Von der tätigen Freiheit – Der „Erasmier“ Ralf Dahrendorf

„… ich sehe mich als einen Radikalliberalen, für den die sozialen Anrechte des Staatsbürgers eine ebenso wichtige Voraussetzung des Fortschritts sind wie die Wahlchancen, die sich aus Innovationsgeist und Unternehmerinitiative ergeben.“[1]



„Ralf Dahrendorf ist mit seiner Begabung für … Wissenschaft und Politik – eine höchst seltene Kombination in Deutschland –, ganz unersetzlich. Vielleicht hat vor ihm nur Max Weber, der den Unterbau für die damals neu entdeckte Soziologie legte und gleichzeitig deren Erkenntnisse für Gesellschaft und Ökonomie erschloß, diese beiden Eigenschaften in sich vereinigt.“ Das schrieb Marion Gräfin Dönhoff 1989 zum sechzigsten Geburtstag Dahrendorfs in der ZEIT. Und obwohl er sich schon 1972 aus der aktiven deutschen Politik zurückgezogen hatte, so galt diese Einschätzung doch unverändert für den Engländer Lord Dahrendorf, der von 1993 bis zu seinem Tode im Jahre 2009 dem Londoner Oberhaus angehörte. Gleichwohl ließen ihn die deutschen Verhältnisse nicht los: Im Mai 2003 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des „Bürgerkonvents“, der sich das Ziel gesetzt hatte, den „Reformstau in Deutschland“ zu überwinden. Und noch im Mai 2008 hielt er eine vielbeachtete Rede zum fünfzigsten Gründungsjubiläum der Friedrich-Naumann-Stiftung, deren Vorsitzender er von 1982 bis 1987 gewesen war.
Wenn Gräfin Dönhoff ihn mit Max Weber verglich, so wies sie damit auf den liberalen Mitbegründer der Soziologie hin, auf dessen Texte Dahrendorf seinerseits sich immer wieder bezogen hat. Mit ihm teilte er das Talent zur ideologiekritischen, unbestechlichen Analyse von Gesellschaft und Politik sowie die geschliffene, bisweilen scharfzüngige Sprache, die die Lektüre seiner Aufsätze und Bücher stets zu einem intellektuellen Vergnügen macht. Das Anliegen seiner wissenschaftlichen Arbeit kennzeichnete Karl Ulrich Meyer, der damalige Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin-Dahlem, aus Anlaß des 65. Geburtstags von Dahrendorf 1994 in der Berliner Zeitung mit folgenden Worten: „Die Fragen, wie sich Gesellschaften konstituieren und wandeln, wie sich Gesellschaft und Individuen zueinander verhalten, blieben neben der aktuellen Gesellschaftsanalyse die Leitmotive seiner wissenschaftlichen Tätigkeit. Die Bücher über den 'Homo sociologicus', über 'Gesellschaft und Demokratie in Deutschland' sowie das Bändchen über 'Lebenschancen' markieren neben dem Klassenbuch ('Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft' – K.H.) die wichtigsten Werke.“


