David Goldblatt: Die Spiele. Eine Weltgeschichte der Olympiade

Fussball, Foto: Stefan Groß

David Goldblatt: Die Spiele. Eine Weltgeschichte der Olympiade, Aus dem Englischen von Olaf Bentkämper, Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2018, ISBN: 978-3-7307-0392-2

Der Franzose Pierre de Coubertin gilt als Initiator der Olympischen Spiele der Neuzeit. Ab 1880 trat de Coubertin –beeinflusst durch die archäologischen Ausgrabungen im griechischen Olympia – für eine Wiederbelebung der Olympischen Spiele ein, mit welchen er nationale Egoismen überwinden und zum Frieden und zur internationalen Verständigung beitragen wollte. Der Grenzen überwindende Fortschritt im gesellschaftlichen Bereich sollte durch ein sportliches Rekordstreben nach dem Motto „Citius, altius, fortius“ (Schneller, Höher, Stärker) symbolisiert werden. Nach Coubertins olympischem Idealbild sollten nur erwachsene, männliche Einzelkämpfer teilnehmen, ähnlich dem antiken Vorbild. 1894 gründete Coubertin das Internationale Olympische Komitee (IOK) und wurde selbst Generalsekretär. Vor 60.000 Zuschauern wurden schließlich am 6. April 1896 in Athen die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit eröffnet, an denen 295 männliche Sportler (ausschließlich Amateure) aus 13 Nationen teilnahmen.

Der Sportjournalist und Buchautor David Goldblatt zeichnet in diesem Buch die „olympische Bewegung vom Gentleman‘s Club und neo-hellenischen Athletenkult zum global agierenden Verwaltungsapparat, der eine säkulare, kommerzialisierte Feier der gesamten Menschheit ausrichtet, in einer kritischen Betrachtung nach. (S. 8)

Nur unterbrochen zwischen den beiden grausamen Weltkriegen stellt er die einzelnen Austragungen, den politischen Hintergrund, Skandale, Boykotte, Helden und Verlierer und den zunehmenden Wandel der Spiele in neun Kapiteln von Athen 1896 bis zu den Sommerspielen in Rio 2016 dar. Dies geschieht in textlicher Form, am Ende des Buches gibt es beeindruckende schwarz-weiß und Farbbilder wichtiger Erfolge, sportlicher Helden und Eröffnungsfeiern. In einem nachdenklichen Schlusswort geht er kritisch auf die Rolle des IOC, der aktuellen Probleme und Skandale sowie auf die Zukunft der Olympischen Spiele ein. Die fehlende Begeisterung der Organisation dieses weltweiten Sportevents und die zunehmende Kommerzialisierung sind die Haupthürden, die es für die Zukunft zu überwinden gilt: „Die Bürger potentieller Gastgeberstädte in Nordamerika und Europa zeigten sich angesichts der explodierenden Kisten und zweifelhaften Vorzüge einer Austragung der Spiele weniger optimistisch. Ihre Skepsis hat eine Kandidatur zu einem zunehmend schwierigen politischen Unterfangen gemacht. (…)  Ebenso war die Führungs- und Legitimitätskrise, in der das IOC nach der Affäre um Salt Lake City steckte, nur der Auftakt einer ganzen Reihe von Skandalen, die den Sport in der letzten Dekade erschütterten.“ (S. 368/369)

Dieses hervorragend recherchierte Buch bietet einen vollständigen Überblick der bisherigen Geschichte der Olympiaden der Neuzeit. Es schwankt zwischen der Faszination des Sportes und der kritischen Reflexion über die Sportpolitik, speziell des IOCs, und liefert eine Reihe von Anregungen für die Beseitigung der aktuellen Legitimationskrise der olympischen Bewegung innerhalb eines Teiles der sportlich interessierten Bevölkerung weltweit.

Michael Lausberg
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Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.