„Erinnerungen ausgegraben“ – Fotografien von Harald Hauswald im Leonhardi Museum Dresden

Nicht schon wieder, wie war es damals, … in der DDR? Dann sehen sie Harald Hauswalds Fotografien in sich hinein. Sie zeichnen ein Bild ohne Mitleidsdruck, freuen sich mit den Menschen, zeigen auslaugenden Alltag und die Geste des Sieges darüber. Sarkasmus bleibt den Diktatoren der Macht vorbehalten. Wie sie in ihren verdunkelten Luxuslimousinen an einer Sichtschutzmauer mit der Parole „ES LEBE DER MARXISMUS – LENINISMUS“ vorbei glitten, beschreibt auf unheimlich konzentrierte Art ihr Versagen und macht gleichzeitig den so typischen Rückzug ins Private verständlich. Weg von den Spruchbändern.

Mit seriellen Aufnahmen von Oppositionellen in Berlins Prenzlauer Berg hätte er es sich sehr einfach machen können. Das Miteinander in der Freizeit war der eigentliche Luxus der DDR. Sein Telegrammbotenauge fokussiertdie kleinen Gesten des Alltags und hebt sie für uns heraus. Sie werden gezeigt und nicht geraubt, sind nicht gezirkelt und frei von Plagiaten. Das macht sie besonders. So sehr, dass es den Schutzder Kirchenzeitung Der Sonntag bedurfte, um journalistisch arbeiten zu können. Große Öffentlichkeit fanden sie zuerst zwischen den Reportagen über Naturvölker in Geo. In Ostberlin akkreditierte Journalisten des Klassenfeindes brachten die Bilder über die Zonengrenze. Heute bedarf es einer gewissen Übung, um nachzuvollziehen, wie diese deutsch-deutsche Schmuggelware gleichzeitig als Beleg für die Notwendigkeit seiner Überwachung durch die Stasi und zum Schutz vor Zuchthaus diente. Der Dokumentarfilm „Radfahrer“, so nannte die Staatssicherheit den „Operativen Vorgang“, ist hierfür eine hervorragende Basis. Kommentarlos geben Hauwalds Bilder darin vorgetragenen Aktennotizen einen Ort. Mit trockener Sprache wird die Anzahl gekaufter Milchbeutel oder das Wechseln der Straßenseite protokolliert. Entsetzen und spontanes Lachen wechseln sich beim Betrachter mit der Frage ab, ob in Folge eines beobachteten Händedrucks des „H“ gleich die nächste Überwachung eingeleitet wurde. Andere würden heute diese sieben Kilo schweren Protokollakten wie eine Monstranz vor sich hertragen. Andere würden auch zur teleobjektiven Jagd auf Prominente ansitzen, um für ein Bild das hundertfache Honorar einer Sehschulung für Kunsthochschüler einzustreichen. Die lässt er lieber mit Kameras zu den Enden des Berliner Nahverkehrsnetzes ausschwärmen. Brat Pitt finden sie da nur in der Vorstadtvariante.
Im Dresdener Leonhardi Museum sind Harald Hauswalds Bilder nun in einer großen Ausstellung zu sehen. Eine besondere Zeitreise, die fast vollständig in den Köpfen der Besucher geschieht. Nur selten wird mit einem Zeitkontrastbild nachgeholfen. Das ist sehr gut so. Bewegt man sich doch hier im Ambiente eines über 4oo jährigen Fachwerkensembles einer ehemaligen Mühle.
Regionalbezug zur Elbestadt bilden fast dreißig Jahre alte Aufnahmen einer Reise entlang der Elbufer zwischen Bad Schandau und Boizenburg. Im nächsten Jahr werdendaraus Großprojektionen, die in Komposition mit neuen Bildern, modernem Musikensemble und Chor als großes Bühnenerlebnis unter dem Titel „Die Elbe“ präsentiert werden.
Für die Betrachtung zuhause lohnt sich der hervorragend editierte Farbband „Ferner Osten“. Lehmstedt ist hier eine verlegerischer Schatz gelungen, aus dem man meint, selbst den Geruch der Zeit wahrzunehmen.

Harald Hauswald: „Erinnerung ausgegraben | Fotografien 1976–1990“,
bis 22. September im Leonhardi-Museum Dresden, Grundstraße 26, 01326 Dresden
Di-Fr 14.00 – 18.00 Uhr, Sa/So 10.00 – 18.00 Uhr.

Der Dokumentarfilm „Radfahrer“ ist unter
www.bpb.de/shop/multimedia/dvd-cd/33899/radfahrer
online anzuschauen, oder als DVD bestellbar.

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Über Löw Jan 27 Artikel
Jan Löw, geboren 1965 in Jena, studierte Kunstgeschichte und Medienwissenschaft in Jena und Weimar. Er war langjähriger freier Mitarbeiter des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe. Löw arbeitet als freier Photograph in Berlin und in Thüringen.

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