Star Trek und Literatur – Zu Orwell’s Big Brother Roman 1984

Nachdem Olivia und Klaus Vieweg zum 50. Geburtstag von Star Trek in dem Buch Wozu braucht Gott ein Raumschiff? Die Philosophie in Star Trek die Frage nach der Wahrheit ins Zentrum stellten, soll es jetzt zum 100. Geburtstag des Serienschöpfers Gene Roddenberry um die Schönheit, die Schönheit des Literarischen, des Poetischen gehen – unter dem Titel To beam or not to beam – Die Literatur in Star Trek.

Die Star Trek-Originalserie (TOS) aus Hollywoods Traumfabrik begeht im Jahr 2021 zwar ihren 55. Geburtstag, aber sie ist jung geblieben. Thematisiert werden ausgewählte Beispiele des Rückgriffs auf literarische Vorbilder, auf poetische Werke, auf Bilder der Fantasie. Das Spektrum literarischer Bezüge der Star Trek-Originalserie auf die Poeten und ihre Werke ist sehr breit gespannt, es reicht von Homer und den antiken Tragödien- und Komödiendichtern über Ovid und Lukian, William Shakespeare und Thomas Morus bis hin zu Friedrich Schiller und Johann Wolfgang Goethe, Mary Shelley, Alexandre Dumas, Charles Dickens, Edgar Allan Poe, Robert Louis Stevenson, Lewis Carroll, Oscar Wilde, Herbert George Wells, Stefan Zweig, Albert Camus, Ray Bradbury und George Orwell. Hier erfolgt ein Vorabdruck des Essays zu Orwell’s 1984.

„Der große Bruder sieht dich“

„Landru beobachtet uns“, jederzeit und überall, und Flüstern mag er gar nicht. So Big Brother in der Star Trek-Episode Landru und die Ewigkeit (The Return of the Archons). Mittels All-Beobachtung und Manipulation durch eine Art Telepathie existiert ein System absoluten Gehorsams und totalitärer Gleichschaltung: „Wir sind alle eins“ – „wir, die wir zu Landru gehören“. Die beabsichtigten Ergebnisse sind „gleichmütige Zufriedenheit“, „Ruhe und Frieden für alle“, kein Krieg und kein Verbrechen: „Freude sei mit Ihnen!“ Kirk bezeichnet eine solche Ordnung als gilded cage, als vergoldeten Käfig.[i] Die Ruhe und der Frieden gleichen hier der Friedhofsruhe, hier liegt eben die Freiheit begraben. Die aber doch vorhandenen Gehorsamsverweigerer – einige können sich dem Willen Landrus entziehen – werden absorbiert, so die scheinheilige Umschreibung für ihre Vernichtung.

            In George Orwells dystopischem Roman 1984[ii] werden die „Feinde“, die Renitenten, vaporisiert, getilgt, annulliert, zur Unperson gemacht. Laut Daniel Kehlmann „ein Roman schwärzester Gnadenlosigkeit“, das dystopische Schreckensbuch des 20. Jahrhunderts.[iii] Im Untergrund lebt allerdings der Glaube an eine Utopie. Bereits in seiner Kurzskizze Machine X1004 bezog sich Roddenberry auf das Big-Brother-Modell von Orwells 1984, auf den Gedanken eines totalitären Polizei- und Überwachungsstaates.[iv] Der Schöpfer der Serie versuchte, auf seine Zeit und die allgegenwärtige Zensur zu reagieren, die bestimmte Darstellungen von gesellschaftlichen Problemen massiv behinderte (Religion, Diskriminierung ethnischer Gruppen, Gleichberechtigung der Frau etc.). „Die Zensur wurde immer schlimmer. Man konnte über nichts sprechen, woran einem etwas lag.“[v] Für Star Trek bietet Orwells Story einen entscheidenden Gedankenfundus: Der große Bruder sieht dich – dies wird in 1984 nicht durch Telepathie, sondern mittels eines Teleschirms (telescreen) gewährleistet, durch ein Gerät, das den Empfänger ausspäht. Zusammen mit der allgegenwärtigen Gedankenpolizei und ihren Schnüfflern sichert die Maschine die umfassende Bespitzelung. Dies gleicht Argus mit seinen Argusaugen, dem die Griechen den Namen Panoptes gaben, Alles-Seher. Dr. Adams in Dagger of the Mind (Der Zentralnervensystemmanipulator) und Landru hören und sehen vermeintlich alles.

