Dichter und „Mäcen“ – Goethe und Carl August – Sigrid Damm erzählt von den Wechselfällen einer Freundschaft

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  Er war mir August und Mäcen.

  Niemand braucht ich zu danken als ihm…   (Goethe)

Die Autorin Sigrid Damm beging am 7. Dezember ihren 80. Geburtstag. Dies war  Anlass, ihr Anfang Oktober 2020 im Deutschen Nationaltheater den „Weimar-Preis“ zu überreichen. Sie habe, hieß es in der Laudatio, die Namen der mit Weimar verbundenen Dichter Goethe, Schiller und Lenz heutigen Lesern im In- und Ausland ins Bewusstsein gerufen. Nicht zuletzt bei Leserinnen stießen ihre Bücher über Christiane Vulpius, Cornelia Goethe und Charlotte von Stein auf großes Interesse. In ihrer Wirksamkeit sei Sigrid Damm – wie aus dem Insel-Verlag Berlin zu vernehmen war – zur wichtigsten Autorin des Hauses geworden. Ihr ist – trotz gesundheitlicher Handicaps – zu ihrem Jubiläum erneut ein erstaunliches, dicht erzähltes Buch gelungen.

Sigrid Damm liebt das Spiel mit Zahlen – die Sieben hat es ihr besonders angetan: Ihr Lenz-, ihr Lappland-Buch – das kürzlich in variierter Form nochmals erschien –, aber auch ihre jüngste Arbeit, das Doppelporträt über Goethe und den Fürsten Carl August, weisen sieben Hauptkapitel auf. Zudem ist es nunmehr Damms siebentes Buch über Goethe: Sie hatte über Goethes Ehefrau geschrieben, über die Schwester, die Freundin Charlotte von Stein, über Goethe als Großvater, über den Dichter als „Director über alle Bergwercks-Angelegenheiten“ und sie hat Goethes Beziehungen zu Gotha nachgezeichnet.

Die Erzählerin hat so viel über Goethe geforscht und geschrieben, dass es bei dieser Arbeit wohl zuerst um die Kunst des Weglassens ging. Sonst hätte sie sich oft selbst zitieren müssen. So hatte sie bereits 1985 in ihrem Lenz-Buch von den Streichen des achtzehnjährigen Herzogs mit Goethe und den Seinigen ­– in Werther-Kostümen ! – erzählt. „Sie fluchen, sie trinken, sie schießen im Gang des Fürstenhauses mit Pistolen, sie knallen auf dem Marktplatz mit der Peitsche, sie reiten wie wild, sie ,steckten zusammen nakend im Fluß und treiben des Teufels Lermen.‘ “ Wer andere Bücher Sigrid Damms kennt, kann auch über Carl August noch mehr erfahren.

Damm nennt Goethe im Buch-Titel zuerst. Nur er ist vorn er auf dem Cover des Doppelporträts zu sehen – der Mäzen ist hinten, recht klein abgebildet. Das Buch beginnt und endet mit einem Goethe-Part. Sigrid Damm erzählt das Doppelporträt vom Ende her: Am 15. Juni 1828 kommt während eines feierlichen Mittagessens am Frauenplan die Nachricht an, dass der Großherzog überraschend in Torgau verstorben sei. Er war auf einer Privatreise in Berlin, die er auch mit Dienstlichem zu verbinden wusste – etwa mit einer Audienz beim König. Im Tagebuch vermerkt Goethe erschreckend lapidar: „Die Nachricht vom Tode des Großherzogs störte das Fest.“ Die Autorin versucht zu verstehen, warum Goethe zunächst so schroff reagierte.      

Die Beschreibung von Carl Augusts letzter Reise vom Sommer 1828 zieht sich –  kompositorisch  gelungen – wie ein roter Faden durch das akribisch recherchierte Buch. Von hier aus werden in Rückblicken die über ein halbes Jahrhundert reichende Beziehungen zwischen dem Dichter und dem „Tatmenschen“, dem Politiker dargestellt. Des Fürsten letztes Jahr ist das Neunundsiebzigste Goethes. Der Zufall will es, dass die Autorin im gleichen Alter das vorliegende Buch schrieb, in dem ihr  Protagonist erfährt, dass sein Dienstherr verstorben ist.

