Ophir – Der Ruf des Goldlandes

die Phönizier und die rationelle Landwirtschaft

Die meisten Kulturen der frühgeschichtlichen Zeit hatten durch den noch unentwickelten Verkehr zwischen den oft sehr weit auseinanderliegenden Siedlungsgebieten einen zu geringen Kontakt miteinander, um ihr geographisches Weltbild entscheidend erweitern zu können.

Eine Ausnahme hiervon bildeten allerdings die Phönizier. Sie waren im 2. Jahrtausend v. Chr. durch den Migrationsdruck anderer Völker auf den schmalen Streifen zwischen Libanongebirge und Meer im heutigen Palästina gedrängt worden. Hier gab es keine ausgedehnten Ebenen, die sich für extensiven Ackerbau oder Viehzucht geeignet hätten. So entwickelten die Phönizier eine rationelle Landwirtschaft, dafür aber ein um so bedeutenderes Handwerk. Das Meer wurde diesem Volk der Fischer und Seefahrer zur zweiten Heimat. Sie vervollkommneten im Laufe mehrerer Generationen ihre Schiffbautechnik derart, daß bald das gesamte Mittelmeer zu ihrem Einflußbereich gehörte. Dabei entdeckten die Phönizier so manche Küste, die den anderen Völkern des Altertums noch unbekannt war.

Sicher ist, daß einige phönizische Seefahrer bereits im 12. Jh. v. Chr. die Straße von Gibraltar passierten und in Gades (Cadiz) eine eigene Handelsniederlassung errichteten. Um 800 v. Chr. dann erreichten phönizische Segler Madeira und die Kanarischen Inseln. Die Phönizier kontrollierten so den gesamten Überseehandel der Antike. Sie hatten Verbindungen zu allen drei Erdteilen, die in der Alten Welt bekannt waren und besaßen geographische Kenntnisse, die erst 2.300 später, im Zeitalter der großen Entdeckungen, wieder erreicht wurden. Für diesen Umstand gab es jedoch besondere Gründe. Die Berichte der phönizischen Kapitäne über neu entdeckte Küsten, ihre Bewohner und die Handelsmöglichkeiten dort wurden in den geheimen Archiven der Handelsherren von Sidon und Tyros aufbewahrt und gingen so der Nachwelt verloren. Die Phönizier betrachteten den Seehandel als ihr alleiniges Monopol. Daher wurden ihre Kenntnisse buchstäblich mit Gold aufgewogen.

Es lohnt sich, einmal darüber nachzudenken, wie die Geschichte der geographischen Entdeckungen wohl verlaufen wäre, wenn die großen Denker der Antike, von Homer bis Ptolemäus, die umfangreichen Kenntnisse dieses Seefahrervolkes hätten nutzen können. Wie viele Fehlinterpretationen und falsche Schlüsse wären ihnen erspart geblieben, wenn die Phönizier ihre Entdeckungen nicht allein aus dem engen Blickwinkel des Geschäftsinteresses betrachtet hätten.

Manchmal jedoch schlossen sich die Phönizier bei ihren Unternehmungen mit anderen Völkern zusammen. Dann konnte es vorkommen, daß in den Schleier ihrer Geheimhaltung Löcher gerissen wurden, die uns heute gestatten, ein wenig mehr von den damaligen Geschehnissen zu erfahren.

Denn mit Sicherheit hat der phönizische König Hiram nicht gedacht, daß die per Staatsvertrag mit seinem Nachbarn, dem König von Judäa, getroffene Vereinbarung für eine geheime Fahrt der Nachwelt ganz offen überliefert würde. In der Bibel steht unter 1. Könige 9:

„Und Salomo machte auch Schiffe zu Ezeon Geber, das bei Eloth liegt am Ufer des Schilfmeeres im Lande der Edomiter. Und Hiram sandte seine Knechte im Schiff, die gute Schiffsleute und auf dem Meer erfahren waren, mit den Knechten Salomos. Und sie kamen gen Ophir und holten daselbst 420 Kikkar (Zentner) Gold und brachten es dem König Salomo … dazu die Schiffe Hirams, die Gold aus Ophir führten, brachten sehr viel Ebenholz und Edelgestein … denn das Meerschiff des Königs, das auf dem Meer mit dem Schiff Hirams fuhr, kam in drei Jahren einmal und brachte Gold, Silber, Elfenbein, Affen und Pfauen.“

So kam der König der Juden in den Besitz von 420 Zentnern Gold. Die Phönizier werden keinen geringeren Anteil erhalten haben, sofern diese Zahlenangaben wahrheitsgetreu sind. Hiram muß ein kluger Herrscher gewesen sein. Offenbar ahnte oder wußte er sogar, daß der Vorschlag König Salomos ein gutes Geschäft versprach. Daher setzte er sich über alle Sitten seines Volkes hinweg und schickte Salomo seine erfahrenen Seeleute.

