Die Weltordnung wankt – Warum Europa jetzt Geschichte schreiben muss

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Liebe Leserinnen, liebe Leser,

an welchem Punkt der Geschichte befinden wir uns heute? Diese Frage stellt sich angesichts der Vielzahl an Ereignissen und Entwicklungen, die in ihrer Tragweite und in ihren Überlagerungen und Wechselwirkungen kaum noch zu verstehen sind. Welche davon haben wirklich eine Bedeutung, welche bleiben dagegen eine Fußnote der Geschichte? Wird China das 21. Jahrhundert tatsächlich dominieren? Wird die Demokratie überleben? Und ist das Schicksal schon besiegelt oder wovon hängt es ab, falls nicht? Die Fragen von Macht, Technologie und Ideologie gewinnen wieder an Bedeutung in einer Zeit, in der nichts mehr sicher und alles möglich scheint.

Es ist eine Zeit, in der sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einem „historischen“ Moment verdichten, in dem sich das Schicksal für eine ganze Epoche wenden kann. Einem möglichen Rückfall in bereits überwunden geglaubte Verhältnisse steht der Aufbruch in eine neue Moderne gegenüber – und alles geschieht inmitten einer unverstandenen Gegenwart, die wie eine Katharsis erscheint.

Was passiert im Übergang von der Gegenwart in die Zukunft?

Es gibt wenig Theorie zu der Frage, was in der Gegenwart – zumal in einer fragilen und mehrdeutigen – tatsächlich passiert. Es ist immer eine nicht vorhersehbare Mischung aus zufälligen Ereignissen, spontanen Konstellationen und sich wiederholenden Mustern. Und doch gibt es eine Reihe von „Gesetzmäßigkeiten“, die heute immer wieder zitiert werden. Am häufigsten bemüht wird die „Thukydides-Falle“, die auf Athen und Sparta zurückgehende Beobachtung, dass immer dann, wenn eine Hegemonie zu Ende geht, die Kriegsgefahr besonders hoch ist. Hegel bemühte den Weltgeist und die Dialektik, um das mutmaßliche Ziel und das Gesetz der Geschichte zu beschreiben. Marx übertrug dies auf ökonomische und gesellschaftliche Verhältnisse. Antonio Gramsci sah wiederum im Wandel der „kulturellen Hegemonie“, also der gesellschaftlichen Deutungshoheit einen wesentlichen Treiber der Geschichte. Und Rene Girard schließlich betrachtete die soziale Tendenz zur Nachahmung und die daraus entstehende Konkurrenz als Ursache von großen Verteilungskonflikten um Ressourcen und Technologien.

Man kann den Lauf der Geschichte natürlich nicht auf wenige Gesetze reduzieren. Aber man kann doch eine Art Grammatik weltgeschichtlicher Dynamik formulieren: einige Kräfte erzeugen Veränderungsdruck, einige Muster strukturieren ihn, und bestimmte Dynamiken entscheiden darüber, ob Systeme stabil bleiben, sich transformieren oder zerfallen. Das gilt gerade in Zwischenzeiten, in denen Ordnungen fragil, Entwicklungen komplex und Ereignisse mehrdeutig werden.

Die großen Kräfte der Geschichte

Auch wenn es keine wirkliche Theorie über ein historisches Bewegungsgesetz gibt, lassen sich einige fundamentale Prinzipien bestimmen, die den Lauf der Geschichte beeinflussen:

Entropie – Ordnung zerfällt, wenn sie nicht reproduziert wird

Institutionen, Staaten, Unternehmen und gesellschaftliche Normen sind keine dauerhaften Zustände. Tatsächlich reproduzieren sie sich ständig. Solange sie das tun, sind sie stabil. Ordnung muss also fortwährend erzeugt werden. Bürokratisierung, Korruption, Vertrauensverlust oder infrastruktureller Verfall sind unterschiedliche Erscheinungsformen desselben Problems: Die Kosten der Aufrechterhaltung von Ordnung steigen. Werden sie untragbar, entsteht Unordnung.

Evolution – Systeme verändern sich durch Variation, Selektion und Anpassung

Technologien, Geschäftsmodelle, Institutionen und auch politische Ordnungen konkurrieren miteinander. Vieles entsteht nicht durch Planung, sondern durch Experimente. Erfolgreiche Systeme dehnen sich aus, andere verschwinden. Geschichte ist insofern ein evolutionärer Suchprozess.

Macht – asymmetrische Fähigkeiten strukturieren Handlungsmöglichkeiten

Macht entsteht aus der asymmetrischen Verfügung über Ressourcen, Technologien, Kapital, militärischer Fähigkeit, Netzwerke und institutioneller Kontrolle. Entscheidend ist dabei nicht nur absolute Macht, sondern relative Macht. Der Aufstieg eines Akteurs verändert deshalb das Verhalten aller anderen. Die Veränderung der Machtverhältnisse und der Machtgleichgewichte ist daher ein wesentlicher Einflussfaktor. Wodurch es zu den relativen Machtverschiebungen kommt, ist jedoch selbst erklärungsbedürftig.

