Die Revolution braucht ihre Krise

Des Deutschen schmerzhaftesten Körperteil ist das Portemonnaie!

Bild von Annalise Batista auf Pixabay

Die Zeit von 1924 bis 1929, also vor etwa 100 Jahren, nennt man nicht nur in Deutschland die Goldenen Zwanziger Jahre. Es ist die Zeit des kulturellen, wissenschaftlichen und des wirtschaftlichen Aufschwungs nach dem Weltkrieg, der Spanischen Grippe (einer Viruspandemie) mit weltweit etwa 25 – 50 Millionen Toten und der Hyperinflation und die Zeit vor der Weltwirtschaftskrise.

Zudem wird der Faschismus in Italien eingeführt, der die Demokratie, den Parlamentarismus und die freie Wirtschaft ablehnt. In den 1930ern Jahren wird in Deutschland der Nationalsozialismus zur Staatsreligion erhoben, dem sich das deutsche Volk mit fliegenden Fahnen unterwirft. Es kommt zum Weltkrieg, den Deutschland mit seinen Verbündeten verliert.

Die Goldenen Zwanziger Jahre in Deutschland zeichnen sich also dadurch aus, dass sich das Land weder im Krieg, noch in einer Wirtschaftskrise befindet, der Faschismus in Italien wütet, die Nazis noch nicht die Macht ergriffen haben, Spanischen Grippe und Hyperinflation der Vergangenheit angehören.

Eine ähnliche Konstellation mag dem Leser bekannt vorkommen, doch soll man bedenken, dass bestimmte Krisen und somit auch ihre Folgen sich nicht zwangsläufig alle 100 Jahre wiederholen, auch wenn das Zusammentreffen nicht auf reine Zufälle basiert. Denn schon Karl Marx schreibt im Einleitungssatz seines Buches „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“:

Hegel bemerkt, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das erste Mal als Tragödie, das andre Mal als Farce.“

Zudem mögen wir uns von Verschwörungstheoretikern weit entfernt halten, denn diese wollen uns nicht aufklären, sondern unser Bestes: unser Geld! Bücher über die Goldenen Zwanziger Jahre sprießen dennoch.

100 Jahre später weisen die jetzigen und kommenden Zwanziger Jahre des 21. Jahrhunderts trotz alledem gewisse Ähnlichkeiten mit den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts auf, was nicht bedeutet, dass wir die Ereignisse der nächsten zehn bis zwanzig Jahre in Mitteleuropa richtig vorhersagen können. Es bedeutet aber auch nicht, dass wir uns allzu sorglos verhalten dürfen, fest darauf bauend, dass sich die Geschichte Mitteleuropas nicht wiederholen wird. Hegel ist kein Idiot! Einige unangenehme Ereignisse aus der Zeit vor 100 Jahren werden uns wohl begegnen.

Handeln wir die erwähnten Stichworte ab:

  • Viruspandemie
  • Hyperinflation
  • Faschismus
  • Nationalsozialismus
  • Weltkrieg

Weltweit sollen bisher mehr als 300.000 Menschen mit oder am Corona-Virus verstorben sein. Das entspricht in etwa 1% der Zahl der Verstorbenen an der Spanischen Grippe. Es ist (momentan) nicht anzunehmen, dass das Corona-Virus die Zahl der Verstorbenen an der Spanischen Grippe einholt, gar überholt. Das bedeutet jedoch im Umkehrschluss, dass zumindest die jetzigen gesellschaftlichen und ökonomischen Einschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie übertrieben sind. Unsere demokratisch gewählten Abgeordneten sind sehr fürsorglich! Gar manchem nehmen sie die Luft zum Atmen.

Die momentane Problematik liegt weniger in der Corona-Pandemie selbst als in den Konsequenzen wirtschaftlicher, politischer und philosophischer Art. Es wird verständlich, warum die Grünen den beliebten grünen Oberbürgermeister Boris Palmer aus der Partei entfernen wollen. Palmer zweifelt und kritisiert die grüne Corona-Pandemie-Politik der deutschen Bundesregierung an! Er spricht aus, was viele Wähler denken, jedoch (noch) nicht wagen, laut und vernehmlich darüber zu reden. Bisher fallen nur Verschwörungstheoretiker mit eigenen Meinungen auf. Mit der Zeit – wahrscheinlich noch in diesem Jahr – werden nicht nur die einfachen Bürger merken, wie viel die Pandemie trotz süßer Worte sie kosten wird. Des Deutschen schmerzhaftesten Körperteil ist das Portemonnaie! Ob die Wirtschaftskrise mit Hyperinflation oder einer anderen Art des Konsumverzichts angegangen werden wird, wollen wir an dieser Stelle nicht diskutieren.

In Zeiten der wirtschaftlichen Not bewegt sich der Deutsche wirtschaftlich und politisch nach rechts. Selbst die Linken in der DDR sind daran zerbrochen.

Sollte es zu einem Weltkrieg kommen, so wird sich Deutschland nicht daran beteiligen. Das bedeutet, dass die Deutschen am Ende des Krieges auf der Verliererseite stehen werden.

Muss es so schlimm und unangenehm kommen? Nein! Denn glücklicherweise wissen wir laut Marx, dass Hegel die wiederholte Weltgeschichte als Farce bezeichnet, sie also nicht so schlimm werden muss wie das Original.

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Nathan Warszawski
Über Nathan Warszawski 484 Artikel
Dr. Nathan Warszawski (geboren 1953) studierte Humanmedizin, Mathematik und Philosophie in Würzburg. Er arbeitet als Onkologe (Strahlentherapeut), gelegentlicher Schriftsteller und ehrenamtlicher jüdischer Vorsitzender der Christlich-Jüdischen Gesellschaft zu Aachen.