         Das Buch liest sich spannend. Schon der gewählte Stoff ist voller Dynamik: Enthält er doch die Konflikte, die Differenzen zwischen dem Poeten und seinem Fürsten, die gemeinsamen Interessen, das Verbindende dieser 53- jährigen Partnerschaft, aus der eine tiefe Freundschaft, eine Seelenverbindung wurde. Man kann das Buch als Gegenstück zu der bei Diderot und Hegel apostrophierten Dialektik von Herr und Knecht lesen.

Der acht Jahre ältere Goethe konnte am Weimarer Hof – trotz erheblicher Belastungen als Geheimer Rat und Minister in vielfältigen Funktionen – sein Werk entfalten, seiner Reise- und Sammlerlust frönen und umfassend wissenschaftlich tätig sein. Der Herzog, der es bis zum Titel einer „Königlichen Hoheit“ brachte, hatte in Goethe über Jahrzehnte hinweg einen lebensklugen Berater und Poeten an seiner Seite. Dessen Glanz machte das Fürstentum Sachsen-Weimar-Eisenach als Musenhof weithin bekannt. Goethe habe ihn, notierte Carl August, in „allen Wechselfällen des Lebens begleitet“. „Dessen umsichtigem Rath“, heißt es weiter, dessen lebendiger Theilnahme und stets wohlgefälligen Dienstleistungen Ich den glücklichen Erfolg der wichtigsten Unternehmungen verdanke.“

In den Jahren der Freundschaft  hatte der Herzog den Poeten stets äußerst großzügig unterstützt. Es gab – auch in Zeiten räumlicher Trennung – ein Grundvertrauen zwischen dem Dichter und seinem Mäzen. Für den Großherzog war Goethe ein Duzfreund, während der Dichter – zumindest im Schriftlichen –  den Abstand, die höfischen Etiketten, über Jahrzehnte beachtete. Mitunter übertreibt Goethe ­ironisch die Beachtung der höfischen Floskeln, sodass der Leser Schmunzeln kommt.

Der Autorin glückt ein plastisch- ausgewogenes Porträt Carl Augusts. Er war nicht nur der gestrenge und derbe Militär, als der er uns – hoch zu Ross mit Lorbeerkranz  – vor dem Weimarer Fürstenhaus (der heutigen Musikhochschule) erscheint. Von seinem Hauslehrer Wieland geprägt, war er kulturell gebildet, belesen, am Theater und an den Naturwissenschaften interessiert.

Zwischen dem Dichter und dem Herzog gab es dennoch erhebliche Differenzen. Goethe hatte keinerlei Interesse für das Militär, auch nicht für die Jagd. Hunde mochte er gar nicht.

Jeden Nationalismus lehnte der Napoleon-Verehrer ab. Die Befreiungskriege betrachtete Goethe kritisch. Auch das Engagement des Großfürsten für das Wartburgfest der deutschen Burschenschaften (1817) befremdete ihn. Für  militärische Unternehmungen seines Vorgesetzten – wo diese über die Landesgrenzen hinausgingen – hatte Goethe wenig Verständnis. Skeptisch verfolgte er gleichermaßen die Aktivitäten seines Fürsten, als dieser nach 1815 für Reformen eintrat und sich etwa für die „Preßfreiheit“ einsetzte. Von „Preßfrechheit“ sprach Goethe. Der Weimarer Großherzog wurde in seinen letzten Lebensjahren als einer der engagiertesten und fortschrittlichsten Landesfürsten betrachtet. Militärisch und politisch musste er indessen – nicht zuletzt nach 1815 – Niederlagen und Demütigungen einstecken. Nicht immer hatte er die Ratschläge Goethes beachtet, der manche Folgen voraussah. Mitunter waren Goethes Ansichten – mit Blick auf den gesellschaftlichen Fortschritt – nicht „richtig“.

