Visuelles Geräuschdesign oder Wo sind die Momente?

„Als Kind war ich schlampig, unfähig, die Dinge zusammenzuhalten, dabei unkorrigierbar selbst durch den Satz: 'Du wirst in deinem Leben noch bittere Tränen vergießen über deine Unordnung.' Der Satz blieb stehen, der elterlichen Autorität wegen, und weil 'mein Leben' darin vorkam, für das ich kein Gefühl hatte. Tatsächlich sammelte ich vieles, verlor aber auch vieles, eine Kaurimuschel, einen Kanichenschädel, einen Hornlöffel, ein altes Puppenauge in einer Metallkapsel.“, schreibt Roger Willemsen in seinem neuen Buch „Momentum“. Ob nun das Puppenauge oder der Kaninchenschädel einen allzu großen Verlust darstellen, sei dahingestellt, aber Erinnerungen an die Kindheit wie Wärme, Empathie, Vertrauen und Liebe aber vielleicht auch Kälte, Misstrauen und Entfremdung, prägen einen Menschen oft das ganze Leben. Sie sind wichtig, um sich später seiner Identität bewusst zu sein.
Roger Willemsen hat aus seinen ganz persönlichen Erinnerungen, die gleichfalls bis in die Kindheit zurückreichen, aber eigentlich sein ganzes Leben betreffen, ein Buch gemacht. Ein Buch ganz aus seinen Momenten zusammengesetzt. Ein scheinbar wahlloses Stückwerk aus überschwelgenden Augenblicken, in denen das Glück fast greifbar scheint, aus kleinen undisziplinierten Reminiszenzen, aus Gerüchen, Situationen, Reiseeindrücken oder scheinbar aus dem Kontext gerissenen Gesprächsfetzen. „Schau, das übersprungene Leben, das mit dem schweifenden Blick bloß überflogene.“, ist man gewillt zu rufen. Willemsen glaubt seine Splitter aus den Rändern von Aktionen und Szenen, die ihm im Gedächtnis haften blieben. Er bringt sie zu Papier, um sie neu zu werten, vielleicht um ihrer habhaft werden zu können, sie beim „Greifen“ zu begreifen. „Im Reich der Beschreibung kann man Eigenschaften erwerben, die man für sich selbst nicht hat. Das Ich entsteht in einer Vermutung über dieses Ich. Sie fragt nicht, wer ich bin, eher, wer könnte ich sein?“, so der Autor.
All diese Momente besitzen, obwohl sie in keinem kausalen Zusammenhang gebracht werden und weder chronologisch geordnet noch sortiert sind, „eine Realität, die unfühlbar wurde, als sie vertraut war, und die vergessen werden musste, um jetzt endlich wieder wirklich werden zu können.“ Roger Willemsen ist es wunderbar gelungen, das Verschwinden der eigenen Vergangenheit in kleinsten Einheiten verstehbar zu machen. Dann nämlich „erfasst man sie in den Bildern vom Saum der Ereignisse, als man darauf starrte, wie sich das Handeln vom eigenen Selbst entfremdete und ein leeres, unkonzentriertes Handeln dazwischentrat.“ Hinzu kommt eine zuweilen sehr poetische Sprache und Wortwahl, die das Lesen schon allein darum zu einem Hochgenuss werden lassen: „Heute hatte ich das Gefühl, der neue Tag kommt nicht in jede Gegend. Der alte steht immer noch zwischen den Häusern und lehnt an den Hügeln. Der neue Tag erblaut auf den Kleidern, die sich an den Zweigen der Weiden aufgehängt haben. Sie sind eben schwer genug, damit sich die Spitzen dieser Zweige in den Fluss senken und diesen zeichnen können. Ein Seismograph, der die leisesten Erdstöße registriert.“
Fazit: „Kann sein, dass es sich schon um der Kindheit willen lohnt zu leben.“, fragt sich Roger Willemsen. „Sollte selbst ihr Glück unfühlbar sein, kann es als Bild oder als Dämmerung später doch noch Erscheinung werden.“ Der Autor hat ein wunderbares Buch aus einer Art Zwischenreich geschrieben, aus der er zurück- und vorausblickt, so als wollte er die Entfernung messen. Ein Buch das die Handlungen des Lebens beobachtet und das Unwiederbringliche geschehen und gehen lässt. „Chaotisches taucht auf, und in diesem Gestöber der Ausdrucksimpulse ist alles zugleich einzeln und allgemein, besonders und das Gleiche, und mitten darin entfaltet sich der Exzess des Gegenwärtigen.“ Der Leser selbst verfolgt mit den Augen „die weitschweifige Hypotaxe der Lebenslagen“ und fühlt sich aufs Großartigste unterhalten, ja berührt. Oder um es mit den Worten des Autors zu sagen: „Warum so glücklich, fragt man nicht, aber man empfindet den Wunsch, diesen Trommelwirbel der Zeichen nicht verstummen zu hören.“

„Alles berührt, alles trifft und mischt sich hier und läuft an einer Stelle zusammen.“ Roger Willemsen: Momentum)

Roger Willemsen
Momentum
S. Fischer Verlag, (September 2012)
316 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3100921070
ISBN-13: 978-3100921079
Preis: 21,99 EURO

Über Heike Geilen 597 Artikel
Heike Geilen, geboren 1963, studierte Bauingenieurswesen an der Technischen Universität Cottbus. Sie arbeitet als freie Autorin und Rezensentin für verschiedene Literaturportale. Von ihr ist eine Vielzahl von Rezensionen zu unterschiedlichsten Themen im Internet zu finden.

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