Ein ungewöhnliches Doppel
Maria Lassnig und Edvard Munch liegen biografisch weit auseinander. Gerade deshalb ist die neue Zürcher Gegenüberstellung interessant. Das Kunsthaus Zürich zeigt „Maria Lassnig und Edvard Munch. Malfluss=Lebensfluss“ vom 2. Oktober 2026 bis 21. Februar 2027. Die Ausstellung war zuvor in Hamburg zu sehen.
Munch machte Angst, Krankheit, Begehren und Einsamkeit zu Bildthemen, lange bevor Psychologie zum Alltagsvokabular wurde. Lassnig arbeitete mit Körperbewusstsein und malte nicht, wie ein Körper aussieht, sondern wie er sich anfühlt. Beide misstrauen der Oberfläche.
Diese Gemeinsamkeit ist heute erstaunlich aktuell. Unsere Gegenwart produziert ununterbrochen Körperbilder, aber selten Körpererfahrung. Kameras glätten Gesichter, Plattformen normieren Posen, Fitnessdaten übersetzen Empfindung in Messwerte. Munch und Lassnig erinnern daran, dass ein Körper nicht mit seinem Bild identisch ist.
Das macht die Ausstellung mehr als zu einem kunsthistorischen Vergleich. Sie stellt zwei Formen der Selbstbeobachtung nebeneinander, die weder Wellness noch Selbstdarstellung kennen. Bei beiden wird das Ich instabil. Körper sind verletzlich, deformiert, begehrend, krank, lebendig.
Solche Gegenüberstellungen funktionieren nur, wenn sie Unterschiede nicht einebnen. Munch war Symbolist und Expressionist, Lassnig arbeitete in einer völlig anderen historischen Situation. Ein kuratorischer Dialog darf keine künstliche Gleichzeitigkeit erzeugen.
Das Kunsthaus spricht von rund 150 Arbeiten, darunter 78 Gemälde. Das Haus besitzt zugleich die größte Munch-Gemäldesammlung außerhalb Norwegens. Die Doppelschau ist also nicht aus einer zufälligen Leihgabe entstanden, sondern aus einem starken eigenen Bestand.
Der Körper als Erkenntnisinstrument
Lassnig bezeichnete Munch als wichtigen Bezugspunkt. Die Ausstellung zeigt deshalb nicht nur formale Ähnlichkeiten, sondern eine belegbare Rezeptionsgeschichte. Linienführung, Farbe, Krankheit, Natur und Körperwahrnehmung werden gegeneinander gelesen.
Der kuratorische Gewinn liegt darin, Einfluss nicht als Einbahnstraße zu behandeln. Natürlich konnte Munch Lassnig nicht kennen. Aber Lassnigs Werk verändert rückwirkend unseren Blick auf Munch. Museen können Geschichte nicht verändern, wohl aber die Fragen, die wir an sie stellen.
Die Ausstellung umfasst nach Angaben des Kunsthauses rund 150 Arbeiten und entstand gemeinsam mit der Hamburger Kunsthalle. Sie ist damit keine kleine These, sondern ein aufwendiger Vergleich über Generationen hinweg. Solche Doppelschauen tragen ein Risiko: Sie können Unterschiede in eine kuratorische Idee pressen. Hier spricht für den Ansatz, dass Lassnigs Bezug auf Munch dokumentiert ist.
Auch der Ausstellungstitel stammt aus Lassnigs eigener Arbeit. „Malfluss = Lebensfluss“ beschreibt Malerei nicht als Illustration von Gedanken, sondern als körperlichen Prozess. Bei Munch wie bei Lassnig wird Farbe deshalb zum Träger von Empfindung, nicht zur bloßen Oberfläche.
Die rund 150 Werke erlauben es, Wiederholungen und Unterschiede über längere Zeiträume zu verfolgen. Bei Munch kehren Motive wie Einsamkeit, Krankheit und Beziehungen in Varianten wieder; bei Lassnig verändert sich der eigene Körper immer wieder zum malerischen Versuchsfeld.
Für die Wahrnehmung ist wichtig, dass Lassnig nicht als bloße Nachfolgerin Munchs gezeigt wird. Ihr Konzept des Körperbewusstseins ist eigenständig und theoretisch präzise. Die Ausstellung nutzt den historischen Einfluss, um Unterschiede schärfer zu machen.
Ausstellung gegen die glatte Gegenwart
Solche Doppelschauen sind dann gelungen, wenn der Besucher nachher beide Künstler weniger bequem einordnen kann als vorher. Kunstgeschichte gewinnt nicht durch einfachere Kategorien, sondern durch bessere Vergleichsmöglichkeiten.
Der Zürcher Bestand an Munch ist für die Ausstellung zentral. Ein Museum, das selbst stark sammelt, kann Vergleiche langfristig vorbereiten und muss nicht jede These vollständig über Leihgaben konstruieren. Das ist ein Vorteil gegenüber reinen Ausstellungshäusern.
Die Ausstellung macht außerdem Krankheit und Tod ausdrücklich zu Themen. Das verhindert eine verkürzte Lesart, die Lassnig nur über Körper und Munch nur über Angst definiert. Beide beschäftigen sich mit Natur, Beziehungen und Lebenszyklen.
Gerade solche Doppelschauen verlangen vom Besucher aktive Vergleichsarbeit. Sie liefern keine lineare Biografie, sondern springen zwischen Zeiten und Werken. Das kann anstrengender sein als eine klassische Retrospektive – und intellektuell produktiver.
Wenn er gelingt, entsteht aber etwas Seltenes: Man sieht Bekanntes anders, weil es neben etwas Fremdem hängt. Gute Ausstellungen beweisen nicht, dass zwei Künstler „ähnlich“ waren. Sie erzeugen eine Frage, die ohne diese Nachbarschaft nicht entstanden wäre.
