Meist zwischen dem 4. und 8. Monat begegnen Säuglinge fremden Personen mit Angst, Misstrauen und Abneigung, auch Achtmonatsangst genannt. Die zahlreichen Einwanderungswellen nach Westeuropa haben jede für sich ihr eigenes Fremdeln bei der einheimischen Bevölkerung ausgelöst, angefangen von den Flüchtlingsströmen am Ende des Zweiten Weltkriegs. Die ersten Gastarbeiter aus Südeuropa stießen auf Misstrauen, ihre zunehmende Integration glich das bald wieder aus. Spätestens seit 2015 wurde die Lage durch den Zustrom von Migranten aus nichteuropäischen Ländern immer komplexer und die politischen Versäumnisse bei der Unterbringung und Finanzierung des Zustroms rächen sich nun zunehmend. Aus Fremdeln wurde Ablehnung, international als „migration fatigue“ bezeichnet. Vor allem die Bildung von Ausländerghettos in vernachlässigten Stadtteilen und die Alimentierung wenig integrationswilliger Migranten haben inzwischen für die Stärkung populistisch-nationalistischer Gruppierungen gesorgt, die eine härtere Politik bis zur Remigration fordern. Das ist schon wegen der großen Zahl unrealistisch, laut Eurostat leben in Europa zwischen 87 und 90 Millionen internationale Migranten, davon 45–55 Millionen aus außereuropäischen Ländern. Politisch zunehmend umstritten sind die Migranten aus muslimischen Ländern, die für viele Kritiker als integrationsunfähig oder -resistent gelten.
„Migration Fatigue“ weltweit: USA, Südafrika, Südostasien
Das klassischste aller Einwanderungsländer, die Vereinigten Staaten, hat seine europäischen Migranten integriert, seine Afro-Amerikaner und andere deutlich weniger. Die Theorie wandelte sich vom „melting pot“ zur „salad bowl“. Heute geht das Land unter der Trump-Administration durch eine Phase verschärfter Maßnahmen gegen illegale Migranten, die jahrzehntelang als billige Arbeitskräfte in der Landwirtschaft und in weniger qualifizierten Dienstleistungsberufen willkommen waren. Die rüden Methoden des „Immigration and Customs Enforcement“ (ICE) mit bis zu 10.000 Verhaftungen pro Woche haben allerdings auch für Veränderungen in der Einstellung zur Migration gesorgt. Eine Gallup-Untersuchung vom Juli vorigen Jahres stellt fest, dass die Forderung nach weniger Einwanderung von 55 Prozent 2024 auf 30 Prozent gefallen ist und dass 79 Prozent glauben, dass Migranten gut für das Land sind. Gleichzeitig sei die Zustimmung zu Massendeportationen und Grenzzäunen signifikant gesunken. Übertragen auf Europa könnte das bedeuten, dass energische Maßnahmen gegen unkontrollierte illegale Zuwanderung die grundsätzliche Zustimmung zur Migration erhöhen. Im Parteienspektrum zeigt sich deutlich, dass der Widerspruch zwischen der eigentlich geplanten Anwerbung von Fachkräften und dem tatsächlichen Kontrollverlust den Populisten die Wähler zutreibt.
Eine Welle gewalttätiger Proteste gegen Migranten rollt zurzeit durch Südafrika. Der 30. Juni wurde von den Organisatoren zur letzten Frist erklärt, zu der illegale Einwanderer das Land zu verlassen hätten. Das Land bleibt die größte Volkswirtschaft Afrikas, allerdings ist ein Drittel der Bevölkerung arbeitslos. Deshalb geht die geringe Zahl von 3 Millionen Migranten aus den Nachbarländern oder 4 Prozent der Bevölkerung mehr auf Angst um Arbeitsplätze und Wohnraum, sowie erhöhte Kriminalität zurück. Angeheizt werden die Ressentiments durch eine 2024 geründete Bewegung namens „March and March“, deren Proteste brutal gegen die Wohnungen und Geschäfte der Migranten vorgehen, auch mit Todesopfern. Dabei wird zwischen legalen Einwanderern mit Papieren und Illegalen nicht unterschieden, viele haben das Land wegen der Frist vom 30. Juni bereits verlassen. Ein Großeinsatz von Polizei und Militär konnte die Proteste nur unzureichend kontrollieren, zumal einige Politiker sie unterstützen. Präsident Ramaphosa versucht, zur Mäßigung aufzurufen, die Sorgen der Protestierenden seien berechtigt, aber Gewalt sei der falsche Weg.
