Eine Reise durch „immerwährende Landschaften“

Seit Jahrhunderten schlägt der Mars die Menschen in seinen Bann. In vielen Mythologien hat er seinen festen Platz. Seine rote Farbe am Firmament wirkte befremdlich, war doch Rot das Symbol für Feuer und Blut, für Macht und Aggression: Attribute des römischen Kriegsgottes, der ihm auch seinen Namen gab. Jahrhundertelang bis hinein in unsere Zeit hielt sich das Bild vom schrecklichen Roten Planeten. 1938 versetzte Orson Wells mit seinem Hörspiel 'Krieg der Welten' über einen angeblich gerade stattfindenden Angriff von Marsbewohnern auf die Erde Millionen Amerikaner in Panik. Mittlerweile starteten mehr als 30 Missionen seit Beginn der Raumfahrt in Richtung Mars. Kein Planet in unserem Sonnensystem wurde besser erforscht. Wassereis wurde bereits gefunden, doch die Suche nach verborgenen Lebensformen ist noch immer ohne Ergebnis. Satelliten und Robotersonden sollen die Rätsel des Mars weiter entschlüsseln.
Am 12. August 2005 startete von der Raumfahrtbasis Cape Canaveral in Florida der Mars Reconnaissance Orbiter (MRO) mit Kurs auf den Roten Planeten, um diesen zu kartieren. Mit an Bord das bis dato größte und leistungsstärkste Kamerasystem (HiRISE), das je auf die Reise zu einem anderen Planeten geschickt wurde. Am 10. März 2006 tritt MRO in die Marsumlaufbahn ein und am 29. September 2006 empfängt die Erde das erste hochaufgelöste Bild vom Zielorbit. Eine Auswahl der Abertausenden, gestochen scharfen Schwarz-Weiß-Bilder, aufgenommen jeweils aus einem konstanten Blickwinkel, aus einer Höhe zwischen 250 und 320 Kilometer, sind in diesem grandiosen Buch enthalten. Jede Fotografie deckt genau sechs Kilometer in der Breite ab.
Wer allerdings spektakuläre Landschaftsaufnahmen a la Google Earth von den großformatigen, teilweise über zwei Seiten gehende Fotografien erwartet wird zunächst enttäuscht sein. Strukturen sind darauf zu sehen. Von irdischen Stoffen, so könnte man vermuten. Vielleicht in Makrofotografie aus großer Nähe aufgenommen. Hier meint man ein verrostetes Metallblech zu sehen, die grobe, zerfurchte Rinde eines Baumstammes oder Lufteinschlüsse in einem Glas. Dann wieder scheint das Gefüge eines Quarzes oder die Grundstruktur eines Steins im Bild festgehalten worden zu sein. Eine weitere Aufnahme wirkt wie eine frisch abgeputzte Wandfläche eines Neubaus. Blättert man weiter, scheinen Muscheln am Strand zu liegen. Auf einer anderen Seite glaubt man die Skiabfahrtsstrecke einer Alpenregion zu erkennen. Nahezu stofflich wirken die Aufnahmen. Kunstvoll arrangiert für eine Ausstellung der Moderne. Einige von ihnen könnten gar medizinischen Ursprungs, vielleicht von einem Magnetresonanztomografen sein oder in einem chemischen Versuchslabor aufgenommen.
Doch es sind die Erosionen einer Landschaft, die keine schützende Atmosphäre aufzuweisen hat. Riesige Einschlagkrater, vereiste Dünen, Steilhänge, Adern, die sich durch kristallisierte, resistente Mineralien während des Fließens von Flüssigkeit in Brüchen herausgebildet haben. Raue Ebenen, übersät mit kleinen Hügelkuppen wechseln sich mit Lavafeldern und Dünen aus schwarzem Sand ab. Auf einem anderen Foto muten dunkle kleine Dreiecke wie Fächer an, aber sie stammen von Geysiren, die sich beim Schmelzen der südlichen Polarregion gebildet haben. Das einsetzenden Frühlingstauwetter gibt dieser Fläche ein paar Seiten weiter eine eigenartige „Dalmatiner“-Struktur. Zwei Aufnahmen der Marsmonde Phobos und Deimos bilden den Abschluss.
Physikalische Prozesse haben faszinierende Muster auf der Oberfläche des Mars erzeugt, „darunter Polygone, stufenförmig verlaufende Schichten, fließende Sanddünen, mäandrierende Flussablagerungen, spiralförmig aufgewickelte Lavaströme, Impaktkrater mit dramatischen Einschlagstrukturen, durch Erosion entstandene Tafelberge mit vertikalen Hängen, komplex geschichtete Eiskappen an den Polen, Eisströme in den mittleren Breiten, Staubablagerungen mit ungewöhnlichen Texturen sowie Erosionsrinnen (Gullies) mit scharfkantigen Rändern, die aussehen, als seien sie erst in jüngster Zeit entstanden (was bei einigen zutrifft).“, wie Alfred McEwen, Professor für Planetologie an der University of Arizona in Tucson und Projektleiter von HiRISE erläutert. Er und seine Kollegen sind es auch, die das großartige Buch durch einen verständlichen Leitfaden zur Entstehungsgeschichte und Wandel dieses einzigartigen Planeten ergänzen, und in dem sie unter anderem auf die verschiedenen Krater, Gletscheraktivitäten, die Auswirkungen des Wassers, Windaktivität, Klima oder die Polarregionen eingehen. Marskarten sowie eine Chronologie zur Erforschung des Planeten ergänzen das sensationelle Buch.
Fazit: Keine spektakulären Aufnahmen von zusammenhängenden Berg- und Hügelketten oder farbintensive Schattenspiele erwarten den Betrachter dieses opulenten, schwergewichtigen Buches. Sie zeigen den Mars von einer anderen, jedoch nicht minder interessanten Seite. „Sie lassen uns staunen, machen uns neugierig und laden uns dazu ein, dem Roten Planeten noch gründlicher zu erforschen.“, wie es Alfred S. McEwen treffend ausdrückt. Vielleicht trifft die Aussage Victor Hugos am besten den Ton aller Bilder. Er meinte, dass „Landschaft eine Form des Schreibens sei, wie auch am Ursprung des Alphabets Bilder stehen: Jeder Buchstabe ist zunächst ein Zeichen gewesen, jedes Zeichen zuerst ein Bild.“ Alle abgebildeten Orte und Reliefs, die auf den ersten Blick vielleicht unverständlich und befremdlich wirken, stellen in Wirklichkeit eine Folge von Hieroglyphen dar, die zu den Ursprüngen verweisen, zu den Quellen und Wurzeln auch unseres Planeten, zu unserem Ursprung.

Xavier Barral (Hsgb.)
Mars
Eine fotografische Entdeckung
Hatje Cantz Verlag (August 2013)
272 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3775737138
ISBN-13: 978-3775737135
Preis: 79,00 EUR

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Heike Geilen, geboren 1963, studierte Bauingenieurswesen an der Technischen Universität Cottbus. Sie arbeitet als freie Autorin und Rezensentin für verschiedene Literaturportale. Von ihr ist eine Vielzahl von Rezensionen zu unterschiedlichsten Themen im Internet zu finden.

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