Wie betrachtet Russland das Meeting mit dem deutschen Außenminister

Treffen des deutschen Außenministers Wadephul mit der Delegation des russischen Außenministers Lawrow am 26. September in New York. (Foto: MID

Russische Journalisten wollten über das Treffen mit Deutschland ausführlich berichten. Die Berater Uschakow und Karaganow bestimmen die ideologische Auseinandersetzung in Moskau. Pressesprecher Peskow setzte einen sachlichen Kontrapunkt zu den Schmähungen aus dem russischen Außenministerium. Europa darf von Verhandlungen nicht ausgeschlossen werden. Von Johannes Schütz

Ihre Auftritte mit provokanten Formulierungen sind Teil der Inszenierung von Maria Sacharowa, der Sprecherin des russischen Außenministeriums, die damit den Angriffskrieg auf die Ukraine rechtfertigen soll. Da wird schon mal NATO-Generalsekretär Mark Rutte als ein Fall für die Psychiatrie dargestellt.

„rufen die Hirngespinste von Mark Rutte (…) bei uns großes Befremden, berechtigte Empörung und ernsthafte Zweifel am Gesundheitszustand von Mark Rutte hervor. Geht es ihm gut? Es drängt sich wirklich die Frage nach dem mentalen Zustand des NATO-Generalsekretärs auf“.
(„Pressebriefing der offiziellen Sprecherin des Außenministeriums Russlands, Maria Sacharowa“, Außenministerium der Russischen Föderation, Moskau, 9. Juli 2025)

Allerdings findet Sergej Karaganow, der führende Politologe des Landes, seinen Platz unmittelbar neben Außenminister Lawrow. Karaganow ist sein bestimmender Berater, er betonte die Qualität der Vorträge von Minister Lawrow.

„Bis jetzt haben wir, abgesehen von einigen Reden unseres Präsidenten und teilweise des Außenministers [Lawrow], keine systematische neue nationale Ideologie dargelegt„, erklärte Karaganow in einem Interview mit der einst liberalen Wochenzeitung Argumenty i Fakty im Juli 2021. Karaganow wollte in diesem Gespräch sein ultranationales Konzept mit Nachdruck vermitteln.
(Виталий Цепляев, „Сатанизации вопреки. Сергей Караганов о новой холодной войне и русской идее“ [Trotz Satanisierung. Sergej Karaganow], Аргументы и Факты,  2021, Nr. 29, 21. 7. 2021, https://aif.ru/politics/world/satanizacii_vopreki_sergey_karaganov_o_novoy_holodnoy_voyne_i_russkoy_idee)

Tatsächlich wurden Reden von Lawrow im Stil von Karaganow verfasst.  Offenbar soll Maria Sacharowa, mit ihrem gefälligen Aussehen einer charmanten Barbie-Puppe, die wilde Ideologie von Karaganow, der gerne mit dem Image des harten Macho sich präsentiert, der Öffentlichkeit schmackhaft verkaufen.

Abschätzige Bemerkungen von Sacharowa

Es kam deshalb nicht unerwartet, dass auch der deutsche Außenminister Wadephul von Sacharowa scharf in die Kritik genommen wurde, nach dem bilateralen Gespräch mit seinem russischen Amtskollegen Lawrow am 26. September begleitend zur UNO-Generalversammlung in New York.

