„Urufstan“ von Jochen Schmidt. Unbedingt lesen!

Foto: Stefan Groß

Die Urfustanische Dystopie findet bereits heute statt. Nicht nur in Urfustan. Urfustan entsteht irgendwo in Asien nach dem Zerfall der Sowjetunion. Man mag es nicht glauben: Nun geht es den dort Lebenden noch schlechter als zuvor. Im Gegensatz zu Russland ist der Diktator Urfustans inkompetent und bösartig, ein Crétin. Nur mit Hilfe des Auslandes, wozu selbstredend auch Deutschland zählt, können der Diktator und seine Schergen das Leben genießen. Das Volk darbt, hungert und verlottert. Nur den Deutschen, die Stalins Deportation nach Urfustan überlebt haben, geht es wegen deutschem Fleiß besser als den vielen anderen Unterdrückten. Trotzdem schlecht.

Ein Auftrag für Otto Kwant
von Jochen Schmidt
C.H.Beck, März 2019
ISBN-13: 978-3406733765
23 €     347 Seiten

Einige Stellen des Buches, um den Genuss anzuregen:

Man merkt sofort, dass der Schreiber in der DDR geboren ist. Die Geschichte ist herzzerreißend, sozialistisch und brutal. Das, was Otto Kwant in Urfustan erlebt, geht nur auf eine DDR-Kuhhaut. Die Geschichte ist komisch und traurig, selbst das Ende. Der Leser bereist ein Land der 3. – 5. Welt.

Was ist dagegen einzuwenden, in ein Land zu fahren, wo es Schuhputzer, Kofferträger und Luftzufächler gibt? Dem Leser wird das Lachen noch im Hals stecken bleiben! Nebenbei lernt der Leser viel über Architektur, denn Ottos Firma soll ein bedeutendes Gebäude in Urfustan errichten, da Diktatoren Architekten benötigen (s. Hitler, Mussolini, Stalin, Herodes: geb. in Aschkelon/Israel, gest. in Jericho/Palästina). Eigentlich will Otto Kinderspielplätze bauen. Otto weiß, dass hierbei die gefühlte Bedrohung mit der vorgeschriebenen Sicherheit steigt.

Weiß der an Architektur interessierte Leser, dass das Gefängnis eine Extremform der vergesellschafteten Lebensweise ist? Nur in Urfustan?

Wichtig für das Verständnis der vorgefundenen Architektur: Kommunistische Desurbanisten wollen den Widerspruch zwischen Stadt und Land aufheben. Erfolgreich?

Als Otto auf Russlanddeutsche trifft, wird er zum Hitler ernannt. Als Otto einen Aldi-Süd-Chip verschenkt, wird er mit einem Hitlergruß bedacht. Tradition verpflichtet. Deutsche Touristen hingegen sind ihm gegenüber (zunächst) äußerst unfreundlich.

Das Buch liest sich flott. Unbedingt lesen! Ein seltenes Meisterwerk!

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Nathan Warszawski
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Dr. Nathan Warszawski (geboren 1953) studierte Humanmedizin, Mathematik und Philosophie in Würzburg. Er arbeitet als Onkologe (Strahlentherapeut), gelegentlicher Schriftsteller und ehrenamtlicher jüdischer Vorsitzender der Christlich-Jüdischen Gesellschaft zu Aachen.