Woher aber hatte Salomo, der sich mit der Seefahrt nun aber wahrhaftig nicht auskannte, die Kenntnis von einem Land, das nur auf dem Wasserweg erreichbar war? Dies läßt sich relativ leicht erklären.

Der Überlieferung zufolge heiratete König Salomo, nachdem er im Jahr 969 v. Chr. die Regentschaft von seinem sterbenden Vater David übernommen hatte, eine Tochter de Pharao Psussenes II. Der Legende nach errichtete Salomo seiner Frau ein so prächtiges Haus aus wertvollem Gestein und Zedernholz, geliefert von seinem phönizischen Bundesgenossen Hiram, daß es selbst der verwöhnten Pharaonentochter ausnehmend gut gefiel. Vielleicht vertraute sie aus Dankbarkeit daher dem König die Kunde von jener Quelle an, aus der den Pharaonen seit Jahrtausenden das Gold zufloß, welches ihren märchenhaften Reichtum begründete.

Doch niemand außer Salomo und den Pharaonen wußte, wo Ophir zu finden ist. Das sagenhafte Goldland wurde deshalb zum Streitobjekt in der gelehrten Welt. Zahlreiche Untersuchungen ergaben ebenso viele verschiedene Ergebnisse. Ophir liegt in Indien, so ist behauptet wurden, es soll in der Südsee zu finden sein, in Peru oder in Santo Domingo. Diese phantasievollen Theorien überschätzen jedoch den geographischen Horizont der Menschen des Altertums, so erstaunlich er auch für die damalige Zeit gewesen sein mag.

Viel wahrscheinlicher ist Salomos sagenhaftes Goldland im Süden Afrikas zu suchen. Die phönizischen Segler könnten nach einer Fahrt entlang der afrikanischen Ostküste auf etwa 20 Grad südlicher Breite bei Sofala, in der Gegend des heutigen Beira vor Anker gegangen sein. Gestützt wird diese These durch die ebenso umfangreichen wie rätselhaften Ruinenfunde, die im Jahr 1871 durch den deutschen Forscher Karl Mauch im Hinterland von Beira gemacht wurden und deren Mittelpunkt Groß-Simbabwe war. Es ist unweit des Golddistrikts gelegen, aus dem einst auch die Männer Hirams und Salomos ihre Schätze bezogen haben könnten.

Die Ruinen von Simbabwe haben keine unmittelbaren Anhaltspunkte für diese Annahme ergeben. Das Geheimnis von Groß-Simbabwe blieb bis heute ungelöst. Um dies zu verdeutlichen, sollen im folgenden zwei tschechische Reisende zu Wort kommen, die den Ort in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts besuchten:

„Auf Grund von Forschungen wurde Simbabwe von den gleichen Ägyptern gebaut, die auch dem Niltal Leben gaben. Simbabwe erbauten die Phönizier, Perser, Sumerer, die auch die Anregung zur Erbauung Babylons gaben. Simbabwe erbauten die Araber und dann wieder rätselhafte Völker, die auf ungeklärte Weise aus dem Innern Afrikas hervorbrachen, um Simbabwe zu erbauen, und wieder geheimnisvoll verschwanden, vielleicht nur deswegen, um es den Archäologen als Steinbaukasten zu hinterlassen.

Schweigend durchschritten wir die Ruinen dieser unbekannten Kultur und hatten dabei ein ganz neues, erleichterndes Gefühl von Freiheit. Denn die, die Simbabwe erbauten, hat es wenig gekümmert, ob darin in fernen Jahrhunderten Touristen mit französischen oder englischen Baedekern herumgehen werden. Das war ihnen gleich; sie wußten auch nichts von Mörtel und legten beim Bau ihres Werkes keinen Wert auf Unsterblichkeit wie die ägyptischen Pharaonen. Sie stellten ganz einfach zweckmäßige Bauten her.“

Lediglich der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß inzwischen sogar Außerirdische als Erbauer Groß-Simbabwes „verdächtigt“ wurden.

