Nachgeborene Schlesierin

Bild von Richard Revel auf Pixabay

Das Buch heißt „Briefe nach Breslau“ (2020) und ist der Versuch, die Geschichte der schlesisch-jüdischen Familie Lasker mit Aufzeichnungen, Briefen, Fotos aus dem geretteten Familienarchiv zu rekonstruieren. Geschrieben hat dieses Buch die 1958 in London geborene Marianne Jacobs-Wallfisch. Sie ist die Enkeltochter des Breslauer Rechtsanwalts Alfons Lasker, der mit seiner Ehefrau Edith, einer Geigerin, am 9. April 1942 nach Polen deportiert und dort erschossen wurde.

Ihre Mutter Anita Lasker, geboren 1925, und ihre Tante Renate Lasker, geboren 1924, mussten 1942 in einer Breslauer Fabrik Zwangsarbeit verrichten, während es ihrer älteren Schwester Marianne (1921-1952) noch gegen Jahresende 1939, als der Zweite Weltkrieg schon begonnen hatte, gelungen war, als Begleiterin eines Transports jüdischer Kinder nach England zu entkommen. Renate und Anita Lasker versuchten dann, mit gefälschten Pässen vom Breslauer Hauptbahnhof nach Frankreich zu fliehen, wurden aber verhaftet und vor Gericht gestellt. Da sie am 5. Juni 1943 von einem Breslauer Gericht wegen „Urkundenfälschung“ verurteilt und demnach als „Kriminelle“ eingestuft waren, blieb ihnen in Auschwitz der Tod in der Gaskammer erspart. Anita war, bevor Renate im Lager eingetroffen war, als Cellistin ins Lagerorchester aufgenommen worden und hatte besondere Haftbedingungen. Im November 1944 wurden die beiden Schwestern in einem Gefangenentransport ins Konzentrationslager Bergen Belsen verbracht, wo sie am 15. April 1945 von britischen Truppen befreit wurden.

Renate Lasker wurde nach der Befreiung zunächst Dolmetscherin bei der Britischen Rheinarmee, später arbeitete sie als Journalistin für den BBC in London und für den WDR in Köln und war ZDF-Korrespondentin in den Vereinigten Staaten. Mit ihrem Ehemann, dem Journalisten und Buchautor Klaus Harpprecht (1927-2016), lebte sie in Südfrankreich. In ihrem Roman „Familienspiele“ (1972) hat sie ihre KZ-Erfahrungen verarbeitet.

Ihre ein Jahr jüngere Schwester Anita ging 1946 nach England und wurde in London Mitbegründerin des „English Chamber Orchestra“, wo sie bis zur Jahrtausendwende als Cellistin auftrat. Sie heiratete den Pianisten Peter Wallfisch (1924-1993), der auch aus Breslau stammte und als Professor am „Royal College of Music“ lehrte. Mit ihm hatte sie die beiden Kinder Raphael und Marianne. Über ihre KZ-Erfahrungen hat sie das Buch geschrieben „Ihr sollt die Wahrheit erben. Die Cellistin von Auschwitz“ (1997).

Maya Lasker-Wallfisch, unter welchem Verfassernamen ihre „Briefe nach Breslau. Meine Geschichte über drei Generationen“ erschienen sind, bot das Aufschreiben der Familiengeschichte die Möglichkeit, das Schicksal ihrer Mutter, von dem sie nur Bruchstücke kannte, zu ergründen und zu verarbeiten. Denn ihre Eltern sprachen, um die Kinder zu schonen, nur Deutsch miteinander, eine Sprache, die sie nicht verstand. Anders als ihr 1953 geborener Bruder Raphael, dessen drei Kinder auch Musiker sind, war sie in die Londoner Drogenszene abgeglitten, galt als psychisch labil und beziehungsunfähig und war hochverschuldet. Die Ehe mit dem Sohn eines jüdisch-orthodoxen Rabbiners scheiterte. Irgendwie und irgendwann bekam sie aber sicheren Boden unter die Füße, sie wurde Suchtberaterin und arbeitet heute als Psychotherapeutin.

Als Anita Lasker-Wallfisch um 1990 ihren beiden Kindern das Manuskript ihrer Lebenserinnerungen übergeben hatte und mit ihnen darüber sprach, wurde die Sprachlosigkeit aufgehoben. Das führte so weit, dass Maya, ihr Bruder Raphael und dessen Kinder die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben.

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Jörg Bernhard Bilke
Über Jörg Bernhard Bilke 207 Artikel
Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.