Zur Ästhetik des Mülls in der Hauptstadt und anderswo

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Zur Phänomenologie der Stadt gehören Street Art, der Dreck und die aus Sprühdosen stammenden Graffiti. Gegen die Farbprodukte aus deutscher Chemie ist kein handwerklich noch so sorgfältig aus rotem oder ockergelbem Klinker errichtetes Mauerwerk geschützt, kein unlängst sanierter S-Bahn-Bogen, keine frisch gestrichene Wand eines genossenschaftlichen Wohnblocks. Dass es anderswo nicht anders, nicht besser ist, wollen die Berliner nicht gelten lassen. Sie lieben ihren Kiez, mitsamt dem Müll. Politisch bereinigt werden in Berlin nur die Straßennamen. Herbert Ammon kommentiert die öffentliche Verwahrlosung der Hauptstadt.
 

Demos und Aktivismus für gute Zwecke – für die Klimarettung und/oder für offene Grenzen, gegen Coronaleugner, allgemein gegen Nazis – gehören zur politischen Kultur der Hauptstadt. Als vor knapp zwei Wochen Menschen (= Aktivist:Inn*en, w/m/d) die Stadtautobahn blockierten, um das Klima vor den Autofahrenden zu retten, fanden sie verständnisvolle Berichterstattung auf RBB. Denn Verkehrsstaus auf dem Stadtring sowie auf anderen, schlaglochreichen Verkehrsadern gehören seit je zum Berliner Stadtbild. Nur die BZ (Springer, nicht Holtzbrinck) entrüstete sich darüber, dass eine von Wehen geplagte Schwangere auf der Fahrt in die Klinik in die Blockade geriet. Zum Glück für die Berliner Autofahrenden ist die Klima-Kampftruppe in diesen Tagen, da wegen Putin Nord Stream 2  klimarettend gestoppt wird, nach Hamburg verlegt worden, um dort ihre Hintern  CO2-frei  auf die Straße zu kleben.

Zur Phänomenologie der Hauptstadt – mit einer grünen Senatorin für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz – gehören Street Art, der Dreck und die aus Sprühdosen stammenden Graffiti. Gegen die Farbprodukte aus deutscher Chemie ist kein handwerklich noch so sorgfältig aus rotem oder ockergelbem Klinker errichtetes Mauerwerk geschützt, kein unlängst sanierter S-Bahn-Bogen, keine frisch gestrichene Wand eines genossenschaftlichen Wohnblocks. Übernimmt die Versicherung die Kosten fürs Überstreichen des Sprühwerks? Wenn ja, steigt die Prämie. Und klar, wenn die Mieten steigen, sind die Miethaie schuld. Das alles wird sich erst ändern, wenn wir die „Deutsches Wohnen“ endlich enteignet haben…

Kein Briefkasten, kein Stromverteiler, keine Bushaltestelle, die nicht nächtens die schöpferischen Impulse der Kids im Kiez weckt. In den Augen reaktionärer Bürger und -innen mag es sich bei den als Graffiti deklarierten Sprühwerken um das handeln, was sie sind: sinnlose Schmierereien. Aber müsste der Dreck an der Bushaltestelle samt angrenzender Grünanlage – Pappbecher, Verpackungen von Schoko-Riegeln, Plastiktüten, Taschentücher, die von widrigen Winterwinden hingewehten Corona-Masken, ab und zu eine Red Bull-Flasche –  nicht auch den grün-linken Vorkämpfenden des umweltschonenden Nahverkehrs missfallen?  Nein, auch diese Produkte gehören zur hiesigen Street Art! Fragen zur Ästhetik kommen allenfalls aus dem Munde einer für die demokratische Kultur der Stadt irrelevanten Minderheit, womöglich aus der AfD-Ecke! Deren kleinbürgerlicher Geschmack beschränkt sich bekanntermaßen auf die Barockfassade des mit Bundestagsmehrheit wiedererrichteten Humboldt-Forums, der bildungsfernen Bevölkerung bekannt unter der Fehlbezeichnung „Schloss“. Solchen Leuten – alte weiße Männer, in Grunewald-Villen sozialisierte Damen mittleren Alters sowie Berlin-Touristen im Rentenalter – missfällt mutmaßlich auch der demokratische Appell auf den frisch gestrichenen Elektrokästen: Fuck Nazis!

Gehöre auch  ich zu der von Sauberkeitswahn besessenen reaktionären Minderheit? Noch befangen in derlei Selbsterforschung stieß ich unlängst auf die Beilage „Vier Seiten Kunst, Politik und Stadtgefühl“ in  „Der Tagesspiegel“ (05.02.2022). Da schreibt der Redakteur Werner van Bebber – unter der Überschrift „Stoppt die öffentliche Verwahrlosung!“ –  folgendes: „Berliner Straßen belegen die These der ´Broken-Windows-Theorie´: Wo Müll ist, wird mehr Müll. Mit der Umsetzung der Theorie hat ein ruppiger New Yorker Polizeichef seine Stadt wieder proper gemacht.“ (Anm: Der Text lässt den Namen Rudi Giuliani, Intimus von Donald Trump, unerwähnt.) Aber: „In Berlin schuf der Senat 2004 die Ordnungsämter, damit Ordnung werde. Viel hat sich nicht geändert“, außer „der Umgang mit der Hundescheisse…“

Hauptstädte sind außerhalb der Hauptstadt selten beliebt – zu Recht. Indes handelt es sich bei der demokratischen Toleranz von Müll – wie auf jeder Reise in deutsche Großstädte zu erfahren – keineswegs um eine Berliner Besonderheit. Das Frankfurter Bahnhofsviertel kann es locker mit dem Cotti, dem Helmholtzplatz oder der Warschauer Brücke aufnehmen. Eine nichtdeutsche Verwandte (ohne Doppelpass) bemerkte, dass Nürnberg „immer schmutziger“ werde, und dies ausgerechnet angesichts der UNO-Menschenrechtssäulen. Die Hansestadt Bremen übertrifft in puncto Dreck die Hauptstadt.

Dass es anderswo nicht anders, nicht besser ist, wollen die Berliner nicht gelten lassen. Sie lieben ihren Kiez, mitsamt dem Müll. Politisch bereinigt werden in der Hauptstadt nur die Straßennamen.

Quelle: Herbert Ammon

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Herbert Ammon (Studienrat a.D.) ist Historiker und Publizist. Bis 2003 lehrte er Geschichte und Soziologie am Studienkolleg für ausländische Studierende der FU Berlin. Seine Publikationen erscheinen hauptsächlich auf GlobKult (dort auch sein Blog https://herbert-ammon.blogspot.com/), auf Die Achse des Guten sowie Tichys Einblick.