Wo mag das gesuchte Ophirland nun wirklich zu finden sein? Zahlreiche ernsthafte Forscher tendieren dazu, die Gegend um Simbabwe tatsächlich als das gepriesene Land Ophir anzusehen. Damit wäre auch die Bemerkung im Alten Testament, daß eine Fahrt damals drei Jahre dauerte, hinreichend erklärt.

Das Reich der Pharaonen hatte zum Zeitpunkt der in der Bibel erwähnten Fahrt nach Ophir einen Tiefpunkt im ständigen Auf und Ab seiner langen Geschichte erreicht. Es kam daher als Abnehmer des ostafrikanischen Goldes nicht mehr in Betracht. Die Händler Ophirs mögen froh gewesen sein, in den Männern Hirams und Salomos nun plötzlich neue Käufer für ihren Goldüberschuß gefunden zu haben. Im Tausch gegen Zedernholz, Öl und Farbstoffe wechselte das Gold seinen Besitzer.

Schwer beladen mit einer kostbaren Fracht, die neben Gold auch aus Silber und Elfenbein bestanden haben dürfte, kehrten die Schiffe nach einer Fahrt von mehreren Tausend Kilometern wieder in den Hafen von Ezeon Geber, bei dem heutigen Akaba, im Nordosten des Roten Meeres, zurück.

Wie die Phönizier mit ihrem Anteil an der Beute verfuhren, blieb bis auf den heutigen Tag ihr Geheimnis. Salomos Geschichtsschreiber hingegen berichten, daß der König nach der Rückkehr seiner Flotte 200 Schilde, jedes zu 600 Stück Gold, anfertigen ließ, und außerdem seinen Thronsessel aus Elfenbein, sechs Stufen hoch, mit purem Gold überzog. Vielleicht beeindruckte er deshalb auch die sagenumwobene Königin von Saba, die ihm im gleichen Jahr ihren Besuch abstattete. Sie brachte ebenfalls 120 Zentner Gold mit, die den Reichtum Salomos mehrten. Seiner angetrauten Frau – der Pharaonentochter – recht bald überdrüssig, umgab er sich mit einem Harem von 700 der schönsten Frauen aus allen damals bekannten Ländern. Er starb schließlich im Zwist mit seinem eigenen Volk, wohl ahnend, daß sein Reich ebenso wie sein Reichtum bald zerfallen werde.

Mehr als einhundert Jahre später versuchten die Israeliten erneut, ihre Staatskasse durch eine Reise in das Goldland Ophir aufzubessern. Wieder berichtet die Bibel von diesem Unterfangen:

„Und Josaphat hatte Schiffe machen lassen aufs Meer, die nach Ophir gehen sollten, Gold zu holen. Aber sie gingen nicht, denn sie wurden zerbrochen zu Ezeon Geber.“ (1. Könige 22).

So endete dieser zweite Versuch der Israeliten, diesmal ohne die Hilfe der erfahrenen phönizischen Seebären das Land Ophir zu erreichen, mit einer Katastrophe, kaum daß die Schiffe den schützenden Hafen verlassen hatten. Die Phönizier jedoch haben in der Folgezeit ihre Fahrten durch das Rote Meer bis nach Südarabien sehr erfolgreich fortgesetzt.

Über Thomas Ritter 86 Artikel
Thomas Ritter, 1968 in Freital geboren, ist Autor und freier Mitarbeiter verschiedener grenzwissenschaftlicher und historischer Magazine. Thomas Ritter hat zahlreiche Bücher und Anthologien veröffentlicht. Außerdem veranstaltet er seit mehr als zwanzig Jahren Reisen auf den Spuren unserer Vorfahren zu rätselhaften Orten sowie zu den Mysterien unserer Zeit. Mit seiner Firma „Thomas Ritter Reiseservice“ hat er sich auf Kleingruppenreisen in Asien, dem Orient, Europa und Mittelamerika spezialisiert. Mehr Informationen auf: https://www.thomas-ritter-reisen.de Nach einer Ausbildung zum Stahlwerker im Edelstahlwerk Freital, der Erlangung der Hochschulreife und abgeleistetem Wehrdienst, studierte er Rechtswissenschaften und Geschichte an der TU Dresden von 1991 bis 1998. Seit 1990 unternimmt Thomas Ritter Studienreisen auf den Spuren früher Kulturen durch Europa und Asien.