„Gebt das Heilige nicht den Hunden und werft eure Perlen nicht den Schweinen vor, denn sie könnten sie mit ihren Füßen zertreten und sich umwenden und euch zerreißen (Evangelium nach Matthäus, Kapitel 7, Vers 6). Ich erinnere ihn daran, wie findet er das als Mitglied der CDU, damit es einen Anstoß gibt, das Evangelium aufzuschlagen, da er ja Christdemokrat ist [Евангелие открыть, раз христианский демократ]“, sagte Sacharowa in einem Kommentar gegenüber dem Fernsehsender Swesda .
(„Захарова ответила главе МИД ФРГ цитатой из Евангелия“ [Sacharowa antwortete dem deutschen Außenminister mit einem Zitat aus dem Evangelium], Известия, 27.  9. 2026, https://iz.ru/2174345/2026-09-27/zakharova-otvetila-glave-mid-frg-tcitatoi-iz-evangeliia)

Swesda [телеканалу «Звезда»] wird vom Verteidigungsministerium betrieben, ist seit 2005 auf Sendung, im gesamten Staatsgebiet empfangbar und als wichtiges Instrument der russischen Propaganda bekannt.

Betont wurde in den Medienberichten noch, dass die russische Delegation eine Broschüre verteilte: „Die Erben von Goebbels: Fälschung der Ereignisse in Butscha“. Der Bericht wurde herausgegeben vom „Internationalen Volksgerichtshof“, der von Russland gegründet wurde, geleitet von Maxim Grigorjew.  Auch dem deutschen Außenminister soll ein Exemplar überreicht worden sein, allerdings bemerkte Sacharowa zynisch dazu, Wadephul hätte diese Druckschrift verschämt unter einem Notizblock versteckt.

„Wadephul verdeckte den Bericht verlegen mit einem Notizblock und tat, als hätte er nichts bemerkt, und als wären sie vom Vergleich mit Goebbels nicht betroffen [сравнение с Геббельсом – это как бы и не про них]“.
(„Правда глаза колет“. Захарова о Вадефуле, „прикрывшем“ доклад по Буче на встрече [„Die Wahrheit sticht in die Augen“. Sacharowa über Wadephul, der bei einem Treffen den Bericht über Butscha „abdeckte“], ТАСС, 26. 9. 2026, https://tass.ru/politika/28155223)

Kampf um ideologische Führung in Moskau

Während Karaganow das Außenministerium weiterhin unter seiner ideologischen Führung hält, dort Anpöbelungen zu einem routinierten Verhalten in den Stellungnahmen wurden, entsteht der Eindruck, dass Kräfte im Umfeld des russischen Präsidenten um Besänftigung sich bemühen. Berater Juri Uschakow dürfte für die mildernden Umstände im Kreml wesentlich verantwortlich sein. Das wird deutlich in der Stellungnahme von Dmitri Peskow, er ist der Pressesprecher des russischen Präsidenten, zum Treffen mit dem deutschen Außenminister. Peskow war deutlich um Zurückhaltung bemüht und setzte damit einen sachlich orientierten Kontrapunkt zu den Schmähungen von Sacharowa.

Peskow bewertete das Treffen mit dem deutschen Außenminister grundsätzlich positiv. Allerdings können deshalb noch keine baldigen Veränderungen erwartet werden:

„Die Tatsache, dass ein solches Treffen stattgefunden hat, ist zweifellos positiv. Wir haben immer gesagt, dass ein Dialog immer besser ist als kein Dialog. Selbst unter Bedingungen, unter denen die bilateralen Beziehungen gegen Null tendieren, ist es dennoch besser, miteinander zu kommunizieren. Aber es wäre zweifellos falsch, daraus irgendwelche grundsätzlichen Schlussfolgerungen über baldige Veränderungen und dergleichen zu ziehen.“
(В Кремле прокомментировали встречу глав МИД РФ и Германии“ [Der Kreml äußerte sich zum Treffen der Außenminister Russlands und Deutschlands], ТАСС, 28. 9. 2026, [Video zeigt Peskow bei der Stellungnahme], h HYPERLINK „https://tass.ru/politika/28158145“ HYPERLINK „https://tass.ru/politika/28158145“ HYPERLINK „https://tass.ru/politika/28158145″ttps://tass.ru/politika/28158145)

Russische Journalisten wollen vom Meeting mit Deutschland berichten

Die russischen Medien berichteten ausführlich über das Treffen mit dem deutschen Außenminister. Dazu zählt auch ein launiger Beitrag von Tatjana Bajkowa, die darin wesentlich die Hoffnungen der russischen Journalisten zum Ausdruck brachte, entscheidende Information von einem deutschen Politiker zu erhalten.

