„In der Nacht klingt der Sommer anders“ oder: „Ein falscher Vogel im Schwarm“

Sie sind rebellisch und kreativ, provozieren Nerven- und Familienkrisen, haben den Charme von stacheligen Kakteen, sind oft unnahbar, motzen, muffen und meckern wie Kinder in der Trotzphase, provozieren, attackieren und übertreten Verbote. Sie treiben ihre Erziehungsberechtigungen in den Wahnsinn, weil sie – scheinbar unbekümmert – ihre Gesundheit oder gar ihr Leben aufs Spiel setzen, sei es durch Mutproben, Alkohol- oder Drogenexperimente aller Art. Deshalb werden sie gern von Wissenschaftler beäugt und man macht sie zu Helden in Büchern. Die Rede ist von Jugendlichen zwischen 11 und 19 Jahren, auch Teenager genannt. Pubertät, so scheint es, ist eine Zeit voller Gefahren. „So wie Gott sie uns gab, so muss man sie haben und lieben, sie erziehen aufs beste und jeglichen lassen gewähren“, schrieb Johann Wolfgang von Goethe (selbst kein großes Vorbild bei der Erziehung seines Sohnes August). Gewähren lassen – solange es um harmlose Schwärmereien und Launenhaftigkeit geht: kein Problem.

Lara Schützsack hat sich für ihren Debütroman eine derartige „Heldin“ ausgesucht. Sie heißt Lucinda und wohnt mit ihrer Schwester Malina und ihren unkonventionellen Eltern Isa und Frieder (beide Mädchen nennen sie beim Vornamen) in einem Haus in einer gepflegt-bürgerlichen Gegend. Sie ist schön, sie ist flippig, impulsiv, risikofreudig und der Schwarm aller Jungen. Lucinda leuchtet…. doch nur in der Nacht. Denn das heranwachsende Mädchen hat ein Problem und rutscht immer tiefer in eine seelische Krise. Depression, Todessehnsucht und eine zunehmend dramatischere Ausmaße annehmende Magersucht sind die Folgen. Der 18-jährige Robert, genannt Jarvis, der neue Nachbar, scheint das junge Mädchen nur vorübergehend aus ihrem Kokon zu reißen, zieht sie im Endeffekt jedoch noch tiefer in die Abwärtsspirale. Isa und Frieder stehen dem völlig hilflos gegenüber. „Sie verstehen ihre Sprache nicht mehr, und jetzt versuchen sie verzweifelt, ihre Zeichen zu deuten. Sich suchen nach dem Punkt, wo sie meine Schwester verloren haben, nach der Abzweigung, die Lucinda genommen hat.“

Erzählt wird aus den Augen von Malina. Sie, die Jüngere, beschreibt in klaren, einfachen Sätzen ihr Unverständnis, aber auch ihre tiefe Verbundenheit zu der älteren, bewunderten Schwester. Malina begibt sich imaginär mit Lucinda nach Tenebrien, dem Dunkelland, „in das alle gehen, die nicht für unsere Welt gemacht sind. Die Dünnhäutigen, die Gläsernen, diejenigen, die zu viel wünschen, diejenigen, die zu viel gewagt und zu viel verloren haben.“ Sie bemerkt zwar „die Dinge, „die im Keller passieren, mich nichts angehen (…) Sie trennen meine Schwester und mich voneinander wie die Dämmerung den Tag und die Nacht“, doch sie kann sie (noch) nicht verstehen. Vielleicht sind es die Geister, die im Rhododendronbusch umherstreifen. Vielleicht aber auch die leuchtenden Farben, die Lucinda, immer wenn sie sich ihrer Umwelt entzieht, mitnimmt und eine farblose, geräuscharme und unbewohnbare Welt zurücklässt.

Ein anspruchsvolles Buch hat die junge Autorin geschrieben, doch keineswegs für ihr Zielpublikum – 14- bis 16-Jährige – zu unverständlich. Lara Schützsack fabuliert in Worten und kurzen, klaren Sätzen, die junge Leser gerade deshalb erreichen dürften, da sie deren Ton punktgenau trifft. Was für den erwachsenen Leser mitunter nebulös, rätselhaft und okkult anmuten mag, spricht jedoch genau die im körperlich und seelischen Wandel betroffene Gruppe der Adoleszenten an. Es sind Farben, die aus Lara Schützsacks „Feder“ fließen, Stimmungen, die sie punktgenau und geradezu spielerisch zu setzen versteht. So wie Lucinda, spielt auch die 1981 in Hamburg geborene Literatin und Drehbuchautorin, allerdings mit ihrer literarischen Stimme, „wie auf einem Instrument, streicht langsam jede ihrer Saiten, bis man Bauchschmerzen bekommt vor Sehnsucht nach dem, wovon sie erzählt.“ Aber sie erzeugt auch nahezu fühlbare Beschwerden, ob der Dinge, über die sie berichtet, dem Leid und der Hilflosigkeit des Elternhauses und letztendlich auch der Schwester.

„Wenn ich älter bin, werde ich Muse“, stellt Lucinda im Buch fest. „Dann werden Romane und Lieder über mich geschrieben.“ Lara Schützsack hat sich ihrem Wunsch angenommen. „Und auch so bitterkalt“ ist ein schockierendes, ehrliches, ein zuweilen verstörendes und auf jeden Fall ein erschreckend wundervolles und tief beeindruckendes Buch, dem man nur wünschen kann, dass es viele, viele (auch erwachsene) Leser findet. Denn letztendlich ist es auch ein Buch, das vielleicht „die Seekrankheit des Gemüts“, wie Jonathan Franzen einmal die Pubertät bezeichnete, wenn auch nicht heilen, so doch zumindest lindern kann. Die im Epilog abgedruckten Musiktitel, die im Buch gleichfalls eine große Rolle spielen, tun auf jeden Fall ihr Übriges. Eine ausgezeichnete Auswahl, wie ich meine.

Lara Schützsack
Und auch so bitterkalt
Fischer KJB Verlag (Februar 2014)
Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3596856191
ISBN-13: 978-3596856190
Preis: 14,99 EUR

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Heike Geilen, geboren 1963, studierte Bauingenieurswesen an der Technischen Universität Cottbus. Sie arbeitet als freie Autorin und Rezensentin für verschiedene Literaturportale. Von ihr ist eine Vielzahl von Rezensionen zu unterschiedlichsten Themen im Internet zu finden.

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