Kleines Bild mit langer Happy-End-Geschichte

In die Podiumsdiskussion im Münchner Literaturhaus führte Leiterin Tanja Graf (stehend) ein. Teilnehmer (sitzend von links): Alfred Grimm, Heike Catherina Mertens, Katrin Stoll, Dirk Heißerer. Zugeschaltet: Sponsor Robert Schoenhofer. Foto: Hans Gärtner

Franz von Lenbachs Kinderporträt der späteren Thomas Mann-Gattin Katia Pringsheim geht als Schenkung nach Pacific Palisades, in Thomas Manns US-amerikanischen Exilort der Jahre 1938 bis 1952. Von Hans Gärtner.       

Ihr Geburtshaus steht nicht mehr: eine Villen-Dependance des Hotels „Kaiserin Elisabeth“ in Feldafing am Starnberger See, Bahnhofstraße 15. Ihr Geburtsdatum: 14. Juli 1883. Sie war ein wenig später zur Welt gekommen als Bruder Karl, also der zweite Zwilling der berühmten Münchner Eltern: Hedwig und Professor Alfred Pringsheim. Sie hatten das Hotel für den ganzen Sommer 1883 gemietet. Das Mädchen wurde Katia getauft – und später dem Schriftsteller Thomas Mann angetraut. Ihm gebar sie sechs Kinder – die auch verfilmte Geschichte der „Manns“ ist weltbekannt. In ihren 1974 als Buch erschienenen „ungeschriebenen Memoiren“ schilderte Katia Mann das kleine Drama ihrer Frühgeburt.

Vom Palais der Pringsheims in der Arcisstraße waren es keine zehn Minuten über den Königsplatz zur italienisch anmutenden Villa des Malers Franz von Lenbach. Er porträtierte Katia Pringsheim im frühen Schulalter. Etwa 40 mal 35 Zentimeter ist das auf Pappe gemalte, von der linken Seite erfasste zarte Kinderbildnis: dunkle, wache Augen, kurzes Haar.

2018 wird das Bild im Prunkrahmen, an welchem es als Katia-Mann-Porträt erkannt werden konnte, im Münchner Auktionshaus Neumeister zur Versteigerung eingereicht. Der Münchner Literat Dirk Heißerer, der in dem Buch „Die wiedergefundene Pracht“ seine Gemälde-Forschungen ausbreitete, bestätigte der Auktionshaus-Geschäftsführerin Katrin Stoll die Identität des Bildes. Diese nahm es aus der Auktion, denn zuerst musste geklärt werden, ob es sich um Raubkunst der NS-Zeit handelt. Der Provenienz-Spezialist Alfred Grimm wurde hinzugezogen …

Man weiß, dass 1940 die Großeltern des heute in den USA lebenden Robert Schoenhofer das Bild für 3000 Mark beim Münchner Kunsthändler Hanold gekauft haben – „Das Mädchenbildnis“ hieß schlicht das Objekt. Man wusste noch nicht, welche Berühmtheit es darstellte, auch wenn rückseitig zweimal das verwischte Wort „Pringsheim“ stand. Hatte jemand den Namen zu eliminieren versucht?

Fragen über Fragen – vor allem auch in Bezug auf eine lückenlose Kette der Geschichte des Bildes! Eine „Podiumsdiskussion“ im großen Saal des Münchner Literaturhauses wichtige Personen dazu sprechen lassen. Der Besitzer, der auf einen Verkauf des Bildes zugunsten einer Schenkung verzichtete, war durch Video-Zuschalte präsent. Heike Catherina Mertens ging mit großer Gelassenheit auf die Probleme einging, die das Bild, das auf einer seitlich stehenden Staffelei verhüllt zugegen war, auslöste. Es konnte geklärt werden, dass es nicht als Raubkunst zu behandeln war, sondern als „NS-Fluchtgut“.

Ein staunendes Publikum hatte Mühe, das Schicksal dieses Katia-Porträts in den Beiträgen von Heißerer, Stoll und Grimm mitzuverfolgen. Hörbar erleichtert war es, zu erfahren, dass der zu Wort gekommene, sich im Wortgefecht mit Heißerer zurückhaltend und souverän wirkende Besitzer Robert Schoenhofer („Das erste Mal hab ich das Bild als Bub gesehen, das jahrzehntelang in der Wohnung meiner Tante hing, die es von den Großeltern geerbt hatte“) das Kunstwerk großzügig dem von der BRD eingerichteten „Thomas-Mann-Haus“ in Pacific Palisades zu schenken. Dafür erhielt der Sponsor spontanen Beifall aus dem Publikum. Es durfte noch die Enthüllung des echten Bildes enthüllt erleben – im Beisein von Frido Mann, dem Enkel der „kleinen“ Katia auf dem Gemälde und von Tamara Marwitz, Urenkelin des Pringsheim-Ehepaars. Beiden hätte als zwei von 26 lebenden Nachfahren das wertvolle Stück zugestanden. Mit der Übergabe an Frau Mertens, Geschäftsführerin des „Thomas Mann Houses“ in Los Angeles, waren alle einverstanden, die auf das Bild – in welcher Hinsicht auch immer – ein Auge geworfen hatten. Schoenhofer zeigte sich am Ende „ganz glücklich“. In der derzeitigen „Schlacht zwischen Demokratie und Tyrannei“ habe er gerne ein Zeichen internationaler kultureller Verständigung gesetzt.

Frido Mann vor dem (digitalen) Gemälde Franz von Lenbachs, das seine Großmutter Katia Mann, geb. Pringsheim, als junges Mädchen zeigt, Foto: Hans Gärtner
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Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.