Dies hat Ähnlichkeit mit dem berüchtigten Panopticon von Jeremy Bentham, einem vollständig durchsichtigen Gefängnis, in dem der Oberaufseher alle Insassen beobachten kann. Nur kannte man schon in der Antike die Achillesferse eines solchen Modells: Sed quis custodiet ipsos custodes? (Juvenal) – Wer überwacht den Kontrolleur? Der Überwacher muss von einem zweiten Überwacher überwacht werden etc.[vi]

Eye in the Sky

Ich bin das höhere Auge,                                                      I am the eye in the sky

das Dich sieht                                                                       Looking at you

Ich kann Dein Bewusstsein lesen                                         I can read your mind

Ich lege die Regeln fest                                                        I am the maker of the rules

                                                                                   Alan Parsons Project

Falls eine herrschende Macht als Panopticon oder Panspectron (das Alles-Sehende) verstanden wird, führt dies zum Polizeistaat, zum All-Beobachtungs- und Überwachungsstaat, etwa durch permanente Videoüberwachung, durch Telefon- und Internetkontrolle, umfassende Datensammlungen, Lauschangriffe oder Bespitzelungen; Roddenberry sprach von „Gedankenkontrolle“.[vii] Resultate sind die Verletzung der Privatsphäre, die Zerstörung des Vertrauens der Bürger in die staatliche Ordnung, eben ein vollkommenes Gefängnis, wohl mit weitgehender Sicherheit und ohne Kriminalität, aber auch ohne Freiheit. Am Ende stehen der ‚gläserne Staat‘ und der ‚gläserne Bürger‘.[viii] Manche Staaten dieser Erde haben heute solch monströse Bürgerüberwachungssysteme geschaffen. Dr. Adams kann alles abhören, Landru geht durch Wände und kann alles überblicken, die Bürger sollen allumfassend ausgeschnüffelt werden, durch Geheimpolizei und eine „Kommission für politische Verräter“ (Bele jagt Lokai). Die Institution Staat kann so zum Feind der Bürger werden, die vollkommene Polizei bedeutet härtesten Despotismus, fürchterlichste Tyrannei.

Zusammen mit der unaufhörlichen Gehirnwäsche dient ein Überwachungsstaat dazu, so die Ideologen des Systems (ähnlich wie Landru und Dr. Adams), „unser neues glückliches Leben“ zu genießen. Eine zentrale Parole lautet: „Unwissenheit ist Stärke“, die Menschen sollen unbedingt regimetreu sein, willige Parolenschlucker, Amateurspitzel und Gesinnungsschnüffler. „Es lebe Landru“, „es ist der Wille Landrus“. Lord Galt verlangt ausdrücklich, dass „alle meine Befehle widerspruchslos ausgeführt werden“, nur der Herrscherwille gilt (Stunde der Erkenntnis). Ein Kernprinzip solcher Tyranneien und Diktaturen ist somit das Brechen des freien Willens aller anderen (Platons Stiefkinder, Im Namen des jungen Tiru, Spukschloss im Weltall): die Angepassten dürfen leben, die Nichtangepassten werden manipuliert, vertrieben, verbannt, mundtot gemacht oder eliminiert, so die mörderische Pseudo-Logik dieser Ordnungen. Der despotische Herrscher des Spukschlosses verkündet die Wegnahme der Willenskraft und damit die Gleichschaltung aller.

            Und trotz alledem scheint es keine Perfektion in der Umerziehung und Unterwerfung zu geben, nicht alle lassen sich zum Sklaven herabwürdigen. In der Episode Talos IV sind die herrschenden Talosianer, die Anpassung und Konformität erwarten, vom permanenten Widerstand überrascht. In der Landru-Folge erfährt man, dass sich einige Bürger dem Willen Landrus entziehen konnten, seine Macht ist also doch begrenzt und nicht überall wirksam. Den renitenten Abweichlern wird dann die Anklage entgegenschleudert: „Ihr seid keine von uns!“ – „Ihr verseucht uns alle, deshalb müsst ihr sterben!“ Der Triskelion-Herrscher Galt verfügt über ein höchst wirksames Instrument der Inquisition, ein Gehorsamkeitshalsband, das jeden Widerstand im Keim erstickt. Die Oppositionellen und Widerständler braucht Galt somit nicht in Schauprozessen zu verurteilen, er muss sie nicht auf Inseln oder in Fußballstadien internieren, sie nicht spurlos verschwinden lassen, nicht zur Zwangsarbeit verbannen oder in Todeslagern ermorden (Das unentdeckte Land).[ix] Lord Garth hingegen fehlt die Technik des Halsbandes, er muss noch ankündigen: „Alle Bewohner der Galaxie, die sich widersetzen, kommen sofort in eine Anstalt oder werden getötet.“ Landru besitzt in seinem Staat sogenannte „Absorptionskammern“, in denen die Widerspenstigen „von der Gemeinschaft aufgesaugt“ werden.

