VegetarischeDystopie?

Am Wochenende, 21. und 22. März, fanden weltweit und vielerorts Veranstaltungen unter der Überschrift MEAT OUT – LEBEN UND LEBEN LASSEN statt. Diese Fleisch-Ade-Bewegung wurde 1985 in den USA initiiert. Seitdem lassen immer mehr Veranstalter und Bürger in einem locker geflochtenen Aktionsbündnis ihre Phantasie spielen, damit zweierlei nicht mehr auf den Teller kommt: Fleisch und Fisch. Informationsstände, verteilte Rezepte und selbstgefertigte Leckerbissen sollen zum Nachdenken anregen und den Weg in die Fleischlosigkeit bahnen helfen. Es bedarf keiner tiefgehenden Gedankenexperimente und man muss nicht lange abschmecken, um zuzugestehen, dass eine vegetarische Ernährung für alle beteiligten Menschen und Tiere besser ist. Ökologische, ethische und gesundheitliche Aspekte sprechen dafür. Woran es fehlt, ist vor allem Willenskraft. Wird indes weiterhin viel und in steigendem Maße Fleisch gegessen, so werden schon die Kindeskinder, etwa im Jahr 2099, keine Werbung mehr für den Vegetarismus zu machen brauchen. Das britische Wissenschaftsmagazin NEW SCIENTIST projiziert in das Jahr 2099 eine vegetarische Dystopie. Infolge der Klimaerwärmung und daraus resultierender Überschwemmungen dürfte die auf unserem Planeten für den Landbau verfügbare Fläche bis zum Ende dieses Jahrhunderts stark zurückgegangen sein. Die auf den verbleibenden Flächen angebauten Pflanzen werden vornehmlich der Ernährung von Menschen dienen. Kaum jemand wird noch der – rückblickend – unmenschlichen Idee anhängen: mit Getreide, das Menschen satt machen kann, Tiere zu mästen, um diese dann zu schlachten und zu verspeisen.

Tiere zu verspeisen, würde aber nicht erst in Zukunft inhuman sein, sondern ist es schon heute: Sie werden mit Getreide oder Sojabohnen gemästet, für deren Anbau in großem Stil Wälder vernichtet werden. Was wiederum entscheidend zur Erderwärmung beiträgt. Gerade sind in der Pampa Argentiniens etwa eine Million Rinder verdurstet. Dort wird jetzt Soja für die Fleischmast angebaut. Weil die Gier nach Fleisch unermesslich ist, wird die Zukunft schließlich erzwungenermaßen fleischlos sein. Wie groß der Unwille tatsächlich ist, sich menschlich zu ernähren, wird im Ausdruck vegetarische Dystopie manifest. Warum aber muss denn eine fleischlose Zukunft gleich als Negativutopie gesehen werden? Man kann es auch anders, positiv, wenden: Karneval – wörtlich: Enthebung vom Fleischgenuss – bezeichnete ursprünglich den Tag vor Beginn der Fastenzeit, jenen Tag, an dem man das letzte Mal Fleisch essen durfte. Die Zukunft wird ein nicht enden wollender Karneval der ungeborenen Tiere sein, ein ewiges Fleisch, lebe wohl!

Über Karim Akerma 76 Artikel
Dr. Karim Akerma, 1965 in Hamburg geboren, dort Studium u.a. der Philosophie, 1988–1990 Stipendiat des Svenska Institutet und Gastforscher in Göteborg, Lehraufträge an den Universitäten Hamburg und Leipzig, Tätigkeit als Übersetzer aus dem Englischen, aus skandinavischen und romanischen Sprachen. Wichtigste Publikationen: „Verebben der Menschheit?“ (2000), „Lebensende und Lebensbeginn“ (2006) sowie "Antinatalismus - Ein Handbuch" (2017).

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