Die Tödlein eines Mediziners

Der Essener Professor Thomas Olbricht gastiert mit 37 Objekten seiner Kunst- und Wunderkammer-Sammlung in Ingolstadt

Ein Paar Tödlein aus Buchsbaum, um 1600, vor dem Titelblatt eines Buches von Basilius Besler, Nürnberg 1616. Foto von Hans Gärtner

 „Die Corona-Pandemie ist auch ein Lehrstück auf die Vergänglichkeit. Noch nie zuvor (zumindest nicht in der Lebensspanne der meisten von uns) war die Fragilität des Lebens und unser aller Sterblichkeit so sehr zu einer kollektiven Erfahrung geworden wie im vergangenen Jahr.“ So führte Museumsdirektorin Marion Maria Ruisinger in die Sonderausstellung „Vergänglichkeit. Die Wunderkammer Olbricht zu Gast im Deutschen Medizinhistorischen Museum“ die erschienene Besuchergruppe ein. Die phantastische Schau ist der „Gesellschaft der Freunde und Förderer des Deutschen Medizinhistorischen Museums Ingolstadt“ zum 50jährigen Gründungsjubiläum gewidmet. Der Sparkasse Ingolstadt-Eichstätt ist das Museum für die finanzielle Unterstützung des Erscheinens des Katalogs zu Dank verpflichtet.

Was in der Ausstellung in einem ausgeklügelten, dem Thema angemessenen architektonischen Konzept zu sehen ist, verdient durchweg großen Zuspruch. Der Mensch der Renaissance und des Barock und seine religiös motivierte Hinwendung zu dem von der Antike her genährten Sinn für alles Endzeitliche steht im Fokus. 37 mit Bedacht ausgewählte Kunst- und Wunderkammer-Objekte aus der schon an mehreren Orten des europäischen In- und Auslands gezeigten Kollektion des Mediziners und leidenschaftlichen Sammlers Prof. Dr. Dr. Thomas Olbricht aus Essen zeigen die Kuratoren Georg Laue, München / London und M. M. Ruisinger, Ingolstadt nun der staunenden Öffentlichkeit. Dies ist ganz im Sinne des Besitzers. Ihm ging es erklärtermaßen weniger um die Materialität und die Bearbeitungstechnik der für Ingolstadt ausgesuchten Stücke, vielmehr „um die Thematik des Memento mori“. Das habe gewiss auch etwas mit seinem Beruf als Arzt zu tun, äußerte Olbricht. „Gerade jetzt in dieser schwierigen Zeit der Pandemie wird uns das Faktum der plötzlichen Vergänglichkeit vor Augen geführt“ – so Olbricht, der seinem Freund und Geschäftspartner Georg Laue nicht weniger als den Beitragsverfassern Virginie Spenlé und Steffen Mensch vom Freisinger  Diözesanmuseum dankt.

Die Exponate sind entweder Artificialia (künstlich hergestellte), Naturalia (der belebten und unbelebten Natur entnommene), Exotica (aus fremden Kulturen stammende) oder Scientifica (den Wissenschaften dienende) Gegenstände – allesamt Bestandteile der von Herrschern und auch schon Privatsammlern des 16. / 17. Jahrhunderts angelegten Kunst- und Wunderkammern. Da sind zum Beispiel zu bestaunen: ein 25 cm großer Chronos aus Buchsbaum (um 1650), der mit Sense und Totenkopf auf einem Sockel steht; eine schlafende Mutter aus Elfenbein, 15 cm lang (Schwäbisch Hall um 1650), die wie tot daliegt und ihr Kind liebevoll an sich drückt; ein aus Wachs geformter „Christus anatomicus“ (italienisch, um 1700), der sich in einem Holzsärglein ausstreckt; die kleine Gruppe „Mönch und Tod“ aus Lindenholz, gedeutet als heiliger Fridolin, Apostel des badischen Oberlandes und Patron des Kantons Glarus mit seinem Attribut, dem wieder aufgestandenen Urso; das schlanke „Paar Tödlein“ (italienisch um 1600) aus Buchsbaum, auf einem Sockel mit Spiegelglas, 35 cm, das es sowohl auf Katalogtitel als auch Plakat schaffte. Da steht es vor dem Titelblatt zu Basilius Beslers Werk „Fasciculus rariorum“, das einen Blick in ein Naturalienkabinett gewährt.

Bis 12. September (Di – So, 10 – 17 Uhr) ist Zeit, die Sonderausstellung zu besuchen und im Shop des Medizinhistorischen Museums, Anatomiestr. 18 – 20, 85049 Ingolstadt den Katalog (16 Euro)zu erwerben.  

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Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.