Die Offene Gesellschaft

Dahrendorf hat sich nie als „wertfreier“ Wissenschaftler gesehen. Die Positionen, von denen aus er seine vor allem gesellschaftsanalytischen, wissenschaftlichen Arbeiten in den 1960er und 1970er Jahren anlegte, hat er mit folgenden Worten umrissen: „Es gibt eine experimentelle Haltung zur Welt, die das Recht des anderen auf seinen Lösungsvorschlag nur gelten läßt, solange dieses jeden dogmatischen Anspruch vermeidet. Es gibt einen liberalen Zweifel, der den Herrschenden vor allem Schranken zu setzen, nicht Brücken zu bauen versucht. Es gibt eine Gesinnung der Konkurrenz, die den Fortschritt nur dort garantiert sieht, wo mehrere um Vorrang streiten. Es gibt eine Auffassung von Freiheit, die diese für das Individuum nur dort gewährleistet findet, wo experimentelle Gesinnung, konkurrierende soziale Kräfte und liberale politische Institutionen sich verbinden.“[2]
Von der wissenschaftlichen Forschung im engeren Sinne hat sich Dahrendorf seit seiner Zeit als Direktor der London School of Economics and Political Science (1974 bis 1984) weitgehend abgewandt und stattdessen das publizistische Interesse an den Bedingungen und Bedrohungen der „Offenen Gesellschaft“ in den Mittelpunkt seiner Arbeiten gestellt. Diese Fragestellung fußt auf der Lehre von Karl Popper, bei dem Dahrendorf schon 1952 in London studierte und der ihm bis zu seinem Tod im Jahre 1994 ein väterlicher Freund blieb. Über die Theorie Poppers schrieb Dahrendorf 2002 in der Neuen Zürcher Zeitung: „Die große Idee ist, dass wir zwar die Unwahrheit enthüllen, aber die Wahrheit nicht kennen können. Widerlegung, Falsifikation, ist die Aufgabe der Erkenntnis, denn endgültige Bestätigung, Verifikation, kann es nicht geben. Wir machen Entwürfe ins Ungewisse, wir entwerfen Theorien, aber die Aufgabe der Forschung ist es, Gegenbeweise zu finden, Tatsachen, die sich nicht mit der Theorie in Einklang bringen lassen. Institutionell bedeutet das, dass wir dafür Sorge tragen müssen, jeden Dogmatismus zu vermeiden. Wir müssen offen sein für das andere, das Neue.“
Dies „Neue“ aber entsteht durch die gesellschaftliche und politische Auseinandersetzung, durch den friedlich ausgetragenen Konflikt zwischen Interessen und Positionen. Indem Dahrendorf diese Grundlage seines Denkens immer wieder betont, bezieht er sich auf Immanuel Kant und auf die Tradition der Aufklärung. Das Schlusskapitel eines seiner letzten Bücher, „Auf der Suche nach einer neuen Ordnung“, überschreibt Dahrendorf mit einem Kant-Zitat: „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“. Auf weniger als zwanzig Seiten wendet er die kantische Gesellschaftstheorie auf unsere Zeit an und zeigt in ihrer skeptischen Grundhaltung ihre aktuelle Gültigkeit für Fragen der Globalisierung, der Demokratie, des Rechtsstaates und des Fortschritts: „Es ist der Konflikt, der 'Antagonism' menschlicher Anlagen in der Gesellschaft, ja die 'ungesellige Geselligkeit' der Menschen, die die Quelle des Fortschritts bilden. Ohne Konflikt ‚würden in einem arkadischen Schäferleben bei vollkommener Eintracht, Genügsamkeit und Wechselliebe alle Talente auf ewig in ihren Keimen verborgen bleiben; die Menschen, gutartig wie die Schafe, die sie weiden, würden ihrem Dasein kaum einen größeren Wert verschaffen, als diesen ihr Hausvieh hat; sie würden das Leere der Schöpfung in Ansehung ihres Zwecks, als vernünftige Natur nicht ausfüllen. … Dank sei also der Natur für die Unvertragsamkeit, für die mißgünstig wetteifernde Eitelkeit, für die nicht zu befriedigende Begierde zum Haben oder auch zum Herrschen! Ohne sie würden alle vortrefflichen Naturanlagen in der Menschheit ewig unentwickelt schlummern. Der Mensch will Eintracht, aber die Natur weiß besser, was für seine Gattung gut ist: sie will Zwietracht.'“[3]
In dieser Art und Weise, durch die Zwietracht, den sich ständig neu entwickelnden Konflikt, schreiten die Menschen voran. Und es liegt an ihnen, das ist Dahrendorfs Grundposition, ob sie sich dabei der Freiheit nähern oder nicht. „Es gibt … den Weltgeist nicht, der die Geschichte unwiderstehlich zum einen oder anderen Ende führt. Wir Menschen sind es, die der Geschichte Sinn geben; wir sind es auch, die Lebenschancen erweitern oder zerstören.“[4] Poppers „Falsifikation“ ist dabei der Prüfstein, mit dessen Hilfe wir feststellen können, ob es voran geht im Sinne von mehr und besseren Lebenschancen oder nicht. Und ein Instrument dieser Überprüfung ist die Demokratie: “Was ist Demokratie anderes als der institutionelle Rahmen für die 'Falsifizierung' geltender Ansprüche. Regierungen sind der Kritik ausgesetzt. Wenn diese Kritik anschwillt, geben Wahlen die Möglichkeit, die Regierenden abzuwählen.“[5]

