METACULT: Kulturtransfer in Architektur und Stadtplanung, Straßburg 1830-1940

Tranferts culturels dans l’architecture et l’urbanisme, Strasbourg 1830-1940,

Treppenhaus, Foto: Stefan Groß

METACULT: Kulturtransfer in Architektur und Stadtplanung, Straßburg 1830-1940, Tranferts culturels dans l’architecture et l’urbanisme, Strasbourg 1830-1940, Deutscher Kunstverlag, Berlin 2018, ISBN: 978-3-422-07432-3, 49,90 EURO (D)

Straßburg ist Sitz zahlreicher europäischer Einrichtungen, unter anderem Europarat, Europaparlament, Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, Europäischer Bürgerbeauftragter und Eurokorps. Teile der Innenstadt, die mittelalterliche Altstadt auf der Grande-île und die Neustadt, sind unter dem Titel Straßburg: von der Grande-Île zur Neustadt, eine europäische Stadtszenerie UNESCO-Weltkulturerbe.

Dieses Buch beschäftigt sich mit den deutschen und französischen Einflüssen des architektonischen Kulturerbes der Stadt, ihren Institutionen und prägenden Stadtplanern und Architekten. Dieser wechselseitige Kultureinfluss wird nicht mehr als Gegensatz empfunden, sondern durch die engeren Bindungen zwischen beiden Ländern „die Besonderheit Straßburg ausmacht und einen wesentlichen Beitrag zu seiner Identität geleistet hat.“ (S. 13) Das Buch ist entstanden aus dem Projekt „Histoire Croisée“, einer Zusammenarbeit von deutschen und französischen Experten und ist gleichzeitig in beiden Sprachen erschienen.

Neben den Festungen Metz und Köln wurde Straßburg nach 1871 zu einer der wichtigsten Festungen im Westen des Deutschen Reiches ausgebaut. Im Zuge der Stadterweiterung entstand eine moderne Umwallung, die ältere Wallabschnitte aus der französischen Zeit miteinbezog. Von den Wallanlagen sind im Osten der Stadt Reste der Zitadelle von Vauban erhalten, vor allem aber große Teile der preußischen Befestigungen entlang der rue du Rempart hinter dem Bahnhof, darunter das imposante „Kriegstor“. Hier sind heute noch Grabenwehren aus Eisen zu sehen, damals und heute eine absolute Seltenheit. Neben dieser inneren Umwallung entstand in weitem Umkreis um die Stadt ein Festungsgürtel nach dem Einheitsfortsystem von Hans Alexis von Biehler, von denen die meisten heute noch stehen

1872 wurde die Universität als „Kaiser-Wilhelm-Universität“ neu gegründet und entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einer der bedeutendsten Hochschulen im Deutschen Reich. Eine weitere wichtige Veränderung des Stadtbilds brachte der vor allem aus militärischen Gesichtspunkten vorangetriebene Bau des neuen Straßburger Bahnhofs mit sich, der 1883 eingeweiht wurde und bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts weitgehend unverändert blieb. Mit dem Wiederaufbau des im Krieg vernichteten Stadtarchivs wurde der Historiker Rodolphe Reuss beauftragt. Die Neugründung und Bestückung der Kunstsammlungen leitete 1889 bis 1914 der kaiserliche Kurator Wilhelm von Bode. Die im Krieg zerstörte Bibliothek wurde, ebenfalls von Reuss, unter anderem durch Schenkungen aus dem ganzen Deutschen Reich zu einer der bedeutendsten Universitätsbibliotheken aufgebaut). Mit der wilhelminischen Neugestaltung der Stadt wurden vor allem die Architekten Hermann Eggert, August Hartel, Skjøld Neckelmann, Otto Warth, Jacques Albert Brion und Fritz Beblo beauftragt, weitere repräsentative Aufträge gingen unter anderem an Ludwig Becker, Ludwig Levy und Carl Schäfer sowie an Karl und Paul Bonatz.

Die Sozialdemokraten beeinflussten zusammen mit den Linksliberalen die Kommunalpolitik wesentlich. Die Neustadt wurde mit zahlreichen repräsentativen Bauten angelegt. Unter dem Bürgermeister Rudolf Schwander wurde 1906  der sogenannte Großen Durchbruch realisiert. der zum umfangreichsten städtischen Sanierungsprojekt im Deutschen Reich wurde. Es wurden heruntergekommene Armenviertel abgerissen und durch großzügig gestaltete Neubauten ersetzt. Ein vorbildliches Reglement der städtischen Armenfürsorge und Gesundheitsvorsorge wurde eingeführt, das Straßburger System. Im Rahmen der kommunalen Gesundheitsfürsorge wurden ein städtisches Volksbad und ein Tuberkulose-Sanatorium in den Vogesen errichtet. Dem wirtschaftlichen Aufschwung diente der Ausbau des Straßburger Rheinhafens.

Neben diesen Informationen werden auch Bilder und viele historische Karten gezeigt, die die unterschiedlichen Phasen der Stadtentwicklung visualisieren. Im Register können neben biografischen Angaben zu Protagonisten die einzelnen Objekte und Stadtviertel gut nachgeschlagen werden. (S. 99-128) Die politischen Verhältnisse zwischen 1830 und 1940 spiegeln sich auch in der Architektur und Stadtplanung wider. Die wechselnden politischen Verhältnisse können jedoch als historisches Hintergrundwissen nicht vorausgesetzt werden, daher hätte ein einleitendes Kapitel am Anfang mit hineingehört.

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