„[Der Mensch] ist gleichermaßen unfähig, das Nichts zu sehen, dem er entrissen wurde, und das Unendliche, das ihn verschlingt.“ (Blaise Pascal)

Eine „weiße Dame“ auf Burg Wolfsegg, der Märchenkönig Ludwig II. im Starnberger See – es gibt viele Orte, an denen es angeblich noch spukt. Geistern hier tatsächlich die Seelen Verstorbener umher? Sind die Ereignisse in Spukhäusern etwa Aufzeichnungen der alten Gemäuer? Oder entspringen diese Wahrnehmungen vielleicht doch nur den Hirngespinsten von Spinnern? Zahlreiche Forscher sind heute der Auffassung, dass diese Begebenheiten aller Wahrscheinlichkeit nach auf schwer nachweisbare Infraschallwellen zurückzuführen sind. „Beispielsweise kann eine Schallwelle mit der richtigen Frequenz – rund 18 Hz – das menschliche Auge in Schwingung versetzen, was geheimnisvolle graue Erscheinungen im peripheren Sehen hervorrufen kann.“, erläutert David Blatner. Vielleicht hatte ja Macbeth recht und Geister sind möglicherweise nur „ein Märchen … voller Klang und Wut, das nichts bedeutet“.
Von der Ahnung, dass wir in einer etwas „gedämpften Mittelwelt“ leben, zeugen Schamanismus und unsere größten Mythen bereits seit Jahrtausenden. Sogar heute, wenn wir mit unseren technischen Möglichkeiten durch Mikroskope schauen, „finden wir Welten innerhalb von Welten, Reiche, die unsere alltäglichen physikalischen und biologischen Gesetze erklären, in denen aber erstaunlicherweise genau diese Gesetze nicht immer gelten. Beim Blick durch Teleskope – nicht nur bei sichtbarem Licht, sondern auch bei der unsichtbaren Flut von Röntgenstrahlen, Gammastrahlen und Mikrowellen, die wir auffangen können – entdecken wir ein Universum, das größer und seltsamer ist, als wir uns haben träumen lassen.“, so David Blatner. Der US-amerikanische Autor vieler preisgekrönter Bücher befasst sich in seinem jüngsten Werk allerdings nicht mit Gespenstern und sonstigen parapsychischen Erscheinungen. Obwohl man einige seiner vorgestellten Phänomene, die mehr außerhalb als innerhalb des menschlichen Maßes liegen und eine ungeheure Bandbreite umfassen, durchaus dieser Kategorie zuordnen könnte. Ihm geht es um die Darstellung von Gegensätzen. Denn uns Menschen ist eines besonders eigen: Wir vergleichen und schaffen Dualitäten. Unsere Augen, Ohren, Tastrezeptoren, Nervenzellen und das Gehirn sind explizit dafür ausgerichtet, durch Abwägen und Gegenüberstellen unsere unfassbar komplexe Welt um uns herum zu verstehen, Schönheit zu erkennen und unsere Gesellschaft zu strukturieren. Blatner versucht daher in seinem Buch ein Größenempfinden für sechs Spektren zu vermitteln, mit denen jeder von uns täglich umgeht: Zahlen, Größe, Licht, Schall, Wärme und Zeit. Und dies gelingt ihm großartig.
Seine in sechs Kapitel untergliederten Ausführungen können als Wege des Staunens bezeichnet werden. Jedes der vorgestellten Spektren führt von „interessant“ über „ehrfurchteinflößend“ bis hin zu „wahrhaft schwindelerregend“. Er beginnt mit den Zahlen, die zuweilen solch nette Namen wie Avogadro oder Googolplex haben können und stellt Gleichungen vor, bei deren Lösung wahrscheinlich Mister Spocks Augenbrauen nach oben gehen und es im Gehirn scheppert. Doch David Blatner behauptet kühn: Wenn „Sie sich eine Zahl vorstellen können, dann können Sie sich bald alles andere vorstellen.“ Alles andere sind dann solch Dinge wie ein Exkurs in diverse Größenskalen oder ein Ritt auf den unterschiedlichen „Wellenkämmen“ des Lichts. Interessant zu wissen, dass wir zum Beispiel das Sehen der Farbe Magenta nur einem Anfall unseres Gehirns von „Kapier-ich-nicht“ zu verdanken haben. Der Autor untersucht zudem – wie bereits eingangs erwähnt – unterschiedlichste Geisterphänomene, Verzeihung, natürlich Schallfrequenzspektren oder er „philosophiert“ über Wärme- und Kühlprozesse. Übrigens: Messen Sie niemals zu lange mit einem Thermometer Ihre Körpertemperatur, denn letztere nimmt dabei um einen winzigen Betrag ab, da sich die Energie in das Instrument bewegt, bis beide (Körper und Thermometer) die gleiche Temperatur haben. Nicht, dass Sie noch als Ötzi II. in die Geschichte eingehen oder als Bose-Einstein-Kondensat, dem „heiligen Gral der Kälte“, enden. Schlussendlich kommt der Autor dann noch zum größten Geheimnis unseres Universums, dem schwerer als das schlüpfrigste Objekt zu greifenden Rätsel der Zeit.

Fazit: „Es ist kaum vorstellbar, wie erstaunlich klein und scheinbar unbedeutend wir im Universum sind. Aber es ist auch kaum vorstellbar, wie erstaunlich riesig und über die Maßen bedeutend wir im Universum sind.“ David Blatner schubst uns auf unterhaltsame und verständliche Art und Weise aus der Mittelwelt zwischen groß und klein, kalt und warm, langsam und schnell heraus und öffnet ein Tor zum ganz großen, als auch unvorstellbar kleinen „Plan der Dinge“. Ein Buch für all jene, denen Physik, Mathematik oder Chemie bis dato ein Gräuel war, aber auch für den bereits wissenschaftlich Interessierten, ja, vielleicht sogar Versierten. Denn zu entdecken gibt es auch für diese noch jede Menge Neues und Interessantes.
„Wir haben uns in der Vergangenheit getäuscht und werden uns vielleicht auch in Zukunft täuschen, neue Weiten und Schwierigkeiten werden sich vor uns auftun, und wir werden erkennen, dass das, was wir jetzt nicht wissen oder zu wissen glauben, nur ein winziger Teil eines noch größeren Ganzen ist.“ (Isaac Asimov, Science-Fiction-Autor)

David Blatner
Extremwelten
Unser unfassbares Universum von unendlich klein bis unendlich
Titel der Originalausgabe: Spectrums: Our Mind-boggling Universe from Infinitesimal do Infinity
Aus dem Englischen von Hainer Kober
Berlinverlag (April 2013)
192 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3827011264
ISBN-13: 978-3827011268
Preis:19,99 EUR

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Über Heike Geilen 597 Artikel
Heike Geilen, geboren 1963, studierte Bauingenieurswesen an der Technischen Universität Cottbus. Sie arbeitet als freie Autorin und Rezensentin für verschiedene Literaturportale. Von ihr ist eine Vielzahl von Rezensionen zu unterschiedlichsten Themen im Internet zu finden.

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