Interview mit Herrmann Binkert: „Die Familie hat einen signifikant positiven Einfluss auf das Glücksempfinden“

Portrait: ©H. Binkert

10.000 erwachsene Bürgerinnen und Bürger aus Deutschland nahmen an einer Befragung des Institutes Insa-Consulere teil. Wir sprachen mit Hermann Binkert, Chef des Meinungsforschungsinstitutes mit Sitz in Erfurt, über die große Familienstudie, die mittlerweile auch als Publikation vorliegt.

Herr Binkert, ist die Familie tot? Ein Bild in die Medien scheint dies zu bestätigen.

Nein, die Familie lebt – und das ist auch gut so. Zwar sind nur knapp 28 Prozent der Haushalte in Deutschland Familienhaushalte, aber in fast 70 Prozent der Familienhaushalte leben gemischtgeschlechtliche Ehepaare mit ihren Kindern. Die mit Abstand meisten Menschen entscheiden sich für das Leben in einer traditionellen Familie aus Vater, Mutter und Kindern.

Wie steht es um die Zukunft der Familie in Deutschland?

Meinungsforscher spiegeln die aktuelle Stimmung, sie sind aber keine Propheten. Wenn ich ernst nehme, was wir mit unserer großen Familienstudie erhoben haben, kann man aber feststellen: Familie wird in den meisten Fällen und von den meisten Befragten als Vorteil in den unterschiedlichsten Lebenslagen angesehen. Und die Kinder, die diese positiven Erfahrungen selbst gemacht haben, werden sich, wenn sie irgendwann selbst entscheiden müssen, welchen Lebensweg sie einschlagen wollen, mit sehr großer Wahrscheinlichkeit zum gelungenen Familienmodell tendieren.

Welche Rolle spielt der Familienbezug für das Glück der Menschen?

Die Familie hat einen signifikant positiven Einfluss auf das Glücksempfinden. 70 Prozent der Befragten, die vorhaben, eine eigene Familie zu gründen bzw. bereits eine gegründet haben, sagten uns, sie seien alles in allem glücklich. Unter den Befragten, die nicht vorhaben eine eigene Familie zu gründen, sagten das nur 59 Prozent von sich. Noch deutlicher wird es, wenn man konkret fragt, ob die Familie Einfluss auf das Glücklichsein hat. 88 Prozent aller Familien bejahen diese Frage!

Wie sehen Menschen, die nicht in familiäre Strukturen eingebunden sind, die Aufgaben vom Staat der Familienförderung?

53 Prozent aller Befragten sagen uns, dass ihrer Meinung nach die Interessen von Familien in der deutschen Politik aktuell nicht genügend berücksichtigt würden. Nur jeder Dritte (34 Prozent) findet, die Interessen der Familien würden ausreichend berücksichtigt. Und selbst unter den Befragten ohne Kinder gibt es eine relative Mehrheit von 45 Prozent zu 37 Prozent die findet, die Interessen von Familien würden nicht genügend berücksichtigt. Unter den Befragten mit Kindern ist die Botschaft noch deutlicher: 58 Prozent nicht genügend berücksichtigt zu 32 Prozent genügend berücksichtigt.

Bemerkenswert an Ihrer Studie ist das empirische Befund, dass Menschen aus Familien toleranter sind als Menschen mit anderen Lebensmodellen. Kann man dafür einen Grund angeben?

Wer in traditionellen Familienstrukturen lebt, ist ganz offensichtlich damit zufrieden. Er will in der Regel dieses für ihn selbst als gelungen betrachtete Modell aber nicht anderen aufzwingen und schon gar nicht diejenigen verurteilen, die andere Wege gehen.

Damit kein Missverständnis entsteht: Auch diejenigen, die nicht in einer traditionellen Familie leben, sind mehrheitlich tolerant gegenüber denjenigen, die sich für das traditionelle Familienmodell entscheiden.

An welche Instanzen wenden sich Menschen in einer Krisensituation? Sie haben konkrete Zahlen?

