russlands – z. B. Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Moldavien, Kasachstan und noch mehrere andere – wenden sich reihenweise von Russland ab und klopfen an die Tür Europas. Wegen Trumps Annektionsplänen hat sogar Kanada einen strategischen Schwenk in Richtung Europa gemacht. Wenn dann nach einem Kriegsende auch noch die riesige Ukraine in geeigneter Form – das kann keine normale Mitgliedschaft sein – an Europa andockt, dann verfügt Europa über einen Einflussbereich, der mit dem der USA durchaus vergleichbar ist, von Russland ganz zu schweigen.
Europas Attraktivität und Anziehungskraft sind für Nachbarn und Partner überwältigend, vor allem, weil Europa niemanden erobern oder beherrschen will. Europas Vertragstreue, seine sympathische Ausstrahlung, sein reiches kulturelles Erbe und sein von allen geschätzter „way of life“ mit Menschenrechten, Freiheit und Wohlstand werden global hochgeschätzt und ganz anders bewertet als die Brachialattitüde eines China oder die Unberechenbarkeit eines Trumpschen Amerika.
Mit seinem „sanften“ Herrschaftsmodell, das jetzt noch durch militärische Stärke abgerundet werden muss, ist Europa praktisch unschlagbar und ein einmaliger Sympathieträger, ja ein leuchtendes Beispiel, wie Politik auch gemacht werden kann. In diesem Sinne ist Europa auf einer historischen Siegerstraße gelandet. Diese außerordentliche Chance wird allerdings, wie alles auf dieser Welt, vom Schicksal nicht anstrengungslos geschenkt. Nein, sie erfordert sehr wohl den „Schweiß der Edlen“, um dauerhaft gewahrt zu bleiben. Dazu gehören wirtschaftliche Dynamik, das Aufholen in den neuen Technologien und insbesondere innere politische Stabilität, die nicht durch radikale Parteien gefährdet werden darf. Europa hat es jetzt selbst in der Hand, dauerhaft in Frieden und Wohlstand zu leben. Die Chancen sind greifbar und warten auf Vollendung.
