Zum 10. Todestag von Brigitte Schwaiger – Passion einer Autorin

Cover des Romans „Wie kommt das Salz ins Meer“

Das Werk von Brigitte Schwaiger soll nicht in Vergessenheit geraten. Aufklären muss man die Umstände ihres Todes.

Es war der FAZ doch wichtig, die Erinnerung an die österreichischen Autorin Brigitte Schwaiger zu bewahren.  Einst wurde sie gefeiert für ihren Roman „Wie kommt das Salz ins Meer“, der 1977 erstmals erschien, mit mehr als 550.000 verkauften Exemplaren, übersetzt in 15 Sprachen und gelungen verfilmt. Zehn Jahre nach ihrem tragischen Tod erschien der Beitrag:
Die vielfach Verlorene (FAZ, 29. 6. 2020)

Es sollte für die FAZ eine Bewertung der Literatur von Brigitte Schwaiger vorgenommen werden. Dargestellt wurde der Bezug der Autorin zur Methode der „l`écriture automatique“, die André Breton entwickelte. Brigitte Schwaiger demaskierte den bürgerlichen Sprachgebrauch, wie der „Ohrenzeuge“ Elias Canetti lauschte sie auf die feinen Untertöne. Dabei mit einem Sinn für skurrile Szenen, die auch in ihren Erzählungen bühnenwirksam geschrieben wurden.


Wichtige Begleiterin


Brigitte Schwaiger wirkte anregend auf die nächste Generation von Schriftstellerinnen und wurde zu einer wichtigen Begleiterin des literarischen Schaffens. Für die Einschätzung des Werks von Brigitte Schwaiger wurde auch die Autorin Gertraud Klemm befragt:

„Für mich hat Brigitte Schwaiger ein Tor zum autobiographischen Schreiben geöffnet, das sich nicht hinter althergebrachten Denkmustern verstecken muss. Sie hat tabulos und mutig geschrieben über frauenbiografische, vom Bewertungsbetrieb geächtete Themen, wie Machtstrukturen in Sexualität, Beziehungen und Körperbilder“, erzählte uns Gertraud Klemm, die an der Wiener „Schule für Dichtung“ lehrt.

In „Aberland“, dem zweiten Roman von Gertraud Klemm, werden diese Themen dargestellt, ebenfalls mit autobiographischen Bezügen. Klemm gewann 2014 für ein Kapitel aus diesem Werk den Publikumspreis beim Ingeborg-Bachmann-Bewerb.


Kultur des Holzfällens

Die Leser, die in den frühen achtziger Jahren fast fanatische Anhänger von Thomas Bernhard waren, sie sollten auch eine bedeutende Zielgruppe von Brigitte Schwaiger sein. Thomas Bernhard wurde in Österreich mit Schwierigkeiten konfrontiert. Seine Sittenbilder der österreichischen Verhaltensweisen wurden als provokant empfunden.  Sein Roman „Holzfällen“, der 1984 erschien, wurde beschlagnahmt. Darin zeigte Bernhard sich angewidert von einem bürgerlichen Salon, der Gespräche über Kunst führt, so wie einst Marcel Proust in „Le Côté de Guermantes“ einen solchen Salon kritisch betrachtete.


„Holzfällen“ wurde als angeblicher Schlüsselroman entdeckt, die Personen der Handlung identifiziert. Mit Gerichtsbeschluss wurde der Verkauf in Österreich verboten. Der Roman aus den Regalen geräumt. Die österreichischen Leser mussten über die Grenze zu den deutschen Buchhandlungen fahren, um ein Exemplar zu erwerben. So mancher, der die Bücher von Bernhard schätzte, fuhr rasch von Wien bis München. „Holzfällen“ erschien im Suhrkamp Verlag, der für Nobelpreisträger Peter Handke und auch für Thomas Bernhard, das naturgemäß sogenannte „enfant terrible“, von so entscheidender Bedeutung war.

Thomas Bernhard wurde später, zur Zeit der Uraufführung seines Stücks „Heldenplatz“ am Burgtheater, nach all dem Zorn, den er vom österreichischen Boulevard bekam, von einem aufgebrachten Passanten in den Rinnsal gestoßen, so wurde es berichtet.

Sachwalter übernimmt

Auch Brigitte Schwaiger kam in Österreich rasch mit Problemen in Berührung, die sie kaum noch bewältigen konnte.  Schwierigkeiten mit der Justiz, Vermögenskonfiskation durch Sachwalterschaft, stationärer Aufenthalt in der Psychiatrie, Verabreichung schwerer Neuroleptika.

Brigitte Schwaiger berichtete von „einer schwierigen Gerichtsverhandlung“, mit der sie von 1992 bis 1994 beschäftigt war. In der Folge bereitete Brigitte Schwaiger eine Arbeit über Justizopfer vor.  