Drei von vier Befragten (76 Prozent) sagen uns, dass ihre eigene Familie eine Krise gut überstehen würde bzw. bereits eine Krise gut überstanden hat. Nur jeder Zehnte (10 Prozent) glaubt in Krisensituationen nicht an die rettende Instanz Familie!

Wie unterscheidet sich das Bild der Familie, das die Medien zeichnen, von den Ergebnissen Ihrer Studie an einem konkreten Beispiel?

Die Medien greifen Beispiele heraus, wir halten der Gesamtbevölkerung den Spiegel vor. Vielleicht finden gescheiterte Beispiele von Familien mehr öffentliche Aufmerksamkeit und es ist sicher auch okay, wenn man darauf schaut. Missstände müssen offen angesprochen werden. Aber die Wirklichkeit ist eben vielfältiger und durch eine repräsentative Studie geraten dann auch jene in den Blick, die sonst eher vergessen werden. Und das ist die schweigende Mehrheit.

Warum glauben Eltern von minderjährigen Kindern, immerhin 52 Prozent, an Gott?

Dazu hätten wir Tiefeninterviews führen müssen. Meine persönliche Meinung: Weil jedes Kind an den Schöpfer erinnert.

Der letzte Staatschef der Sowjetunion, Michael Gorbatschow, hatte einstmals gesagt, dass die Gesellschaften kaputt gehen, wenn man die Familie zerstört. Wie können Sie dieses Zitat demoskopisch unterfüttern?

Kaputte Familien sind eine Belastung für die Gesellschaft, gesunde Familien eine Stütze. 70 Prozent der Befragten mit Kindern verbinden mit der „traditionellen“ Familie aus Mutter, Vater und Kindern eher etwas Positives. Die Menschen spüren die positive Kraft, die daraus erwächst.

Fragen: Dr. Dr. Stefan Groß

Das Buch zur Studie kann ab sofort bei der INSA-Stiftung gGmbH, Arndtstraße 1, 99096 Erfurt, info(at)insa-online.de, 0361-38039570, für 20,00 € bestellt werden.

Bildnachweis: Titelbild: ©New Africa – stock.adobe.com, Portrait: ©H. Binkert

Über Stefan Groß-Lobkowicz 2096 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, Magister und DEA-Master (* 5. Februar 1972 in Jena) ist ein deutscher Philosoph, Journalist, Publizist und Herausgeber. Er war von 2017 bis 2022 Chefredakteur des Debattenmagazins The European. Davor war er stellvertretender Chefredakteur und bis 2022 Chefredakteur des Kulturmagazins „Die Gazette“. Davor arbeitete er als Chef vom Dienst für die WEIMER MEDIA GROUP. Groß studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Jena und München. Seit 1992 ist er Chefredakteur, Herausgeber und Publizist der von ihm mitbegründeten TABVLA RASA, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena arbeitete und dozierte er ab 1993 zunächst in Praktischer und ab 2002 in Antiker Philosophie. Dort promovierte er 2002 mit einer Arbeit zu Karl Christian Friedrich Krause (erschienen 2002 und 2007), in der Groß das Verhältnis von Metaphysik und Transzendentalphilosophie kritisch konstruiert. Eine zweite Promotion folgte an der "Universidad Pontificia Comillas" in Madrid. Groß ist Stiftungsrat und Pressesprecher der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung. Er ist Mitglied der Europäischen Bewegung Deutschland Bayerns, Geschäftsführer und Pressesprecher. Er war Pressesprecher des Zentrums für Arbeitnehmerfragen in Bayern (EZAB Bayern). Seit November 2021 ist er Mitglied der Päpstlichen Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice. Ein Teil seiner Aufsätze beschäftigt sich mit kunstästhetischen Reflexionen und einer epistemologischen Bezugnahme auf Wolfgang Cramers rationalistische Metaphysik. Von August 2005 bis September 2006 war er Ressortleiter für Cicero. Groß-Lobkowicz ist Autor mehrerer Bücher und schreibt u.a. für den "Focus", die "Tagespost".