Strähnig, lockig, wellig, schütter – Haare halt! – in der Kunsthalle München

Foto: Hans Gärtner – Schauen Sie doch mal in einen Barber-Shop vor 400 Jahren, wo der Friseur auch Bader war!

Auf mehr als ein halbes Jahr Öffnung ist die neueste Ausstellung der Kunsthalle München in den „Fünf Höfen“ ausgerichtet: Bis 4. Oktober geht es um das, was aus Kopf und weiteren Körperteilen rauswächst. „Haar“ wird im Ausstellungs-Titel von „Macht“ und „Lust“ ergänzt. Wie ohnmächtig einer ist, dem die Kopfhaut leer bleibt – dazu gibt es Märchen und Mythen. Wie stark einer ist, dem es nur so herausquillt, das Haupthaar – dazu ist gleich mal eines von den vielen Exponaten ein Beleg: Salvador Viniegras y Lasso de la Vegas Ölgemälde „Der erste Kuss“ von 1891. Adam liegt nackt mit voller Lockenpracht auf einer paradiesischen Wiese. Ihm hat sich Eva zum „first kiss“ genähert. Ihr langes wallendes Haar bedeckt des Mannes Gemächt. Ob es Betrachtende gibt, die auch die vom Maler bemühte Hintergrund-Szene als Gegenstück wahrnehmen, ist fraglich: „Der männliche Löwe mit Mähne dominiert die vor ihm liegende Löwin“.

Von der Antike bis zur Gegenwart (Gerhard Goders Ganzfigur der Conchita Wurst auf der Mondsichel von 2023) reichen die Schau-Stücke, die – jedes für sich in anderer Weise – in den Bann ziehen, ob Nico Kosters berühmtes Foto „Hair Peace – Bed Peace“ (1969) mit Gitarrist John Lennon und seiner Frau ist oder die fulminante Hinterglasmalerei Beate Hornigs von 2021 (Acryl und Stoff auf Karton) mit dem Verweis auf die christliche Legende von Stankt Kümmernis: die Kulturgeschichte wurde haargenau rauf und runter auf das Thema durchforstet und abgeklopft. Bei Sandro Botticelli und seinem ihm zugeschriebenen Profilbild einer jungen Frau (um 1480) wurde man ebenso fündig wie etwa bei der Stiftung Stadtmuseum Berlin mit einer Figurengruppe aus bemaltem Steingut, Titel: „Die hohe Frisur“ (1840 – 1880).

Hoch aufgebäumt, sexy ausrasiert, geknotet, lässig strähnig, flott gelockt oder gezwirbelt, gestutzt oder igelig, gezopft, gefärbt, gegelt, auf der männlichen Brust gekringelt getragen oder intime Körperbereiche zierend – das Haar ist nun endlich in seiner Fülle entdeckt, um Mensch, aber gelegentlich auch Tier (Katze, Hund und Haselmäuschen) das Charakteristische abzugewinnen. Die Kunst kann`s. Und der Kunstliebhaber wird nicht fertig, sich an der Breite herrlicher Beispiele haariger Sachen und Sächelchen zu delektieren.

Wie gesagt: bis 4. Oktober täglich von 10 bis 20 Uhr zu sehen. Es gibt Kopfhörer, Katalog, Führungen (auch für Schulklassen), eine Film-Reihe, eine Karaoke-Nacht (9. Mai), allerdings (was verwundert) nur eine einzige Lesung (13. Mai), dafür diverse Vorträge im Gartensalon der Kunsthalle. Und es lockt (haha!) der halbe Eintrittspreis (9 statt 18 Euro) an allen Dienstagen in die Schau „Haar – Macht – Lust“.

Über Hans Gärtner 548 Artikel
Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.