             Ein solcher des Ungehorsams Verdächtiger, Nichtangepasster ist auch Orwells Hauptfigur Winston, der Gegenspieler des fanatisch-brutalen Regimeknechtes O’Brien. Er versucht sich der totalen Überwachung seitens der „Wohltäter“ zu entziehen, er fragt sich, ob er als einer von wenigen noch über ein Gedächtnis verfügt. Er erwacht einmal mit dem Wort „Shakespeare“ auf den Lippen, er hat einen utopischen Traum von einem goldenen Land. In diesem Traum wird mit einer einzigen großartigen Armbewegung die Diktatur ins Nichts gefegt, ihr gesamtes Denkgebäude aufgelöst.[x] In der Landru-Story bewirkt dies eine einzige großartige Mundbewegung, nämlich Spocks Ausruf zu der manipulativen Fiktion: „Es gibt keinen Landru!“

            In dieser Episode fällt auch der verräterische Satz über eine frühere Zeit ohne Landru: „Es darf sich niemand erinnern!“ Dies entspricht einer zentralen Parteiparole in Orwells 1984: Vergangenheit und Gedächtnis müssen manipuliert, zerstört werden. „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft, wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“[xi] Hierfür praktiziert die Gedankenpolizei einen dauernden Umwandlungsprozess des Vergangenen. Zeitungen, Flugblätter, Filme, Fotos, selbst Gedichte werden ‚umgeschrieben‘ bzw. ‚angepasst‘. Personen verwandeln sich in ‚Unpersonen‘, die es nie gegeben haben soll. Es werden „alternative Fakten“ konstruiert bis hin zur Leugnung des Holocaust und der unsäglichen Verharmlosung des Hitler-Regimes als Fliegenschiss der Geschichte. Als Spock den Tyrannen Parmen auf Platons Prinzip der Gerechtigkeit hinweist (Platons Stiefkinder), der angebliche Vordenker der Platonier habe doch Wahrheit und Schönheit mit Gerechtigkeit verbunden, reagiert der Despot auf charakteristische Weise: Wenn der große Vordenker etwas anderes gedacht hat, so müssen wir ihn leicht korrigieren, gewissermaßen ein „alternatives Faktum“ Platon schaffen. Bei Orwell wird eine vorherige Ausgabe der Tageszeitung The Times „umgeschrieben“ und neu gedruckt, alle Originalausgaben werden eingestampft. Selbst das ketzerische Buch des Feindes, das Kompendium der Irrlehren, vermeintlich verfasst vom „bösen Juden“ Emmanuel Goldstein, in dem die Parteidiktatur und der Große Bruder verunglimpft und Freiheitsrechte eingefordert werden, wurde vom Regime selbst geschrieben. Der fanatische Regimeanhänger O’Brien liefert dann ein besonders ausgezeichnetes alternatives Faktum: „Die Erde ist der Mittelpunkt des Universums. Die Sonne und die Sterne drehen sich um sie.“[xii] Denn so O’Brien: „Die Naturgesetze machen wir.“[xiii] Unsere Raumfahrer auf der Enterprise hätten sich mit Grauen abgewandt oder von ähnlich gefährlichen Ideologien des 20. und 21. Jahrhunderts berichtet mit deren gefährlichen Schöpfern „alternativer Fakten“.

            In „Neusprech“, der neuen Sprache aus 1984, werden zahllose Worte vernichtet, das Vokabular eingeschrumpft, der Gedankenspielraum massiv eingeengt. Neusprechfassungen von Shakespeare, Swift und Milton werden angefertigt, große Literatur verdammt und vernichtet, das klare Zeichen der Geistesarmut der Tyranneien. Schließlich wird in dieser zynischen Logik der Begriff der Freiheit abgeschafft: „Es wird überhaupt kein Denken mehr geben.“[xiv]

            Wer sich nicht fügt, wer sich widersetzt, wird gefoltert, im „Landru-Sprech“ absorbiert, im Neusprech nach grausamen Qualen vaporisiert. Ihr wahres Antlitz zeigen die Tyrannen in Gestalt der bestialischen Folter, von der auch die Mitglieder der Enterprise-Crew betroffen sind. Sie sollen gefügig gemacht werden oder das Raumschiff den Despoten ausliefern, etwa in den Episoden Wen die Götter zerstören, Landru und die Ewigkeit, Tödliche Spiele auf Gothos, Platons Stiefkinder und Schablonen der Gewalt. – „Und wenn ich Kirk alle Knochen im Leib brechen muss“ (Lord Galt).[xv] Wie Kirk und van Gelder in der Folge Der Zentralnervensystemmanipulator erfährt Orwells Winston durch eine Maschine, durch einen „Regler“ heftigste Schmerzen. Ähnlich dem Vorgehen von Dr. Adams müsse durch „Leiden, Furcht, Verrat, Treten und Getretenwerden der menschliche Geist zerpflückt“ und dann im Sinne des Terrorregimes wieder zusammengesetzt werden. Es müsse das „genaue Gegenteil der törichten Utopie“ geschaffen,

