Ferdinand von Schirach. Strafe. Stories

Uhr, Foto: Stefan Groß

Ferdinand von Schirach. Strafe. Stories. München (Luchterhand) 2018, 192S., 18.- €, ISBN978-3-630-87538-5.

Wenn das heutige Strafrecht „zwischen Strafe als Sühne einer Schuld und Maßnahmen der Sicherung und Besserung (unterscheidet), die im Anschluss an eine strafbare Handlung unter gewissen Voraussetzungen, … , verhängt werden können,“ (Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Hamburg 2005, S. 635) dann erweisen sich die in dem Erzählband präsentierten Geschichten als Verstöße gegen ein Strafrecht, das keine Kriterien für oft außergewöhnliche Fälle aufweist. In diese Lücke stößt Ferdinand von Schirach mit seinen zwölf Episoden vor. Auf knappstem Erzählraum dokumentiert er widerspruchsvolle Handlungsweisen von Menschen so, dass deren strafwürdige Taten aufgrund einer ungewöhnlich ausgewogenen Beurteilung durch die Justiz keine Konsequenzen nach sich ziehen. Damit gehört Ferdinand von Schirach zu den wenigen deutschen Autoren, die in ihren Texten die Schuld ihrer Protagonisten und deren Ohnmacht im Hinblick auf begangenes Leid in einem verständnisheischenden Sinngebungsprozess dem Leser transparent machen können.

Nicht immer geht es in den Geschichten um rätselhafte Morde oder unerklärliche, ja heimtückische Verbrechen. Bereits die Titelgeschichte, „Die Schöffin“, über eine sensible junge Frau, die sich aufgrund frühkindlicher Störungen weitgehend von ihrer Umwelt isoliert, nimmt auf dem breiten Themenfeld ‚Strafen‘ eine ungewöhnliche Position ein. Nicht die seelische Verletzung oder die körperliche Gewaltanwendung durch andere Personen treibt die Handlung voran, sondern die psychische Abkapselung der Protagonistin Katharina. Mitten aus ihrer beruflichen Tätigkeit in einer politischen Stiftung wird sie – trotz ihrer Weigerung – zur Schöffin an ein Landgericht berufen. In dieser Rolle erlebt sie die täglichen körperlichen und seelischen Verletzungen als wertende Beobachterin. Und sie erkennt, dass die Gerichtshandlungen auch ihr eigenes Leid widerspiegeln. Sie will ihren Dienst als Schöffin aufgeben und wird gezwungen, weiter „als Stimme des Volkes“ zu wirken.

Was sich in dieser Schlusspassage als willkürliche Handlung einer öffentlichen Institution erweist, das findet in der raffiniert konstruierten versehenen Geschichte „Auf der falschen Seite“ einen ganz anderen Ausgang. Es handelt sich um einen gewissen Dr. Schlesinger, der als Strafverteidiger aufgrund seiner gewieften Argumentationsstrategien ein hohes berufliches Ansehen erworben hat, solange bis er aufgrund seiner geschickten Beweisführung für seinen Mandanten einen Freispruch erwirkt. Mit einem fatalen Ausgang in einem Fall. Der Mann ermordet sein Kind unmittelbar nach seiner Freilassung. Der Schock für Schlesinger sitzt so tief, dass es beruflich und persönlich mit ihm abwärts geht. Er beginnt exzessiv zu trinken, hält sich in Spielhöllen auf, führt seine Kanzlei nur noch mühselig weiter. Solange bis er einen schier unlösbaren Fall übernimmt, und keine Chance sieht für seine des Mords an ihrem Ehemann angeklagte Mandantin. Erst ein gewisser Yasser, Algerier, Geldeintreiber und Spekulant, ein ehemaliger Mandant in einer Prügelgeschichte, zeigt ihm eine rettende Lösung. Zuerst aber verprügelt er ihn im Auftrag von chinesischen Dealern, weil Schlesinger noch Geldschulden bei ihnen hat, dann zeigt er ihm, ganz Profi in Mordsachen, die andere, beweiskräftige Variante des Mordablaufs. Der Ehemann seiner Mandantin hatte sich nämlich selbst erschossen, weil er seiner Liebsten die hohe Versicherungssumme übereignen wollte.

Jede der in diesem Erzählband aufgezeigten kriminellen und pseudo-kriminellen Geschichten erweist sich als so überraschend in der Beweisführung, dass es selbst einen versierten Krimileser nie langweilig wird bei der Lektüre. Im Gegenteil, die ungewöhnlichen Begleitumstände von Morden, schweren Verletzungen, mysteriösen Todesfällen erfordern seine/ ihre volle Konzentration, wenngleich der Erzähler, hinter dem sich ein professioneller Autor offenbart, die Lösung der Fälle stets präsentiert. Das mag für einen professionellen Krimileser spannungslindernd sein, wenn es nicht einen besonderen Grund für das oft atemberaubende Handlungstempo der erzählten Geschichten gibt. Es sind knappe Sätze, die meist im Gegensatz zur amtlichen Sprachregelung der Justiz mit ihren ellenlangen Beweisführungen stehen, die die Handlung vorantreiben. Außerdem ist es eine faktenreiche Beschreibung von Handlungen, deren transparenter Charakter dem Leser stets die Illusion verleiht, er sei selbst Zeuge der kriminellen Handlungen. Nicht zuletzt ist es der wohlwollende Erzählton, der Lesern das Gefühl gibt, dass hier ein Erzähler mit ihnen über die oft fragwürdige Straffälligkeit von Taten spricht, die ihnen selbst so oft „in den Sinn“ kamen, aber die sie dank ihrer erworbenen Vernunft nicht begangen haben. Einen Nachweis dieser immanenten Nachsichtigkeit mit der in uns „eingelagerten“ potentiellen Strafbereitschaft hat Ferdinand von Schirach jüngst in seinen Gesprächen mit dem renommierten Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge in „Die Herzlichkeit der Vernunft“ (München (Luchterhand) 2017) eindrucksvoll geliefert.

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