Die Ohnmacht der Parlamente

Die Demokratie aber hat nicht nur die Aufgabe, Herrschaft zu begrenzen, sie ist ebenfalls aufgerufen, Institutionen zu schaffen und zu schützen, die Pluralität garantieren und den Prozeß von Versuch und Irrtum gewährleisten. „Wir müssen Institutionen schaffen, die uns ermutigen, immer neue Versuche zu unternehmen, mehr Lebenschancen für mehr Menschen zu schaffen, und die es zugleich erlauben, Versuche als untauglich zu verwerfen.“[6] Dazu aber eignen sich die Institutionen der Demokratie zu unterschiedlichen Zeiten in ganz unterschiedlicher Weise. Die Parlamente etwa, die das Herzstück solcher Institutionen bilden sollten, verlieren gegenüber der Exekutive, aber auch gegenüber der „Vierten Gewalt“, den Massen- und Unterhaltungsmedien, in unserer Zeit mehr und mehr an Bedeutung. Dahrendorf führte darüber immer wieder publizistisch Klage.
Schon 1971, als Dahrendorf Europäischer Kommissar war (von 1970 bis 1974), mahnte er unter dem Pseudonym Wieland Europa in der ZEIT neue Ziele für ein „Zweites Europa“ an, die uns noch heute aktuell erscheinen. Er nahm auch das Demokratiedefizit in den Blick und schrieb dazu: „Bleibt das demokratische Defizit, dessen Beseitigung schon wegen der politischen Bedingungen in der Wirtschaftsunion eine Voraussetzung des Zweiten Europa ist. Auch hier geht es nicht um Augenwischerei. Direktwahlen zum Europäischen Parlament ändern überhaupt nichts; diesen Aufwand kann man sich einstweilen sparen. Das Parlament braucht … politische Aufgaben; gewählt sind seine Mitglieder sowieso alle. Das Verfassungsspielchen, wonach ein ohnmächtiges Parlament die Scheinregierung der Kommission 'kontrolliert', muss aufhören. Das Gegenüber des Parlaments wäre in erster Linie der Rat der Europaminister.“[7] Diese Kritik fand und findet gerade bei Liberalen Zustimmung, aber nicht nur dort. Seit 1971 hat sich indessen allenfalls graduell etwas verändert, das Demokratiedefizit wird nach wie vor beklagt. Die Parlamente sind eher noch ohnmächtiger geworden.
Im Jahre 2001 sprach Dahrendorf auf einer Veranstaltung der Friedrich-Naumann-Stiftung in Mainz zum Thema „Stirbt der Parlamentarismus?“. Hier beklagte er den Schwund an Bedeutung, den er den Parlamenten attestierte: „Auch in Deutschland aber lässt sich schwer der Schluß vermeiden, dass eine Schwächung des Parlaments in seinen klassischen Funktionen stattfindet. Die Exekutive entzieht sich vielfach der Kontrolle. Die Gesetzgebung wird technischer und verlangt mehr Zeit und Neigung, als gerechterweise von Abgeordneten gefordert werden kann. Der Kontakt zu den Wählern wird prekär, was den Ruf der Politik nicht gerade steigert. Das Resultat ist weit entfernt von den klassischen Hoffnungen der Demokratie, ja der liberalen Ordnung überhaupt. Statt ihrer sehen wir eine unselige Verbindung von Wahldiktatur und Wählerapathie. Ein Syndrom, das man geradezu als Rezept für einen neuen Autoritarismus bezeichnen kann. Die Exekutive entzieht sich dem Volk und seinen gewählten Vertretern, und das Volk verliert das Interesse an beiden: den Abgeordneten und den Regierenden. (…) Das Resultat solcher Tendenzen … ist eine sich ausbreitende Situationspolitik. Manchmal bin ich versucht, von einer Wegwerfpolitik zu reden.“[8]