die alte Denkweise gnadenlos ausgerottet werden – durch eine Welt des Schreckens, ganz gemäß der Parteipropaganda aus dem „Ministerium für Wahrheit“: „Freiheit ist Sklaverei“.[xvi] O’Brien kehrt die Parole sogar um: „Sklaverei ist Freiheit. Allein – frei – geht der Mensch zugrunde. Doch wenn er sich vollständig, total unterwerfen, seiner Identität entfliehen, in der Partei aufgehen kann, so daß er die Partei ist, dann ist er allmächtig und unsterblich.“[xvii]

            Als Winston das Prinzip des Menschseins, der Menschlichkeit artikuliert, entgegnet der Folterer O’Brien: „Sie sind der letzte Mensch, außerhalb der Geschichte, nicht existent, eine Unperson“ – „Am Ende werden wir Sie erschießen.“[xviii] Aber auch in dieser Form dunkelster, schwärzester Dystopie schimmert doch das Utopische, das Humane hindurch, ist gewissermaßen als Gegenbild präsent – etwa im erwähnten Traum und im Hinweis auf „eine Zeit, in der Gedanken frei sind, in der sich die Menschen voneinander unterscheiden und nicht allein leben – eine Zeit, in der die Wahrheit existiert und das Geschehene nicht ungeschehen gemacht werden kann“. Dies wäre eine von den Helden der Enterprise geschätzte Welt, „in der die Menschen frei und gleich sein würden“. Gegen die Landru- und die 1984-Welt, gegen das All-Auge des großen Bruders, gegen die Parole „Unwissenheit ist Stärke“, gegen „alternative Fakten“ und die bösartigen populistischen Verdrehungs- und Manipulationsversuche – Spock bezeichnet diesen von Orwell und Star Trek identifizierten Virus als „ausgesprochen gefährlich“ – scheint es nur ein einziges Mittel zur Immunisierung zu geben: echte Bildung, Bildung zur Freiheit.

            Aber bitte, liebe Star Trek-Fans und solche, die es noch werden wollen, seien Sie sich sicher und gewiss:

Jeden Atemzug von Dir                                                        Every breath you take

Jede Bewegung, die Du machst                                            Every move you make

Jedes Versprechen, das Du brichst                                       Every bond you break

Jeden Schritt, den Du unternimmst                                      Every step you take

Ich werde Dich beobachten!                                                 I’ll be watching you!

Police


[i] Vgl. dazu Schliecker: Roddenberrys Idee, S. 234.

[ii] George Orwell: 1984. Berlin 2019.

[iii] Orwell: 1984. Nachwort von Daniel Kehlmann: Vom Schreiben als toter Mann, S. 382.

[iv] Ebd., S. 159, 107. Dazu auch: Vieweg: Wozu braucht Gott ein Raumschiff? S. 69-78. Später debattieren Jean-Luc Picard und Elim Garak über Orwells Roman 1984 (ST).

[v] Schliecker: Roddenberrys Idee. S. 131.

[vi] Vgl. dazu Klaus Vieweg: Das Denken der Freiheit. Hegels Grundlinien der Philosophie des Rechts. München 2012, S. 433 f.

[vii] Schliecker: Roddenberrys Idee. S. 130 f.

[viii] Vgl. dazu Michel Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt a. M. 1976.

[ix] Vgl. dazu auch: Vieweg: Wozu braucht Gott ein Raumschiff? S. 53-78.

[x] Orwell: 1984. S. 41 f.

[xi] Ebd., S. 45-46.

[xii] Ebd., S. 317.

[xiii] Ebd., S. 318.

[xiv] Ebd., S. 67 ff.

[xv] Vgl. Vieweg: Star Trek und Philosophie, a.a.O.

[xvi] Orwell: 1984.

[xvii] Ebd., S. 317.

[xviii] Ebd., S. 323, 328.

Über Vieweg Klaus 3 Artikel
Prof. Dr. Klaus Vieweg studierte Philosophie in Jena und Berlin. Seit 1980 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und seit 1997 Hochschuldozent. Zusammen mit Professor Wolfgang Welsch gab er 2008 "Hegels Phäomenologie des Geistes" heraus.