Die jungen Staaten Südostasiens sind ethnisch und religiös viel komplexer als Europa. Indonesien zählt rund 600 ethnolinguistische Gruppierungen, die Philippinen 180 und Myanmar 135, die anderen Länder zwischen 20 und 70. Dem entspricht die Religionsvielfalt mit Buddhismus, Islam, Taoismus, Hinduismus, Animismus und nach 400 Jahren Kolonialismus auch Christentum. Europa und Südostasen haben mit 704 und 743 Millionen (Europa) eine vergleichbare Bevölkerungszahl, aber in Europa leben inzwischen doppelt so viele internationale Migranten. Neben der historischen Migration von Chinesen sind heute in der Region mehr als 10 Millionen innerasiatische Arbeitsmigranten am wirtschaftlichen Aufschwung beteiligt, vor allem auf dem Bau, in der Landwirtschaft und Hunderttausende junge Frauen aus den ärmeren Ländern als Haushaltshilfen. Diese Migranten überweisen jährlich 80 bis 90 Milliarden US$ in ihre Heimatländer, bekommen aber nur selten eine Bleibechance. Zur Akzeptanz der Migranten hat sicher die Vielzahl unterschiedlicher ethnischer Gruppen beigetragen und eine verbreitete Mentalität, die die Welt weniger in schwarz und weiß einteilt, wie in Europa, sondern eher in eine breite Palette von Grautönen. Außerdem ist trotz weiterbestehender ethnischer und religiöser Vorurteile ein Grundbestand an ziviler Höflichkeit bestehen geblieben, der allzu deutlichen Rassismus reduziert. Wer mit Politikern aus der Region über die Migrationskrise in Europa spricht, trifft regelmäßig auf Unverständnis über die Öffnung der Grenzen und die Alimentierung im großen Stil. Das sei doch falsch verstandene Barmherzigkeit und entspreche nicht den Kriterien der Genfer Flüchtlingskonvention. Als Unterton schwingt dabei deutliche Verwunderung mit, wie das einst bewunderte Europa sehenden Auges in eine solche Lage geraten konnte.
Islamischer Fundamentalismus und Radikalisierung in Südostasien
Anders als im Mittleren Osten und Nordafrika hat sich der Islam in Südostasien seit dem 14. Jahrhundert friedlich durch arabische Händler ausgebreitet. Heute dominiert er mit 87 Prozent in Indonesien und mit 64 Prozent in Malaysia, wo er auch im Parteiensystem eine wichtige Rolle spielt. Die 16 Prozent starke malaiische Minderheit in Singapur ist muslimisch, in Thailand und den Philippinen leben 6 Prozent Muslime, in Kambodscha und Myanmar jeweils 2 Prozent. Ethnisch, religiös und durch Arbeitsmigration ist Südostasien, abgesehen von ländlichen Gebieten, weitgehend multikulturell. Der regionale Islam ist deutlich toleranter als im Mittleren Osten. Allerdings hat die wahhabitische Missionsarbeit Saudi-Arabiens, die zehntausende von Moscheebauten und wohltätigen Stiftungen finanziert hat, ihre Spuren hinterlassen und die Bildung islamistischer Bewegungen begünstigt. Die wichtigste dschihadistische Organisation war die Jemaah Islamyah (JI), Anfang der 1990er Jahre in Indonesien gegründet, die länderübergreifend auch in Malaysia, Singapur, Brunei und den Philippinen einen islamischen Staat errichten wollte. Die Bombenanschläge der JI und ähnlicher Gruppen, wie 2002 auf eine Diskothek in Bali oder Hotels und Botschaften in mehreren Ländern sind unvergessen. Aber die Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden aus Indonesien, Malaysia, Singapur und den Philippinen hat die islamistischen Gruppierungen und ihre regionale Zusammenarbeit seit 2017 weitgehend zerschlagen. Kleingruppen bilden sich immer wieder neu. Oft durch die Berichterstattung über Gaza radikalisieren sich muslimische Jugendliche im Internet und planen Anschläge. Wichtig für die Prävention bleibt auch die Aufmerksamkeit der zahlreichen gemäßigten islamischen Organisationen, die Gewalt ablehnen.
