Erinnerungs- und Gedenkorte im sächsischen Dreiländereck Polen – Tschechien – Deutschland

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Erinnerungs- und Gedenkorte im sächsischen Dreiländereck Polen – Tschechien – Deutschland. Sächsische Landeszentrale für politische Bildung / Umweltbibliothek Großhennersdurf e.V. (Hrsg.). Dresden 2020, 288 S.

Die grenzüberschreitende Erforschung und Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialistischen Regimes wie auch die Dokumentierung der Straflager im Herrschaftsbereich der Siegermächte  gehörte nach 1990 zu den Aufgaben der sich etablierenden bürgerrechtlichen Gruppierungen und den Landeszentralen für politische Bildung. Beide Institutionen setzten sich im Freistaat Sachsen mit einem schwerwiegenden Problem auseinander. In der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR wurden zwischen 1945 und 1989 unter dem ideologisch verbrämten Begriff ‚friedliebende sozialistische Nachbarstaaten’ eine Politik der kommunistischen Machtstabilisierung betrieben. Dieser Tatbestand traf auch für das nach 1945 neugeschaffene Länderdreieck in der Oberlausitz zu, in dem es zu einem tiefgreifenden Bevölkerungswandel kam, ohne dass es aufgrund dieser Grenzverschiebungen zu einer wesentlichen Annäherung polnisch-, tschechisch- und deutschsprachiger Grenzbewohner gekommen wäre.

Umso unwissender blieben auch die um- und neu angesiedelten Bewohner/innen der Oberlausitz über die zahlreichen Arbeits- und Vernichtungslager in ihrer näheren und weiter entfernten Nachbarschaft. Sie durften auch nicht, wie es der Leiter der Umweltbibliothek Großhennersdorf Andreas Schönfelder in seinem Vorwort formuliert, „über die neuen Grenzen, ihr Zustandekommen und die Folgen … zwei Generationen“ lang sprechen und reflektieren. Auch nach der Wende 1989/90 sei eine weitestgehend leere Hülle entstanden, in der das historische Gedächtnis ausgelöscht war und „durch eines ersetzt, dass kaum noch Anhaltspunkte bot, um sich, nun ja in Freiheit, fragend zu begegnen. Die Sprachbarriere tat ihr Übriges.“

Und wie könnte nun angesichts dieses ethnischen, psychomentalen und grenzüberschreitenden sprachlichen Dilemmas eine Aufarbeitung dieser Zwangsgeschichte aussehen? Schönfelder zeigt einige Aufgabenbereiche auf, die an die in der Umweltbibliothek bereits geleistete Arbeit anknüpfen. Dazu gehören Projekte zur Belebung regionaler Identitätsbildung, welche aus polnischer, tschechischer und deutscher Perspektive in grenzübergreifenden Begegnungen, die die verheerenden Auswirkungen von diktatorischer Gewalt und psychomentaler Erniedrigung bürgernah diskutieren.

Die nunmehr vorliegende Dokumentation über Erinnerungs- und Gedenkorte in der Oberlausitz wie auch in der Republik Polen und der Tschechischen Republik, mit Unterstützung des Exil-PEN deutschsprachiger Länder und Fördermitteln der Sparkasse Oberlausitz-Niederschlesien publiziert, stellt einen Überblick über Gedenkstätten dar, deren Aufgabe in der breiten gesellschaftlichen Erinnerung an vergangenes Unrecht besteht. Sie ist in zwei umfangreiche Kapitel aufgeteilt. Im Teil 1 setzen sich Geschichtswissenschaftler und Politologen aus Polen, der ČSR und Deutschland über Erinnerungs- und Gedenkkultur im nationalen und zeitgeschichtlichen Kontext auseinander. Im zweiten, umfangreicheren Kapitel geht es aus der Feder von Kulturhistorikerinnen, Historikern, Gedenkstättenleiter/innen um die umfassende Beschreibung der oft erst nach 1990 errichteten Gedenkstätten. Im Mittelpunkt ihrer dokumentarischen Berichte stehen sowohl die organisatorischen Abläufe in den einstigen Zwangsarbeits- und Vernichtungslagern des nationalsozialistischen Regimes zwischen 1939 und 1945 wie auch deren Einbindung in die Rüstungsindustrie. Außerdem steht im Fokus ihrer Darlegung die dreifache Nutzung des Zuchthauses Bautzen I und II: 1933-1945 – als Haftort für politische Gegner des Naziregimes, 1945 bis 1956 –als militärisches Speziallager der sowjetischen Militärbehörden und zwischen 1956 und 1989 –  als Zuchthaus für Regimegegner unter der Verwaltung der DDR-Staatssicherheit.

Die mit großer Sachkenntnis erstellten Beiträge sind mit zahlreichen Farbfotografien von den Gedenkstätten wie auch mit Diagrammen ausgestattet. Sie dokumentieren die Funktionsweise der Zwangsarbeitslager, beleuchten am Beispiel der heutigen Gedenkstätte in Kreisau/ Krzyżowa im ehemaligen Niederschlesien einen Ort des Widerstands gegen die Nazi-Diktatur, beschreiben die Einbindung der verschiedenen Waffenproduktionsstätten in ein Netz von Rüstungsbetrieben im Deutschen Reich und belegen am Beispiel der Landesanstalt Großschweidnitz, wie die Nazis ihr Euthanasieprogramm zum Zweck der physischen Vernichtung von „unwertem Leben“ zwischen 1938 und 1945 umgesetzt haben.

Die auf dem Umschlag des Paper-Back-Bandes mit der Abbildung eines Denkmals am Eingang zum KZ Groß-Rosen ausgestattete Publikation enthält im Anhang eine Reihe wertvoller Verweise. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis enthält rund 180 bibliografische Hinweise auf Publikationen zur deutschen Terror-Geschichte wie auch zur Erinnerungskultur in Europa, gibt Hinweise auf Internetquellen, enthält Adressen von ausgewählten Gedenkstätten und Museen und das Verzeichnis der Autorinnen und Autoren aus der ČSR, Polen und Deutschland. Ein mit hohem zeitlichen Aufwand und persönlichem Engagement gestalteter Band, der in jede öffentliche Bildungsstätte gehört, nicht nur im sächsischen Dreiländereck! Und dem man auch eine Übersetzung ins Tschechische und Polnische wünschen würde!

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