In den Jahren danach hat sich Dahrendorfs Kritik angesichts der Erfahrungen vor allem in den neuen Demokratien Osteuropas, aber auch angesichts der Auswüchse des Rechts-Populismus in Italien, Österreich, Frankreich, Belgien und anderen Ländern, nachgerade zu einer demokratieskeptischen Haltung zugespitzt. Am 18. Februar 2004 schrieb er in der Süddeutschen Zeitung: „Was passiert, wenn die ehemals Mächtigen an die Demokratie glauben, ihre Nachfolger aber nicht? Oder, anders gefragt, was geschieht, wenn die falschen Personen gewählt werden? … Auch auf die Gefahr hin, daß ich viele Freunde mit demokratischer Grundüberzeugung damit vor den Kopf stoße, muß ich sagen, dass ich zu folgendem Schluss gekommen bin: Wenn es darum geht, einer ehemaligen Diktatur eine Verfassung zu geben, sollte Rechtsstaatlichkeit vor Demokratie kommen. Nicht korrupte, unabhängige Richter sind einflußreicher als mit überwältigenden Mehrheiten gewählte Politiker. Glücklich die Länder, die beides haben und beides hegen und schützen!“
Man mag sich fragen, wie denn eine unabhängige Justiz installiert werden kann, wenn demokratische Institutionen und Kontrolle fehlen und die Mächtigen schalten und walten können wie sie wollen. Gerade wir Deutschen haben allen Anlass, dieser Möglichkeit gegenüber skeptisch zu sein. Andererseits ist gewiss nicht zu verkennen, dass unsere Parlamente an Bedeutung und Einfluß verloren haben. Sie sind längst nicht mehr das wichtigste Forum auf dem Markt der Meinungen; diese Funktion haben sie in Deutschland seit langem abgegeben an Talk-Shows und andere Medienspektakel. Die Spitzenpolitiker präsentieren sich allemal lieber bei Günther Jauch und auf anderen Medienmärkten der Eitelkeit als in mühsamen Parlamentsdiskussionen – es sei denn, die Themen versprechen ob ihrer populistischen Akzente eine spektakuläre öffentliche Resonanz, auch ohne dass Boulevard-Presse und Fernsehen die Propaganda-Trommeln rühren.
Dennoch: die Demokratie bleibt auf Parlamente angewiesen. In seiner Mainzer Rede kam Dahrendorf zu dem Ergebnis: „Die repräsentative parlamentarische Demokratie wird durch mehrere Trends bedroht, aber sie hat weder ihre Kraft noch ihr Recht verloren. Es lohnt sich, sie neu zu beleben und zu stärken.“[9]
Freilich ist offen, ob die Institutionen der Freiheit den populistischen Tendenzen und einem neuen Autoritarismus standhalten können. Für Dahrendorf ist dies eine Frage, die sich dadurch zugunsten der Freiheit entscheiden läßt, dass die Bürger in der civil society ihre Interessen selbst aktiv verfolgen und dies nicht Funktionären oder gar Demagogen überlassen: „Aktive Bürger, die die liberale Ordnung verteidigen, sind daher das Schutzschild der Demokratie.“[10] Dabei ist eine Ordnung anzustreben, von der alle Menschen profitieren, nicht nur die privilegierten, die klugen, die mächtigen oder die reichen. „Die liberale Ordnung ist aber die Ordnung für alle Bürger. Erst wenn diese hergestellt ist, kann man von einer freien Gesellschaft sprechen.“[11]

