Johann Wolfgang Goethe und Leonardo da Vinci: Über Seelenverwandtschaften genialer Denker

mona lisa malerei kunst leonardo da vinci künstler, Quelle: Free-Photos, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig
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Zwei Geister, zwei Welten, zwei Universalgenies: Der eine feierte seinen Siegeszug in der Renaissance, der andere in Zeiten von Aufklärung und Klassik. Während sich Johann Wolfgang Goethe mit seinem „Werther“ früh verewigt, war es Leonardo da Vinci, der vor 500 Jahren verstarb, mit seiner „Mona Lisa“, die ihn zur Legende werden ließ und Weltruhm einbrachte. Verzückt lächelt sie über die Jahrhunderte hinweg und bleibt doch das Geheimnis ihres Schöpfers.

Suche nach dem Prinzip der Kunst

Gleichwohl der Weimarer Olympier Johann Wolfgang Goethe und das Universalgenie Leonardo da Vinci verschiedenen Epochen entstammen, verbindet doch vieles den ehemaligen Staatsminister, Naturforscher und Italienreisenden Goethe mit dem Genie der milden Schönheit – da Vinci. Die Dinge an sich zu betrachten, zum Wesenskern vorzustoßen, die induktive Methode der deduktiven Rekonstruktion vorzuziehen – dafür standen beide gleichermaßen. Maximen der Kunst galt es zu finden – sie herauszufiltern, Sinn und Ziel ästhetischer Reflexion.

Nun waren weder Goethe und da Vinci derart gottesfürchtige Menschen, die mit dem Letzten, das alles begründet, das Göttliche Absolute allein vermeinten finden zu müssen, was die beiden hingegen vielmehr verband, war das allgemeine Gesetz in allen aufzusuchen, das Quasi-Muster, das in aller Kontingenz bestehen bleibt. Oder anders formuliert: Zur Imago Dei trat die Natur als etwas Objektives hinzu. Und Kunst war die Synthese – zum Himmel verweisend und zur Erde sich neigend. Kunst erwies sich so für beide als Abbild einer Regel, als Ausdruck von Ordnung und letztendlich rückführbar auf die Gesetze der Natur.

Der Geist der Naturforscher

Goethe war begeisterter Naturforscher und Philosophien nicht abgeneigt, die sich empirisch den Phänomen näherten, und da Vinci ein glorreicher Vertreter der Renaissance, der nicht zu Ficino und dem Neuplatonismus samt metaphysischer Supraspekulation und Negativer Theologie à la Pseudo Dionysios Areopagita oder Plotin zurückwollte, sondern zur Natur und der in ihr lebendigen Gesetze. Ganz dem Geist der Renaissance verpflichtet, galt es die Natur zu adeln, nicht zuletzt als Abbild göttlicher Harmonie und Ordnung, aber sie letztendlich auch in ihrer eigenen Gesetzmäßigkeit und damit als autonome Kraft zu durchdringen.

Diese Gesetze freizulegen, das Unsichtbare sichtbar zu machen, die Regelmäßigkeit und Gesetzmäßigkeit zu entdecken, dieser Arbeit hatte sich Leonardo da Vinci wie später Goethe hingegeben – der eine in der Literatur und Malerei, der mit Meyer nach Rubriken und Schemen suchte, um Regularien für die Kunst aufzustellen, der andere anhand tausender von Skizzen, Zeichnungen und Gewandstudien. Da Vinci war ein minutiöser Chronist seiner Ideen, ein Selbstreflektierer und Zweifler, stets und ständig in Aktion alles Faktische zu sammeln, zu skizzieren. Ein Aktionist, wenn es um die alltäglichen Dinge ging.

Diese „tägliche […] Buchführung mit sich selbst“ war auch für Goethe von großer Bedeutung, wie er 1827 gegenüber Kanzler Friedrich von Müller formulierte. Immer hatte er einen Skizzenblock zur Hand. Selbst nachts stand er auf und notierte seine Ideen, dokumentierte alles gleichwohl für die Literatur sowie die Wissenschaft.

Erfinder par excellence

Goethe entdeckte den Zwischenkieferknochen, entwickelte gegen alle Widerstände, selbst gegen Newton, seine Farbenlehre. Zeitlebens blieb er zweifelnder Neptunist, Sammler und Botaniker. Da Vinci hingegen war leidenschaftlicher Anatom, sezierte Leichname, war ein versiert-innovativer Konstrukteur von Kriegsgeräten, Vermesser der Welt und detailgetreuer Chronist der sich wandelnden Natur. Legendär seine Erfindungen wie die Taucherglocke, der Fallschirm, die Druckpumpe, die Drehbank, der Brennspiegel sowie seine Stadtentwürfe nach der verheerenden Pestepidemie von 1484/85.

Dem Leben galt es für da Vinci die Geheimnisse abzulauschen, in die Brunnenstuben hinabzusteigen. Und dies bedeutete, gemäß da Vincis Maxime von Trial and Error, induktiv zu verfahren, denn nur so vermag es der Künstler, Kunst nicht à la Aristoteles abzubilden, sondern Kunst auf ein wissenschaftliches Fundament zu stellen, das der Natur dann nicht nur die Geheimnisse ablauscht, sondern die Struktur der Natur selbst abbildet.

Kunst als Wissenschaft

Da Vinci penibel aufgezeichnete Tagebücher, „die Codici“, geben Auskunft über seine analytische Methode, die sich von mittelalterlicher Dogmatik und Darstellungskunst radikal verabschiedete und statt ihrer die von der Physik durchdrungene Natur nicht als Landschaftsidylle, sondern als wahrhaft durchdachte in den Hintergrund vieler seiner Bilder, so auch der „Mona Lisa“ stellte. Ein Zurück zur Antike wollte da Vinci ebenso wenig wie Goethe. Die Pracht der antiken Kunst durch Imitation von Modellen wiederzubeleben, davon hielt auch er wenig.

Imitation ist gar keine Kunst, so wird es später Goethe formulieren, wenn er dafür plädiert, dass wahrhafte Kunst lediglich eine sein kann, der die Kategorie der Erfindung, eine zweite Natur quasi, zugrunde liegt. Dies gilt um so mehr dann auch für da Vinci, denn Kunst versteht er als etwas, in der sich die Idee samt physikalischen Gesetz materialisiert hat, und die als empirische zugleich auf das Unendliche als Endliche hinausweist.

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Stefan Groß-Lobkowicz
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Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, M.A., DEA-Master, geboren 1972, studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte an den Universitäten Jena und München. 1992 gründete er die Tabula Rasa, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken und 2007 die Tabula Rasa, Die Kulturzeitung aus Mitteldeutschland, 2011 Zeitung für Gesellschaft und Kultur