„Die russischen Journalisten übten vor dem Treffen ihre Deutschkenntnisse, sprachen ihre Fragen im Voraus durch und stellten sich in einer dichten Reihe auf (…) Nach 20 Minuten hinter verschlossenen Türen halfen weder die deutsche Sprache noch der Kordon der Journalisten: Wadephul blieb unnachgiebig.

Die russischen Journalisten rätselten, ob Wadephul im Vorbeigehen eine wichtige Bemerkung gemurmelt hätte. Schließlich sollte ein Redakteur der deutschen Abteilung von Russia Today den verzweifelten Journalisten behilflich sein, so der Bericht von Tatjana Bajkowa:

„Vielen Dank an einen Kollegen aus der deutschen Abteilung von RT, der den Streit beigelegt hat. „Vorsicht, stolpern Sie nicht“, enthüllte er das Geheimnis des Satzes des Diplomaten.
(Татьяна Байкова, „Из райского сада в джунгли: откуда в повестке Лаврова появилась встреча с главой МИД ФРГ“ [Vom Garten Eden in den Dschungel: Wie kam es zu dem Treffen mit dem deutschen Außenminister auf Lawrows Tagesordnung?], Известия, 26. 9. 2026, https://iz.ru/2174172/tatiana-baikova/otkuda-v-povestke-lavrova-poyavilas-vstrecha-s-glavoj-mid-frg)

Deutschland will Teilnahme an Verhandlungen

Die Tageszeitung Iswestija bemerkte, dass eine Herabstufung oder der Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Deutschland nicht ausgeschlossen werden konnte:
„Eine Herabstufung der diplomatischen Beziehungen oder sogar deren Abbruch scheint laut Experten nicht ausgeschlossen“.
(„Wadephul begründete das Treffen mit Lawrow mit den Aufrufen seiner Kollegen zum Dialog“, Известия, 27. 9. 2026, https://iz.ru/2174238/2026-09-27/vadeful-obiasnil-vstrechu-s-lavrovym-prizyvami-svoikh-kolleg-k-dialogu)

Nach den Gesprächen erklärte Sergej Lawrow, er habe aus der Rede des deutschen Außenministers Johann Wadephul keine neuen Vorschläge entnehmen können. Dieser habe lediglich die gewohnte Position Berlins wiederholt. Doch muss Lawrow akzeptieren, dass Europa teilnehmen will, an den Verhandlungen mit Russland, die bisher von den USA geführt wurden:

„Seinen [Lawrows] Worten zufolge versucht Europa verzweifelt, sich in den von den USA geförderten Verhandlungsprozess zur Ukraine einzuschalten (…) Zu den Optionen gehören eine „Euro-Troika“ bestehend aus Großbritannien, Deutschland und Frankreich oder ein separater Sonderbeauftragter im Namen der gesamten EU“.

In der deutschen Botschaft in Russland erklärte man auf Anfrage von  „Iswestija“, dass die deutschen Behörden diplomatische Bemühungen unternehmen würden, um einen Waffenstillstand zu erreichen und den Verhandlungsprozess in Gang zu bringen.