Friedrich August von Hayek und die Verfassung der Freiheit

Um eine solche Ordnung herzustellen, bedarf es des Mutes, Konflikte offen auszutragen und neue Möglichkeiten, Innovationen, zu entwickeln, um mehr und neue Lebenschancen möglich zu machen. Geschlossene Systeme sind dazu nach der festen Überzeugung Dahrendorfs ungeeignet. Auch das System, das der Ökonomie-Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek die „Verfassung der Freiheit“ nennt, hilft dabei im Grunde nicht weiter. Überhaupt: Hayek. Mit ihm setzte sich Dahrendorf in fast allen seinen Büchern und in vielen seiner Aufsätze kontrovers auseinander. Hayeks libertäre Theorie einer (ökonomischen) Ordnung, die dem freien Spiel der Kräfte möglichst unbegrenzten Raum läßt, damit sich die unabhängig von menschlichem Einfluß irgendwie existierenden Gesetze des Marktes Geltung verschaffen (George Soros würde von „Marktfundamentalismus“ sprechen), hält Dahrendorf für ein metaphysisches, spekulatives System, das Fortschritt letztlich unmöglich macht, weil es neue Ideen, andersartige Konzepte von vornherein ausschließt. In den „Lebenschancen“ von 1979 schreibt Dahrendorf: „Ich verachte jene negative Haltung, die sich liberal nennt, aber tatsächlich kaum etwas anderes ist als die Verteidigung der Positionsinteressen der Besitzenden; Hayeks Verfassung der Freiheit ist nur ein halb liberales Buch, dem es zutiefst an Phantasie und an Mut fehlt. Der aktive Begriff der Freiheit, den ich vertrete, erlaubt keine Ruhe, bevor nicht alle Wege zur Erweiterung menschlicher Lebenschancen erkundet sind, und das heißt, er erlaubt niemals Ruhe. Liberalismus ist notwendig eine Philosophie des Wandels.“[12]
Dahrendorf wirft Hayek vor allem vor, er habe nur einen negativen Freiheitsbegriff, Freiheit sei für ihn also nichts weiter als die Abwesenheit von willkürlichem Zwang. Dies aber sei in der Offenen Gesellschaft zu wenig; um Fortschritt zu ermöglichen, müsse Freiheit aktiv verstanden werden, als „tätige Freiheit“, denn die Abwesenheit von Zwang führe nicht automatisch zu mehr Freiheit, sondern könne zur Herrschaft weniger über viele führen, wenn der Markt mit seinen Tendenzen zur Affirmation und zum Ausbau der Position des Stärkeren nicht gebändigt werde. (Ein anschauliches Beispiel dafür, wie schwer, ja geradezu unmöglich es zu sein scheint, eine marktbeherrschende Position, wenn sie sich im Zuge des Marktgeschehens erst einmal etabliert hat, wieder zu beschneiden, zeigen die Kartell-Auseinandersetzungen mit dem Software-Riesen Microsoft in den USA und in der Europäischen Union.) Im übrigen würden die Kräfte des Marktes als eine „Bewegung um ihrer selbst willen“ (von der Hayek in der Constitution of Liberty spricht) verstanden, die in ihrem Absehen von der jeweiligen Lage der Menschen nachgerade zynischen Charakter annehmen könne.
Um die Kritik an Hayek zu verdeutlichen, sei noch einmal aus den „Lebenschancen“ zitiert: „Hayek wehrt sich gegen den Vorwurf, sein Freiheitsbegriff sei 'bloß negativ: Er wird positiv durch das, was wir aus ihm machen. Er gibt uns keine Garantie für bestimmte Möglichkeiten, sondern überläßt es uns zu entscheiden, welchen Gebrauch wir von den Möglichkeiten machen, in denen wir uns finden.' Hier wird der tief konservative Zug eines Freiheitsbegriffs deutlich, der sich auf die notwendigen Bedingungen [im Unterschied zu den zureichenden Bedingungen – K.H.] beschränkt. Es gibt – das sei sogleich hinzugefügt – schlimmeres als die Selbstbeschränkung des liberalen Konservativen; 'leben und leben lassen' ist die schlechteste Maxime nicht. Aber sie ist weit davon entfernt, die beste zu sein. Die 'Möglichkeiten, in denen wir uns finden', setzen eben das als Konstante, was variabel ist. Freiheit wird dann nichts anderes als die Realisierung der Lebenschancen von hier und heute. Es gibt aber andere Fesseln menschlicher Entfaltung. Das, was wir (noch) nicht kennen oder können, ist eine Begrenzung dessen, was wir tun, die beseitigt werden kann. Zufriedenheit mag ein erstrebenswerter Seelenzustand sein; aber Sich-zufrieden-Geben ist in einer unvollkommenen Welt kein erstrebenswerter Geisteszustand. Der klassische Freiheitsbegriff der Liberalen ist negativ, weil er sich zufriedenzugeben scheint mit vorhandenen Bedingungen.“[13]
Also bedarf es eines neuen Freiheitsbegriffes. Dahrendorf geht es um die Veränderung der Bedingungen, damit Freiheit in der ganzen Fülle ihrer Möglichkeiten praktisch realisiert werden kann, um einen tätigen, aktiven Freiheitsbegriff. Um das Schaffen immer neuer Lebenschancen. Was dies in der Praxis heißt, darüber schreibt er in seinem Buch „Betrachtungen über die Revolution in Europa“ im Bezug auf Hayek Folgendes: „Wie Hayek habe ich keine Geduld mit denen, die die Grundlagen der Freiheit attackieren, aber im Gegensatz zu ihm finde ich es nicht schwer, diejenigen zu tolerieren, die zum Beispiel dem Staat eine größere Rolle in der Wirtschaftspolitik geben wollen oder einen massiven Transfer von Steuergeldern für soziale Zwecke verlangen, auch wenn ich deren Meinungen nicht teile.“[14] Statt Andersdenkende also zu denunzieren, wie Hayek es gelegentlich tut (vor allem in seinem berühmten Buch Der Weg zur Knechtschaft), ist es nötig, sie zu tolerieren, solange sie nicht selbst Intoleranz üben. Das Vertrauen in die Überlegenheit liberaler Überzeugungen verleiht die Kraft zur Toleranz; auch dies ist ein Prinzip aktiver Freiheit.