Wird Westeuropa die Migrationskrise bewältigen können?
Bis 2015 galt eine Faustregel, dass ein Land bis zu 10 Prozent Migranten ohne Probleme verkraften und zum großen Teil auch integrieren könne. In Deutschland, Frankreich und Schweden liegt die Quote inzwischen bei 20 Prozent und mehr, in den meisten anderen Ländern zwischen 10 und 20 Prozent und in der Schweiz bei über 30. In Osteuropa liegen die entsprechenden Werte im niedrigen einstelligen Bereich, Migranten, die dort ankommen, reisen gewöhnlich weiter nach Westen. Die meisten illegalen Migranten leben in Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien, Asylanten mit einer Duldung nicht mitgerechnet. Das Problem wird zunehmend zur Dauerkrise in der jeweils nationalen Innenpolitik und heißer und kontroverser je näher der nächste Wahltermin heranrückt. In Australien versucht Premierminister Albanese gerade, mit der Betonung von Wirtschaftsproblemen das Erstarken der Opposition zu bremsen, die erfolgreich mit dem Migrationsthema punktet. In Europa bleibt die Frage offen, wie stark die Reformagenda der Regierungen die Überfremdungsangst überwinden kann. Die Migrationsbefürworter geraten zurzeit im Meinungsspektrum in die Defensive, obwohl die demographische Entwicklung und das beginnende Ausscheiden der Babyboomer-Generation rapide auf einen Arbeitskräftemangel zulaufen. Aber die Überfremdungsangst und die Kriminalitätsraten bestimmter Migrantengruppen belasten das Meinungsspektrum. Dänemark ist seit Jahren der europäische Vorreiter beim Verschärfen der Regeln und Sanktionen. Der Europarat und Amnesty International haben viele der dänischen Regelungen als unverhältnismäßig und diskriminierend gegen nichtwestliche Migranten kritisiert, das Land hat aber heute die niedrigsten Asylantenzahlen. Integration, Spracherwerb und Selbstverantwortung werden erfolgreich gefördert und gefordert, der Kampf gegen Parallelgesellschaften reicht bis zum Abriss von Sozialwohnungen, das Verbot von Burka und Hijab ist selbstverständlich. Schweden ist inzwischen dabei, dem dänischen Beispiel zu folgen. Ob sich die westeuropäischen Länder mit dem größten Kontrollverlust anschließen werden, ist nicht abzusehen. Der Zeitpunkt ist ungünstig, weil mit schrumpfender Wirtschaft, Aufrüstung und Überschuldung weitere Großbaustellen warten und eine konsequentere Migrationspolitik als Nachgeben gegenüber den wachsenden national-populistischen Gruppen verstanden werden kann. Für die europäischen Demokratien schafft eine gesetzliche Errungenschaft zusätzliche Probleme, das sehr weitreichende Angebot an einklagbaren Ansprüchen. Selbst abgelehnte und kriminelle Asylanten verlängern damit ihren Aufenthalt und überlasten Gerichte wie Sozialsysteme. Auch wenn inzwischen die Zahlen zurückgehen, die Bewältigung der Migrations- und Integrationsprobleme wird Mut, Entscheidungskraft und administrative Konsequenz der Regierungen erfordern. Das Zeitalter der Nationalstaaten mit homogener Bevölkerung geht auch in Europa unwiderruflich zu Ende.
