„Paula Modersohn-Becker“ von Ingrid Pfeiffer

Worpswede. Bild von Alfred Derks auf Pixabay.

Pfeiffer, I.: Paula Modersohn-Becker, Hirmer, München 2021, ISBN: 978-3-7774-3722-4, 45 EURO (D)

Die umfassende Retrospektive der Frankfurter Kunsthalle Schirn widmet sich dem Gesamtwerk der Künstlerin und zeigt, wie sie zentrale Tendenzen der Moderne vorwegnahm. Neben prägnanten Serien und Bildmotiven stehen insbesondere auch Modersohn-Beckers außergewöhnlicher Malduktus sowie die früh einsetzende und anhaltende Rezeption ihres Werks im Zentrum der Präsentation. Mit rund 120 Gemälden und Zeichnungen aus allen Schaffensphasen präsentiert die Schirn einen aktuellen Blick auf das Œuvre dieser frühen Vertreterin der Avantgarde, das in seiner zeitlosen Qualität bis heute in seinen Bann zieht.

Die 116 Werke umfassende und retrospektiv angelegte Ausstellung vom 8.10.2021 bis 6.2.2022 gliedert sich in thematische Schwerpunkte mit Selbstporträts und Porträts, Darstellungen von Kindern, Akten und Bauerndarstellungen, Landschaften aus Worpswede und Paris sowie Stillleben. Es wird gezeigt, wie die Künstlerin in Serien ihre oft wiederkehrenden Motive umkreist und variiert hat und wie sehr sie von Anfang ab zu eigenen Bildlösungen fand, die ihrer Zeit weit voraus waren.

Dies ist die begleitende Publikation zur Ausstellung.

Zuerst werden Selbstporträts gezeigt. Danach gibt Ingrid Pfeiffer in ihrem Essay eine Art Einführung zu Paula Modersohn-Becker, ihre Lebensabschnitte, ihr Stil und eine grobe Rezeption. „Das zeitlose oder vielmehr ‚überzeitliche‘ Element vieler ihrer Werke wirkt wie ein durchgängiges Motiv und war wohl auch eine Art Abgrenzungsmechanismus zu ihrer direkten Umgebung.“ (S. 52)

Anschließend folgen Bilder von Landschaften und Porträts. Dann beschäftigt sich Inge Herold mit der Mutterschaft im Werk der Künstlerin, die von einer irritierenden Ambivalenz des Mutter-Kind-Motivs spricht. Bilder mit Kindern, Mädchen und weiblichen Akten werden danach gezeigt, bevor Anna Havemann die Studienzeit von Paula Modersohn-Becker in London, Berlin und Paris ausbreitet. Akte in Zeichnungen und Bildern folgen dann. Rainer Stamm beleuchtet das Werk der Künstlerin vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Konventionen und künstlerischer Umbrüche. Nach Stillleben geht Karin Schick auf Ruhe und Bewegung in ihren Bildern ein: „Sie handeln durchaus von Bewegung aber mittelbar und andeutend – als ein Verfahren, Nähern und Halten, als konzentriertes Dazwischen, als Punkt auf der Achse der Zeit.“ (S. 182). Ein biografischer Grundriss zu Modersohn-Becker wird von Simone Ewald und Wolfgang Werner vorgestellt.

Im Anhang finden sich noch eine Werkliste, eine biografische Auswahl (Werkverzeichnisse, Briefe und Tagebücher und Monografien) und den Bildnachweis.

Viele der bekannten Werke der Künstlerin sind in diesem Buch enthalten. Das Porträts, Kinderbildnisse, die Darstellung der bäuerlichen Lebenswelt in Worpswede, Landschaften, Stillleben, Porträts und Selbstporträts. Es eignet sich also als sowohl als Einführung in ihr Werk als auch für den Besuch der Ausstellung.

Bei den Essays fehlt eines über die Künstlerkolonie Worpswede und deren Bedeutung für das Werk von Modersohn Becker. Auch Farbwahl und Formgebung hätten detaillierter behandelt werden können.

Dennoch: Die lang verschmähte „Wiederentdeckung“ von Künstlerinnen nicht nur im deutschen Sprachraum geht in die richtige Richtung.

Über Michael Lausberg 440 Artikel
Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.