Lebenschancen und tätige Freiheit

Was Dahrendorf unter tätiger, aktiver Freiheit versteht, wird besonders deutlich, wenn man den Begriff der „Lebenschancen“, den er von Max Weber übernommen hat, untersucht. “Lebenschancen … sind eine Funktion von zwei Elementen, Optionen und Ligaturen, die unabhängig voneinander variieren können und in ihrer je spezifischen Verbindung die Chancen konstituieren, die das Leben der Menschen in Gesellschaft prägen. (…) Ligaturen ohne Optionen bedeuten Unterdrückung, während Optionen ohne Bindungen sinnlos sind.“[15] Es ist also nötig, sinnvolle Bindungen zu schaffen, um Optionen wahrnehmen zu können, die zu neuen Lebenschancen führen. Dabei geht es nicht nur um ein Mehr, sondern vor allem um eine qualitativ neue Stufe des Fortschritts. Eine Gesellschaft, die in diesem Sinne voranschreitet, nennt Dahrendorf in seinem Buch „Die neue Freiheit“ von 1975 die „Meliorationsgesellschaft“. Damit meint er „Melioration statt Expansion, gutes Haushalten statt Überfluß, menschliche Tätigkeit statt Arbeit“.[16] Man ist an den Begriff des „qualitativen Wachstums“ erinnert, und in der Tat hat die Meliorationsgesellschaft damit zu tun. Jedoch gibt sie die Art der neuen Qualitäten nicht vor, verpflichtet die Menschen nicht zu einer bestimmten Ideologie, sondern erblickt das Bessere eben darin, dass sie sich frei für eine bessere Alternative entscheiden können.
Immer wieder kommt es in Dahrendorfs Gedankenwelt darauf an, dass die Menschen sich nicht selbst die Wege in eine bessere Zukunft verbauen, indem sie sich in geschlossene Systeme einsperren. Denn damit liefern sie sich der Unfreiheit und dem Dogmatismus des Irrtums aus. Um dieser Verirrung, die meist mit dem Versprechen von mehr Sicherheit einherkommt, zu entgehen, bedarf es des Prinzips von Versuch und Irrtum, das die Offene Gesellschaft kennzeichnet. In Dahrendorfs Worten: „Wir leben in einer Welt der Ungewißheit, in der unsere Antworten falsch sein können und es häufig auch sind; wenn wir die Tyrannei des Irrtums vermeiden wollen, müssen wir daher jede Tyrannei vermeiden und dafür sorgen, dass es möglich bleibt, neue Antworten zu geben und dies wirksam zu tun.“[17] Und wenn wir dafür sorgen, so Dahrendorf, dann handeln wir nach dem Prinzip der „tätigen Freiheit“.