Der Großherzog musste hier und da Positionen einnehmen, die ihn schmerzten, da sie Goethe kränkten: So war es, als Goethe 1817 sein Amt als Intendant des Hoftheaters aufgab. Er hatte weder Kraft, noch Lust, weiteren Intrigen der Schauspielerin Coroline Jagemann, der Mätresse und Zweitfrau des Fürsten, ausgesetzt zu sein.        

Sigrid Damm bleibt sich insofern treu, als sie sich den Protagonisten Goethe und Carl August sensibel nähert. In keinem ihrer Bücher gibt es so viele Fragezeichen wie in diesem. Einige der Fragen werden vorsichtig beantwortet, viele bleiben offen. Der Leser kann – mit der Autorin im Bunde – oder allein über mögliche Antworten nachdenken. Am Beginn des Bandes liefert Sigrid Damm filigrane Bildbeschreibungen des Herzogs, mit denen sie den Leser in die Erzählung hineinzieht. „Wie haben wir uns Carl August, den Urgroßvater, der in Glienicke bei seinem Urenkel sitzt, vorzustellen. Wie den siebzigjährigen, den fünfzigjährigen, den dreißigjährigen, den zwanzigjährigen Carl August?“ Immer wieder finden sich Wendungen des mündlichen Erzählens: „Stellen wir uns also vor.“  oder „Doch davon später.“ Formulierungen wie „Wir wissen es nicht“ oder „So könnte es gewesen sein“, die für manchen Leser den „Damm-Sound“ ausmachen, finden sich hier nicht.  

Während der Weimarer Preisverleihung wurde thematisiert, dass in Damms Büchern oft vom Tod die Rede sei. Dies ist auch in dieser Doppelbiographie der Fall. Schon oft war – auch in Damms Büchern über Christiane, Cornelia, Charlotte von Stein und Schiller – davon die Rede, wie Goethe mit dem Tod ihm nahestehender Menschen umging. Als der Großherzog starb, hätte Goethe als dienstältester Minister die Trauerfeierlichkeiten leiten müssen, auch erwartete man in Weimar einen Nekrolog aus seiner Feder. Gothe aber floh nach Dornburg. In einem der gelungensten Kapitel des Buches zeigt Sigrid Damm abschließend, auf welche Weise der Dichter den Verlust seines Freundes zu bewältigen versuchte. Vier Monate nach dem Tod des Herzogs gab Goethe seinem Vertrauten Eckermann, Aufzeichnungen Wilhelm von Humboldts zu lesen. In diesen hatte Humboldt festgehalten, wie er die letzten Tage des Großfürsten in Berlin erlebte. „Wie gut ist, es von Humboldt, “ erinnert sich Goethe, „daß er diese wenigen letzten Züge aufgefaßt, die wirklich als Symbol gelten können, worin die ganze Natur des vorzüglichsten Fürsten sich spiegelt. Ja, so war er! Ich kann es am besten sagen, denn es kannte ihn im Grunde niemand so durch und durch wie ich selber.“

Freuen wir uns darauf, dass Sigrid Damms zum zweiten Mal ein Auswahlbändchen Die schönsten Liebesgedichte vorlegen wird. Im Frühling des nächsten Jahres, im Nachklang ihres Geburtstages, wird es erscheinen.

Sigrid Damm, Goethe und Carl August – Wechselfälle einer Freundschaft. Berlin 2020. 300 Seiten. 24 Euro. ISBN 978-3-458-17871-2

(Der Autor schrieb das Buch Die Schmerzgezeichneten müssen es sein –Zum  Werk  von Sigrid Damm, das im Jenaer quartus Verlag erschien.)

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Über Ulrich Kaufmann 16 Artikel
PD. Dr. Ulrich Kaufmann wurde 1951 in Berlin geboren u. lebt seit 1962 in Jena. Hier hat er nach dem Abitur 1970 Germanistik und Geschichte studiert. 1978 wurde er in Jena über O.M.Graf promoviert u. 1992 über Georg Büchner hablitiert. Von 1978 bis 1980 war Kaufmann als Aulandsgermanist im polnischen Lublin tätig.Von 1999 bis 2016 Gymnasiallehrer für Deutsch u. Geschichte. Er hat 10 Bücher über die deutsche Literatur verfasst.