„In der deutschen Botschaft erklärte man gegenüber „Iswestija“, dass Europa am Verhandlungstisch über eine Lösung des Ukraine-Konflikts sitzen müsse. „
(Семен Бойков, Кирилл Фенин, „Страны конфликта: Европа снова пытается вклиниться в переговоры по Украине“ [Konfliktparteien: Europa versucht erneut, sich in die Verhandlungen zur Ukraine einzuschalten], Известия, 28. 9. 2026, https://iz.ru/2174446/semen-boikov-kirill-fenin/strany-konflikta-evropa-snova-pytaetsia-vklinitsia-v-peregovory-po-ukraine)

Wichtige Initiative für Europa

Wadephul wollte Initiative beweisen, für Europa, damit die Verhandlungen mit Russland nicht nur von den USA und China betrieben werden. Iswestija notierte dazu:

„Der deutsche Außenminister merkte zudem an, dass er nicht möchte, dass die europäischen Länder die Initiative im Umgang mit Russland vollständig an die USA abgeben.
(„Wadephul begründete das Treffen mit Lawrow mit den Aufrufen seiner Kollegen zum Dialog“, Известия, 27. 9. 2026, https://iz.ru/2174238/2026-09-27/vadeful-obiasnil-vstrechu-s-lavrovym-prizyvami-svoikh-kolleg-k-dialogu)

Zuvor wurde US-Präsident Trump vom chinesischen Präsidenten Xi, bei dessen Staatsbesuch in Washington am 25. September, während einer Teezereremonie im Weißen Haus, ausdrücklich zur Konferenz der Asia-Pacific Economic Cooperation (APEC) eingeladen, die am 18. und 19. November in Shenzhen stattfinden wird. Trump erklärte, dass er kommen werde. Die Bedeutung der APEC-Konferenz wird hoch bewertet, alle Staatsführer der Region sollen teilnehmen. Man konnte deshalb annehmen, dass Trump die APEC-Konferenz in Shenzhen nicht ignorieren kann, dennoch gab es von ihm zuvor noch keine Zusage.
(„Xi und Trump wollen sich im November in China treffen“, Die Zeit, dpa-Nachricht, 25. 9. 2026, www.zeit.de/news/2026-09/25/xi-und-trump-wollen-sich-im-november-in-china-treffen)

Ein Vertreter der Europäischen Union kann bei den Gesprächen der Länder des Pazifik nicht anwesend sein. Das ist ein Vorteil, den die russischen Strategen nützen wollen. Die Führung in Moskau will im Rahmen der APEC-Konferenz ein trilaterales Treffen von Putin und Xi mit Trump vorbereiten. Dies wird insbesondere von Juri Uschakow forciert, dem Berater des russischen Präsidenten.
(Johannes Schütz, „Russland will Treffen von Putin und Xi mit Trump“, Tabula Rasa, 24. 9. 2026, www.tabularasamagazin.de/johannes-schuetz-russland-will-treffen-von-putin-und-xi-mit-trump)

Europa muss streben, an den Verhandlungen teilzunehmen, die Russland und China mit den USA über globale Strategien und eine „neue Weltordnung“ führen wollen. Putin bringt Xi mit in die Gespräche, ebenso  sollte Trump davon überzeugt sein, dass ein Repräsentant der EU ihn begleitet, auch um das Gleichgewicht der Kräfte zu bewahren, bei diesen trickreichen Gesprächen, die Russen und  Chinesen konzipieren.  Aus diesem Grund muss das Treffen der deutschen Delegation unter Leitung von Außenminister Wadephul mit dem russischen Außenminister in New York als eine wichtige Maßnahme beurteilt werden.

Über Johannes Schütz 135 Artikel
Johannes Schütz ist Medienwissenschafter und Publizist. Veröffentlichungen u. a. Tabula Rasa Magazin, The European, Huffington Post, FAZ, Der Standard (Album), Die Presse (Spectrum), Medienfachzeitschrift Extradienst. Projektleiter bei der Konzeption des Community TV Wien, das seit 2005 auf Sendung ist. Projektleiter für ein Twin-City-TV Wien-Bratislava in Kooperation mit dem Institut für Journalistik der Universität Bratislava. War Lehrbeauftragter an der Universitat Wien (Forschungsgebiete: Bibliographie, Recherchetechniken, Medienkompetenz, Community-TV). Schreibt jetzt insbesondere über die Verletzung von Grundrechten. Homepage: www.journalist.tel