Buschjagt: Was glaubt der Mensch, wer er ist?

Seit Platon wissen wir von der Anwesenheit des Bestialischen und der Abwesenheit des Rationalen im Menschen, wenn sich Menschen Tieren gegenüber auf grausame Weise verhalten, und wir kennen die Gründe, warum die Beziehungen zwischen Menschen und Tieren freundschaftlicher und nicht grausamer Art sein sollten. Seit Platon wissen wir, dass Menschen nur dann glücklich sein können, wenn sie ihre rationalen Fähigkeiten ausbauen und wenn sie die besonderen Fähigkeiten der einzelnen Tierarten zum Ziel ihres gemeinsamen Wohlergehens entdeckten. Seit Platon wissen wir auch, dass die Jagd – als unfairer Kampf – negative Auswirkungen auf die Herausbildung des Charakters hat, so dass die Jagd keine Unterhaltung für gelangweilte Vertreter der (politischen) Elite sein sollte, weil die Art und Weise, wie man sich Tieren gegenüber verhält, zeigt, wer man selbst ist, und weil sie zeigt, wie unwürdig man sich verhält, wenn man Tiere – wie Elefanten – auf unwürdige Weise erlegt.
Seit Seneca wissen wir, dass der Zweck der Tiere nicht darin besteht, vom Menschen gejagt, gegessen oder auf andere Art benutzt zu werden, weil Tiere auf ihre jeweils eigene natürliche Art gut und vollkommen sind.
Seit Rousseau wissen wir, dass höher entwickelte Tiere in unmittelbarer Nachbarschaft zum Menschen leben, dass Tiere einen Widerwillen bei der Konfrontation mit eigenem Leid und dem von Artgenossen zeigen, und dass die Sonderstellung des Menschen eine Verpflichtung zur angemessenen Behandlung, zur Rücksichtnahme und zum Schutz von anderen empfindungsfähigen und verletzbaren Wesen enthält.
Seit Kant wissen wir, dass der Mensch ein vernunftbegabtes Tier ist, das seine Würde und seine Moralität verletzt, wenn er sich anderen Wesen gegenüber grausam verhält.
Seit Schopenhauer wissen wir, dass Tiere aufgrund ihrer Leidensfähigkeit gleichberechtigt neben dem Menschen in den Kreis der moralisch berücksichtigungswürdigen Wesen eingeschlossen werden sollten, weil der Mensch verpflichtet ist, niemandem Leiden zuzufügen oder ihn seinem Leiden zu überlassen, und weil sich Menschen dauerhaft eine Haltung aneignen sollten, die sie vor der Zufügung von gewusstem, antizipiertem und fremdem Leid zurückschrecken lässt und die die Bereitschaft fördert, es zu lindern und vorgreifend zu verhindern. Und wir wissen seit Schopenhauer, dass insbesondere Elefanten über eine rudimentäre Fähigkeit zur Reflexion und über Sprachverständnis verfügen.
Seit Darwin wissen wir, dass Tiere fähig sind zu denken, sich zu erinnern, dass sie neugierig und aufmerksam sind, dass sie kommunizieren, abstrahieren und sich einsichtig verhalten, dass sie Selbstbewusstsein haben, Werkzeuge gebrauchen, und dass sie Freude, Schmerz, Glück und Elend empfinden. Wir wissen, dass sie sich graduell und nicht prinzipiell vom Menschen unterscheiden, und dass Menschen, die sich nicht gemäß ihrer sozialen Tugenden verhalten, nichts als unnatürliche Monster sind, weil sich der moralische Sinn des Menschen – als Maßstab für Recht und Unrecht – nur in Verbindung mit dem Einhalten ethischer Prinzipien erfüllt.
Und seit Singer wissen wir, dass unsere gegenwärtigen Einstellungen gegenüber Tieren von Ignoranz und Vorurteilen geprägt sind – so wie auch das Jagen und Erlegen von Elefanten –, die ebenso wie negative Vergleiche gegenüber Rasse oder Geschlecht abzulehnen sind, weil bestimmte Tiere – wie etwa Elefanten – Personen sind, deren Leben derselbe Wert, derselbe Tötungsschutz und auch derselbe Schutzanspruch wie dem Leben menschlicher Personen auch zukommen sollte.
Und, ist nicht unser Wissen unser Kapital, unser Humankapital? Sind nicht unser Verstand, unsere Vernunft, unser Geist, unsere Fähigkeit zum Denken, unsere Erkenntnisfähigkeit, unser Verantwortungsgefühl, unsere Sittlichkeit und unsere Moralität das, was uns Menschen als Menschen auszeichnet? Und, hatte Hobbes etwa Recht, als er sagte, der Mensch ist grausam, schlecht und ungerecht? Nein, hier geht es nicht um angemessene Arten der Freizeitgestaltung oder um das Einhalten von gegebenem Recht und Gesetz des Zentralabteilungsleiters des Thüringer Ministeriums für Landwirtschaft, Umwelt und Naturschutz, der sich so einfach über das Washingtoner Artenschutzabkommen hinwegsetzte, für den sich die Anstrengungen der Buschjagd bei 37 Grad Celsius und hoher Luftfeuchte lohnten, hier geht es auch nicht um jemanden, der aufgrund seines Amtes eine Vorbildfunktion für die Gesellschaft einnehmen sollte, und auch geht es nicht darum, darüber zu urteilen, wie ein Politiker sein Land in der nationalen und internationalen Öffentlichkeit repräsentiert, nein, hier geht es ganz allgemein um das Dilemma, das aus der Unstimmigkeit dessen resultiert, was der Mensch glaubt, wer er ist, was er glaubt, wer er gern wäre und wer oder – vielleicht auch was – er demgegenüber tatsächlich ist.

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