Die Einnahmen von Brigitte Schwaiger wurden von einem Sachwalter übernommen. Obwohl die Autorin bis zuletzt deutlich in der Lage war, ihre ausführliche Korrespondenz selbst zu führen.  Sie schrieb am 6. Juli 2009 noch an das Literaturhaus Wien:

„Sehr geehrte Herrschaften! Ich habe kein Geld! Brigitte Schwaiger”.

Die Autorin war zuvor mit dem Literaturhaus bereits mehrfach in Kontakt, um ihre Situation zu schildern, in die sie durch die Sachwalterschaft geraten ist. Noch am 8. April 2009 sendete die Autorin einen Brief an den Direktor des Literaturhauses Wien. Sie ersuchte ihn um 40 Euro.

Das ist ein Betrag, den Brigitte Schwaiger zu diesem Zeitpunkt durch ihre Bücher verdienen sollte. Das Buch „Fallen lassen“ erschien 2006 und wurde von den Medien beachtet. Im April 2009 sollte deshalb Schwaiger über 40 Euro verfügen können. Insbesondere, da man sie in der Psychiatrie unterbrachte, wo sie kaum Geld ausgeben konnte. Allerdings benötigte die Autorin weiterhin Schreibmaterial, Kugelschreiber und Briefmarken. Brigitte Schwaiger wollte weiterhin Bücher und Zeitschriften erwerben und lesen, um ihre Tätigkeit als Schriftstellerin fortsetzen zu können.

Fast zehn Jahre nach ihrem Tod wurde die Verlassenschaft von Brigitte Schwaiger noch nicht geklärt. Das Bezirksgericht in Wien-Fünfhaus bestellte im Juni 2012 einen Verlassenschaftskurator, der die Verwertung des Werkes von Brigitte Schwaiger besorgen soll. Obwohl rechtmäßige Erben vorhanden wären. 


In der Welt der Netzbetten


Am 13. Juni 2002 trat Brigitte Schwaiger noch in Klagenfurt auf. Sie wurde vom P.E.N.-Club Kärnten eingeladen. Es war ihre letzte öffentliche Lesung. An diesem Tag  fuhr sie auch nach Maria Saal, rund 10 Kilometer entfernt, um dort beim Requiem für den Komponisten Gerhard Lampersberg teilzunehmen.

Brigitte Schwaiger war gut integriert in die österreichische Kulturlandschaft. Sie lebte als Autorin im Kreis von Autoren. Dann kam sie im November 2002 in Wien in die psychiatrische Klinik, die in der Stadt unter dem Namen „Steinhof“ bekannt ist.

Auch in der Anstalt war die Autorin Schwaiger durchaus in der Lage, eine gute Kommunikation zu halten:
„Jedenfalls spielte ich eine Zeitlang Vermittlerin zwischen Netzbettinsassinnen und dem Pflegepersonal, bis ein Pfleger mich bat, solcher Vermittlerdienste zu unterlassen“, berichtete Brigitte Schwaiger in ihrem Buch „Fallen lassen“.

Aufgrund von schweren Vorfällen in der psychiatrischen Klinik war der Gemeinderat der Stadt Wien im Februar 2008 gezwungen, eine Untersuchungskommission einzusetzen. Der daraus resultierende Bericht wurde im Februar 2009 vorgelegt: „Gravierende Missstände in der Versorgung von psychiatrischen PatientInnen im Verantwortungsbereich der Gemeinde Wien“ (19. 2. 2009, 44 Seiten).


Chemische Fixierung

Neuroleptika werden in der Psychiatrie eingesetzt unter den Begriffen: „Chemische Fixierung“ und „Fesselung durch Medikamente“. In den neunziger Jahren war es in der Anstalt Steinhof durchaus gebräuchlich, dass Patienten routinemäßig  Neuroleptika mit dem Wirkstoff Haldoperidol zugeführt wurden.  Zu den schlimmen Wirkungen zählen Symptome der Parkinson-Erkrankung. Gedanken an Suizid sind eine durchaus übliche Begleiterscheinung.  


Haldol steht in der „Roten Liste“, der Arzneimittelinformation für Deutschland, mit dem Hinweis: „Achten Sie auf schwerwiegende Nebenwirkungen“.  Auch Brigitte Schwaiger litt darunter. Sie berichtete, dass sie konzentrationsgestört und depressiv sei, sie leide unter Gehstörungen und Bewegungsstörungen, sie hätte „nicht mehr das Gefühl, eine Schriftstellerin zu sein“.

Man fand die Autorin am 26. Juli 2010 im Donaugewässer, das angeblich in Wien so blau sein soll. Die genauen Umstände ihres Todes bedürfen noch weiterer Untersuchungen.  

Links:

Brigitte Schwaiger: Die vielfach Verlorene (FAZ, 29. 6. 2020)

Sensengasse. Ehrengrab:  Über Leben und Sterben der Autorin Brigitte Schwaiger in Wien  (Tabula Rasa, 23. 2. 2020)

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