Von Gabriele Baumann
Seit Wochen warnt der ukrainische Präsident Selenskyj, Russland versuche, Belarus offen in den Krieg hineinzuziehen.
„Laut Präsident Selenskyj haben ukrainische Geheimdienste den Bau von Straßen in Richtung der ukrainischen Grenze sowie die Vorbereitung von Artilleriestellungen in Belarus registriert. Russland ziehe demnach offensive Szenarien aus Belarus in Richtung Tschernihiw und Kyjiw in Betracht. Der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte erklärte, der russische Generalstab prüfe Offensivoperationen aus dem Norden, um die Frontlinie zu strecken. Nach mehrheitlicher Einschätzung unabhängiger belarusischer Analysten sind bislang jedoch keine Truppenbewegungen zu beobachten, die diese Szenarien klar untermauern würden. Ein direkter belarusischer Kriegseintritt bleibt weiterhin wenig wahrscheinlich. Gleichwohl ist die Lage angesichts der engen militärischen Bindung an Russland und des hohen Militarisierungsgrades angespannt. Zuletzt führten Russland und Belarus gemeinsame Manöver mit nuklearer Dimension durch und bauten damit eine klare Drohkulisse auf. Am 25. Mai traf Sviatlana Tichanowskaja als führende Vertreterin der demokratischen belarusischen Opposition in Kyjiw ein – ein wichtiges politisches Signal der Ukraine, dass die ukrainisch-belarusischen Beziehungen stärker an der demokratischen Opposition ausgerichtet und von Machthaber Lukaschenko distanziert werden sollen. “
Zustand und Fähigkeiten der belarusischen Streitkräfte
Stand Mai 2026 umfasst die Stärke der belarusischen Streitkräfte etwa 70.000 bis 75.000 Personen, einschließlich zivilem Personal. Offiziellen Angaben zufolge dienen rund 65 Prozent der Soldaten auf Vertragsbasis, während etwa 35 Prozent Wehrpflichtige sind. Trotz verstärkter Ausbildungsmaßnahmen durch russische Streitkräfte seit 2022 ist die Kampffähigkeit der belarusischen Armee begrenzt. Es fehlt insbesondere an Erfahrung in moderner, hochintensiver Kriegsführung.
Ein Großteil der Verbände besteht aus Kaderformationen, die im Ernstfall auf die Mobilisierung von Reservisten angewiesen sind, um ihre volle Einsatzstärke zu erreichen. Im Vergleich zu den ukrainischen Streitkräften, die Schätzungen zufolge über rund 110 kampferprobte Brigaden verfügen, ist das militärische Potenzial von Belarus deutlich geringer und stellt derzeit keine unmittelbare, kritische Bedrohung für Kyjiw dar. Hinzu kommt, dass die Anzahl der in Belarus stationierten russischen Truppen mit etwa 2.000 vergleichsweise gering ist.
Militärische Lage in Belarus weitgehend stabil
Die militärische Lage in Belarus hat sich in den vergangenen sechs Monaten nach Einschätzung von Experten nicht grundlegend verändert. Eine Ausnahme stellt die mögliche Verlegung von Komponenten des Raketensystems „Oreschnik“ in den östlichen Teil der Region Mogiljow dar, wobei die Stationierung von Abschussvorrichtungen bislang nicht unabhängig verifiziert werden konnte.
Die von ukrainischen Behörden genannten Infrastrukturmaßnahmen entlang der belarusisch-ukrainischen Grenze werden von Analysen, unter anderem des Thinktanks iSANS, nicht als konkrete Invasionsvorbereitungen interpretiert. Straßenreparaturen und Modernisierungen – etwa an der Fernstraße M10 in den Regionen Brest und Homel – spiegeln vielmehr die erhöhte Belastung der Infrastruktur durch seit 2022 in Grenznähe stationierte Einheiten wider, darunter rund 1.000 Angehörige von Spezialeinheiten und inneren Truppen.
Der Ausbau von Luftverteidigungsstellungen, etwa rund um die Raffinerie in Mosyr, steht im Zusammenhang mit einer zunehmenden Zahl von Drohnenüberflügen über belarusischem Gebiet. Die Aufstellung der 37. Luftsturmbrigade nahe Homel, die bereits im August 2025 angekündigt wurde, war schon vor 2021 geplant und soll erst 2027 abgeschlossen sein. Mit einer erwarteten Stärke von rund 2.000 Soldaten verändert sie die militärische Gesamtbalance nur geringfügig.
Eine dauerhafte Stationierung russischer Kernwaffen in Belarus ist weiterhin nicht unabhängig bestätigt. Nuklearübungen sowie die Stationierung von „Iskander“-Systemen dienen vor allem der Abschreckung und politischen Signalwirkung. Die militärischen Aktivitäten weisen daher derzeit überwiegend symbolischen und strategisch-kommunikativen Charakter auf und sind weniger operativ-offensiv einzuordnen.
Mögliche Risiken im Kontext militärischer Manöver
Ein zentrales Risiko besteht in einer unbeabsichtigten Eskalation. Die militärischen Übungen in Belarus finden vor dem Hintergrund des russischen Krieges gegen die Ukraine sowie regelmäßiger Drohnenvorfälle im Luftraum Nordeuropas und der baltischen Staaten statt. Gleichzeitig führen NATO-Flugzeuge kontinuierlich Aufklärungsflüge nahe den Grenzen von Belarus durch. In diesem angespannten Umfeld könnte bereits ein fehlinterpretiertes Radarsignal oder eine verirrte Drohne eine Eskalation auslösen.