Habermas und das Anrecht auf Freiheit

Dahrendorf war Jahrgang 1929, sein Jahrgangsgenosse ist Jürgen Habermas. Einen Tag vor dem 80. Geburtstag Habermas’, am 17. Juni 2009, ist Ralf Dahrendorf gestorben. Mit Habermas, den er „lieber Freund und Zeitgenosse“ nannte, verband ihn sein westlich orientiertes, freiheitliches Denken; indessen gab es auch eine Fülle unterschiedlicher Positionen, die kontrovers blieben. In einem Merkur-Aufsatz zum 60. Geburtstag Habermas’ formuliert Dahrendorf eine Würdigung des Kollegen, die beider Positionen und damit die beiden wichtigsten Strömungen freiheitlichen Denkens im Nachkriegsdeutschland kennzeichnet. Über Habermas: „Sein Herz schlägt links, aber es schlägt vor allem für das Anrecht auf Freiheit.“ Während die Freiheit aber für Habermas in der „herrschaftsfreien Kommunikation“ hergestellt werden solle, denke er, Dahrendorf, pragmatischer: „Ich verlasse mich auch lieber auf die Bändigung der Macht in der Verfassung der Freiheit als auf den allgemeinen guten Willen und den langwierigen Prozeß, der ihn möglicherweise gelegentlich zustande bringt.“[18] Für Deutschland, das er damals gerade verlassen hatte, findet Dahrendorf keine freundlichen Worte: „In Deutschland dagegen regiert das flache Mittelmaß, der Rundfunkratsproporz, die beamtete Langeweile. (…) Ich brauche die freiere Luft der unzweideutig westlichen Welt zum Atmen.“ In Deutschland, so argwöhnt der Gegner aller metaphysischen Wahrheits-Konzepte, würden Hegel und Marx dem freiheitlichen und offenen Denken eines Immanuel Kant noch allzu häufig vorgezogen, Freiheit und Offenheit blieben allzu oft Rhetorik. Seinen Gefährten Habermas freilich nimmt Dahrendorf von seiner Kritik aus: „Habermas hat die negative Dialektik gleich doppelt überwunden, nämlich einmal durch das Projekt einer kommunikativen Begründung von Normen und zum anderen durch ein unbefanges liberales Verhältnis zur Realität demokratischer, ja westlicher Gemeinwesen.“ – Dass Habermas Dahrendorf nach dessen Tod den „entschiedensten und weitsichtigsten Geist unserer Generation“ nannte, war sicher nicht nur dem Respekt, sondern auch der intellektuellen Wahlverwandtschaft geschuldet.
Es sind die „Erasmus-Menschen“, die „Erasmier“, wie Dahrendorf sie in seinem letzten Buch „Versuchungen der Unfreiheit“ nennt, die zu allen Zeiten dafür sorgen, dass Gesellschaft und Denken offen bleiben, daß Ideologien jeglicher Färbung radikal in Frage gestellt werden. Dahrendorf hat sich in seinen jungen Jahren, vor allem im Zusammenhang mit seiner ersten Dissertation, intensiv mit Karl Marx beschäftigt und kommt zu der Erkenntnis: „Im Marxschen Gedanken der historischen Notwendigkeit liegt nicht nur die religiös anmutende Eschatologie der kommunistischen Gesellschaft begründet, sondern auch der Totalitarismus des Weges durch die ‚Diktatur des Proletariats‘.“ Folgerichtig wandte er sich ab von frühen sozialistischen Vorstellungen, um fortan als Liberaler seinen Weg zu gehen. Freilich als einer, dem es nicht auf die Partei, sondern auf die politische Position ankam. So blieb es bis zuletzt. Seit 1993 hatte Lord Dahrendorf als „Baron of Clare Market in the City of Westminster“ seinen Sitz im britischen Oberhaus. Von der Förmlichkeit dieses Titels sollte man sich indessen nicht täuschen lassen, denn: „Die Förmlichkeit ist bis heute mein Stil geblieben; sie macht es so viel leichter, die innere Aufsässigkeit zu verbergen.“[19]
Es gibt nicht viele Denker vom Schlage eines Ralf Dahrendorf, denen es gelingt, der Verlockung eines geschlossenen Modells zu entgehen und damit der menschlichen Natur gerecht zu werden statt sie zu überfordern. Denn niemand von uns kann wissen, was der richtige Weg in die Freiheit ist, wir können nur dafür sorgen, dass wir die Möglichkeit, stets neu zu entscheiden, offen halten. Es wäre zu wünschen, dass gerade die liberalen unter unseren Politikern sich immer wieder auf dieses Prinzip besinnen. Allerdings läßt sich eine Tendenz nicht übersehen, die dem dogmatischen Stil mehr abzugewinnen scheint als dem offenen Weg in die Freiheit, seien es nun Fundamentalismen jeglicher Prägung, Populismen oder Protestbewegungen, die sich auf dem Markt der Meinungen Gehör verschaffen. Nicht um Piraterie sollte es freilich einem freiheitlichen Politikstil gehen, sondern im Sinne Dahrendorfs um den friedlichen Austrag von Antagonismen und Konflikten.