Information – Menschen verstehen die Welt durch das, was sie von ihr wissen

Erwartungen können Realität erzeugen: Bank Runs, Inflationserwartungen, Börsenblasen, politische Mobilisierung oder Abschreckung nehmen ihren Anfang in den Köpfen der Menschen. Deshalb ist Geschichte teilweise ein „Bayesianischer Prozess“: Akteure aktualisieren fortlaufend ihre Vorstellungen darüber, was andere Akteure tun werden.

Legitimität – stabile Ordnung benötigt akzeptierte Begründungen

Macht allein stabilisiert Systeme selten dauerhaft. Ordnungen brauchen Narrative darüber, warum ihre Regeln legitim sind. Religion, Nation, Demokratie, Fortschritt, Wohlstand oder soziale Gerechtigkeit können solche Legitimitätsquellen sein. Gerät das Narrativ einer Ordnung jedoch in Widerspruch zur erlebten Realität, entsteht eine Legitimationskrise.

Die wichtigen Dynamiken

Aus diesen allgemeinen „Kräften“ entstehen wiederkehrende Muster, die jedoch variieren, je nachdem wie diese miteinander interagieren. Daraus lassen sich einige archetypische Dynamiken erkennen, die alle eine gemeinsame Ursache haben: Systeme haben die Tendenz, zu erstarren, und Macht neigt dazu, sich zu überdehnen. Das führt zu einer Erschöpfung von Strukturen und Institutionen gerade in jenen Momenten, in denen sie durch neue Phänomene und Entwicklungen herausgefordert werden.

Akkumulation und Konzentration erzeugen Gegenreaktionen

Kapital, Wissen und Macht akkumulieren sich häufig. Wer einen Vorteil besitzt, kann ihn zunächst vergrößern. Dadurch entstehen Konzentration und Ungleichgewichte – bis dann politische, gesellschaftliche oder technologische Gegenkräfte einsetzen.

Innovation und Disruption erzeugen institutionelles Versagen

Technologische Möglichkeiten verändern sich zumeist schneller als Regeln und Institutionen. Es entsteht eine institutionelle Lücke. Viele historische Krisen lassen sich als Zeitraum interpretieren, in dem alte Institutionen eine für sie völlig neue Realität organisieren sollen.

Skalierung und Effizienz erzeugen Verwundbarkeit

Systeme optimieren sich im Prozess der Skalierung zunächst auf Effizienz. Dadurch verschwinden Redundanzen. Ein Schock offenbart anschließend die entstandene Verwundbarkeit. Der Aufbau von Resilienz wirkt der Verwundbarkeit zwar entgegen, führt jedoch nicht zur letztlich notwendigen Erneuerung.

Stabilisierung und Optimierung erzeugen Rigidität

Gerade sehr erfolgreiche Systeme können an ihrem Erfolg scheitern. Sie optimieren sich immer stärker auf bekannte Umweltbedingungen. Ändern sich diese plötzlich disruptiv, werden frühere Stärken zu Schwächen. Das ist ein zentraler Mechanismus historischer Umbrüche: Im Erfolg die Schwächen nicht mehr zu sehen.

Machtverschiebung und institutionelle Inkongruenz erzeugen Konflikte

Eine (internationale) Ordnung bildet ein bestimmtes Machtgleichgewicht ab. Die realen Machtverhältnisse verändern sich jedoch manchmal schneller, als die Ordnung sich stabilisieren kann. Irgendwann stimmen formale Ordnung und reale Macht nicht mehr überein. Die Ordnung kann unter den veränderten Machtverhältnissen nicht mehr aufrechterhalten werden.

Für alle diese Dynamiken ist Komplexität eine Art „Meta-Dynamik“. Jedes erfolgreiche System erzeugt neue Interdependenzen und damit neue Probleme. Der Anstoß ist oft exogen, die Mechanismen zur Krise aber sind endogen. Die Industrialisierung löst das Stagnationsproblem vorindustrieller Gesellschaften – und erzeugt das Klimaproblem. Globalisierung löst das Problem begrenzter nationaler Märkte – und erzeugt strategische Abhängigkeiten. Digitalisierung löst Informations- und Transaktionsprobleme – und erzeugt Cyberrisiken, Desinformation und neue Machtkonzentrationen.

Was Europa braucht: Macht, Fortschritt und Ideen

Die Zeiten, die wir gerade erleben, sind wahrlich historisch. Es wird Geschichte geschrieben. Was heißt das nun für Europa, das sich in einem globalen Systemwettbewerb unter völlig veränderten technologischen und geopolitischen Bedingungen befindet und gleichzeitig unter der Trägheit und Rigidität ausdifferenzierter Institutionen agiert? Es kommt nun wesentlich auf die Dynamiken an, die jetzt entstehen, getrieben von Kräften, die sich neu formieren. Es geht in diesen Zeiten um Macht, die aus überlegenen Fähigkeiten resultiert, um Fortschritt, der aus Technologieführerschaft entsteht, und um Ideen, die der Macht und dem Fortschritt ihre Legitimation verleihen. In allen drei Bereichen weist Europa heute Defizite auf. Will Europa Geschichte schreiben, muss es dazu in der Lage sein.

Prof. Dr. Henning Vöpel
Vorstand Stiftung Ordnungspolitik
Direktor Centrum für Europäische Politik

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