Die Rentenkommission will die abschlagsfreie Rente nach 45 Versicherungsjahren beenden. Drei ostdeutsche Ministerpräsidenten stellen sich quer. Der Streit zeigt, dass Deutschland über Gerechtigkeit redet, aber vor der eigenen Demografie davonläuft.
Die Rechnung ist älter als der Streit
Es gibt politische Sätze, die stimmen und dennoch nicht reichen. Wer 45 Jahre gearbeitet, Beiträge gezahlt, Kinder großgezogen und womöglich Schichtdienst geleistet hat, der verdient Respekt. Daraus folgt aber nicht, dass jede einmal beschlossene Vergünstigung bis zum Ende aller Tage unverändert bleiben muss. Genau an diesem Punkt beginnt der Streit um die sogenannte Rente mit 63, die für jüngere Jahrgänge ohnehin längst keine Rente mit 63 mehr ist.
Die von der Bundesregierung eingesetzte Alterssicherungskommission empfiehlt, den abschlagsfreien Zugang für besonders langjährig Versicherte abzuschaffen. Ihr Bericht nennt einen unbequemen Befund. Seit 2015 nutzten rund 30 Prozent der neuen Altersrentner diesen Weg. Die durchschnittliche Zugangsrente lag 2025 mit 1.677 Euro deutlich über jener der langjährig Versicherten mit Abschlägen. Die Leistung kommt also keineswegs nur dem erschöpften Maurer zugute, den jede Partei in diesem Streit gern vor sich herträgt.
Der Osten hat Gründe – aber kein Vetorecht gegen die Wirklichkeit
Michael Kretschmer, Reiner Haseloff und Mario Voigt warnen vor einer Abschaffung. In ostdeutschen Biografien liegen Brüche, Arbeitslosigkeit und körperlich harte Erwerbsjahre oft näher beieinander als in den Sonntagsreden westdeutscher Parteizentralen. Diese Erfahrung darf man nicht wegwischen. Die Süddeutsche Zeitung hält den Widerstand dennoch für verquer, weil gerade eine gescheiterte Reform die jüngeren und damit auch die ostdeutschen Beitragszahler besonders träfe. Die Frankfurter Rundschau sieht in dem Vorstoß immerhin einen Impuls, der die Kommission zwingt, Härten genauer anzusehen.
Beides ist richtig. Eine Reform ohne Schutz für Menschen in verschleißenden Berufen wäre kalt. Ein Schutz, der vor allem an 45 Beitragsjahre anknüpft, ist aber grob. Er unterscheidet zu wenig zwischen dem Dachdecker und dem gut bezahlten Angestellten, der früh ins Berufsleben kam, gesund blieb und privat vorsorgen konnte. Gerechtigkeit entsteht nicht dadurch, dass man alle langen Erwerbsbiografien gleichbehandelt, obwohl ihre Belastungen grundverschieden sind.
Fleischhauers Spott ersetzt keine Reform
Jan Fleischhauer hat in seinen Kolumnen im FOCUS oft den deutschen Reflex beschrieben, jede Kürzung als Angriff auf das Volk und jede neue Ausgabe als Zeichen von Menschlichkeit zu verkaufen. Der Spott trifft etwas. Doch er genügt nicht. Ein Sozialstaat ist kein Stammtisch, an dem der Lauteste die nächste Runde bestellt und die Rechnung an die Kinder weiterreicht.
Die Kommission beziffert die Entlastung einer Abschaffung mit wachsenden Milliardenbeträgen. Entscheidend ist aber weniger die einzelne Summe als das Signal. Deutschland muss wieder lernen, zwischen erworbenem Anspruch und politischem Geschenk zu unterscheiden. Beiträge begründen Rechte. Politische Sonderwege müssen sich trotzdem daran messen lassen, ob sie unter veränderten Bedingungen noch tragen.
Nicht streichen, sondern genauer werden
Die vernünftige Lösung wäre weder das starre Festhalten noch der kalte Schnitt. Wer nachweislich Jahrzehnte körperlich schwer gearbeitet hat, braucht einen früheren, verlässlichen Übergang. Wer gesund ist, gut verdient und ohne Not vorzeitig geht, sollte Abschläge akzeptieren. Dazu gehören bessere Erwerbsminderungsregeln, eine ehrliche Definition belastender Berufe und Anreize für freiwilliges Weiterarbeiten.
Eine Regierung, die Reformen verspricht, darf sich nicht schon beim ersten organisierten Widerstand ducken. Sie muss aber erklären, statt zu belehren. Die Rente mit 63 ist nicht heilig. Heilig ist allenfalls das Versprechen, dass Arbeit, Lebensleistung und Generationengerechtigkeit zusammengehören. Dieses Versprechen erfüllt man nicht, indem man die Vergangenheit einfriert.
Die SPD darf sich nicht hinter dem Wort Respekt verstecken
Auch die SPD muss aus ihrer Komfortzone. Respekt vor Lebensleistung ist ein wichtiger Begriff, aber kein finanzpolitischer Joker. Wer jede Begrenzung als soziale Kälte darstellt, macht Reformen unmöglich und überlässt späteren Regierungen den härteren Schnitt. Die FAZ verwies zuletzt auf die Bereitschaft der Sozialdemokraten, über Rente und Arbeit zu verhandeln. Daran wird sie sich messen lassen müssen.
Eine ehrliche sozialdemokratische Antwort würde Belastung stärker berücksichtigen als bloße Versicherungsdauer. Sie würde zugleich akzeptieren, dass eine alternde Gesellschaft mehr Arbeit, mehr Produktivität und zielgenauere Leistungen braucht. Wer den Sozialstaat verteidigen will, muss ihn verändern dürfen.