Karl-Heinz Hense, Jg. 1946, ist freier Schriftsteller und Journalist. Ehem. Redaktionsleiter der seinerzeit von Ralf Dahrendorf herausgegebenen Zeitschrift liberal – Vierteljahreshefte für Politik und Kultur. Ehem. Leiter der Theodor-Heuss-Akademie in Gummersbach.


Anmerkungen
[1] Ralf Dahrendorf: Betrachtungen über die Revolution in Europa. Stuttgart 1990. S. 41.
[2] Ders.: Gesellschaft und Demokratie in Deutschland. München 1971 (dtv-Taschenbuchausgabe). S. 25.
[3] Ders.: Auf der Suche nach einer neuen Ordnung. München 2003. S. 134 f.
[4] A.a.O. S. 132.
[5] Ders.: Popper und die „Offene Gesellschaft“ – Reminiszenzen und Reflektionen. In: Neue Zürcher Zeitung – Folio vom 27. Juli 2002. S. 3.
[6] A.a.O. S. 4.
[7] Wieland Europa (d.i. Ralf Dahrendorf): Ein neues Ziel für Europa. In: DIE ZEIT vom 16. Juli 1971. S. 3.
[8] Ralf Dahrendorf: Die Zukunft der repräsentativen Demokratie. In: Ders.: Der Wiederbeginn der Geschichte. München 2004. S. 277 f.
[9] A.a.O. S. 282.
[10] Ders.: Demokratie ohne Demokraten. In: Süddeutsche Zeitung vom 18. Februar 2004. Online-Ausgabe.
[11] Ders.: S. Anm. 3. S. 137.
[12] Ders.: Lebenschancen. Anläufe zur sozialen und politischen Theorie. Frankfurt am Main 1979. S. 61.
[13] A.a.O. S. 128 f.
[14] Ders. S. Anm. 1. S. 35.
[15] Ders. S. Anm. 12. S. 51 f.
[16] Ders.: Die neue Freiheit. Überleben und Gerechtigkeit in einer veränderten Welt. München 1975. S. 160.
[17] Ders. S. Anm. 12. S. 80.
[18] Ders.: Jürgen Habermas – Der Zeitgenosse. In: Ders.: Liberale und andere. Portraits. Stuttgart 1994. S. 324. Erstmals erschienen in: Merkur. Heft 6/1989.
[19] Ders.: Über Grenzen. Lebenserinnerungen. München 2003. S. 45.

Literatur
Immanuel Kant: Schriften zur Politik. Band XI der Werkausgabe. Frankfurt am Main 1964.
Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. 6. Auflage. München 1980. 2 Bde.
Friedrich A. von Hayek: Der Weg zur Knechtschaft. 2. Auflage. München 1971.
Ders.: Die Verfassung der Freiheit. 2. Auflage. Tübingen 1983.
Alfred Blatter (Hrsg.): Was heißt „liberal“? Eine Frage – sieben Antworten. Basel 1969.
Gilbert Gratzel: Freiheit, Konflikt und Wandel. Bemerkungen zum Liberalismus-Verständnis bei Ralf Dahrendorf. In: Friedrich-Naumann-Stiftung (Hrsg.): Jahrbuch zur Liberalismus-Forschung. 2. Jahrgang. Baden-Baden 1990. Seite 11 – 45.

Über Hense Karl-Heinz 9 Artikel
Dr. Karl-Heinz Hense, geboren 1946, studierte Philosophie und Germanistik. Von 1984 - 1992 war er Redaktionsleiter der Zeitschrift "liberal – Vierteljahreshefte für Politik und Kultur“. Seit 1994 ist der Schriftseller ständiger Mitarbeiter der Zeitschrift „Mut – Forum für Kultur, Politik und Geschichte“. 2001 - 2009 war er Leiter des Bereiches Politische Bildung und Begabtenförderung sowie der Theodor-Heuss-Akademie (Gummersbach) bei der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. Zuletzt erschien: „Die andere Unschuld“ (2011), „Liberale Kulturpolitik“ (2011) und „Zwei Schüsse“ (2012).

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