Physik des menschlichen Geistes

Frauenkopf, Foto: Stefan Groß

Unser Geist war schon immer etwas Geheimnisvolles, weil wir ihn weder lokalisieren, noch bei seiner Arbeit beobachten können. Dasselbe gilt für seine außergewöhnlichen Fähigkeiten – sich an Ereignisse, Menschen, Bilder und mehr zu erinnern, zu träumen, zu fantasieren sowie beim Denken, Rechnen und Planen intern lautlos mit sich selbst zu sprechen. Weil wir ihn und seine Arbeit nicht, wie alles andere um uns herum, weder greifen, fühlen noch sehen können, vermuteten unsere Vorfahren mangels wissenschaftlicher Kenntnisse, dass er überirdischen Ursprungs sei. Dieser Trugschluss ist die Ursache allen Geisterglaubens und aller Religionen. Da wir inzwischen in einer hochtechnisierten Informationsgesellschaft leben, können wir uns jedoch mit einigen einfachen Überlegungen davon überzeugen, dass unser Geist nichts „Spirituelles, Heiliges oder Göttliches“ ist, sondern ein biologischer Mechanismus, der physikalisch im Wesentlichen verstanden werden kann, weil wir das, was er macht und kann, auch technisch beherrschen und nutzen. Wie ein biologischer Computer verarbeitet er unaufgefordert und vollautomatisch alle Informationen, die ihm unsere Sinnesorgane liefern. Um dies zu verstehen, müssen wir uns genauer mit den Begriffen Information, Kommunikation und Informationsverarbeitung sowie mit dem Mechanismus bzw. dem Geist, der dabei aktiv ist, befassen.

 

  1. Einführung

Der Geist des Menschen entstand keineswegs erst mit der Sprache der Menschen. Schon zuvor verarbeitete während der gesamten Evolution ein Geist in den Gehirnen aller Tiere alle Informationen, die sie über die Sinnesorgane empfingen. Denn auch Tiere können denken, ohne innerlich mit sich selbst zu sprechen. Sie verstehen es, sich Sachverhalte bildhaft vorzustellen sowie Laute und Zeichen zu deuten und zu nutzen, da ihr Gehirn die Bildinformationen, die ihnen die Augen liefern sowie die Töne, die sie hören, so verarbeitet, wie sie es brauchen. Die auf diese Weise empfangenen elementaren Informationen dienen für alle Lebewesen als Basis für die Gestaltung ihres Lebens in dem ihnen zur Verfügung stehenden Lebensraum. Auch wir verstehen es mit ihnen, unser Leben zu gestalten, uns zu ernähren, zu lernen, eine Familie zu gründen, zu träumen, zu lieben usw.

Alle Lebewesen, die Sinnesorgane haben, benötigen auch ein Gehirn, das als zentrales biologisches System mit einem speziellen biologischen Mechanismus die Sinnesinformationen so verarbeitet, dass sie ihnen von Nutzen sind. Natürlich ist die geistige Leistungsfähigkeit der Tiere je nach Qualität ihrer Gehirne entsprechend ihrer evolutionären Entwicklung sehr verschieden, vergleichbar mit dem jeweiligen Entwicklungsstand in der Technik, in der auch die ersten Computer längst nicht so gut arbeiteten wie die modernen PCs, obwohl in ihnen immer derselbe elektronisch-technische Mechanismus aktiv ist. Wie bei ihnen funktioniert der biologische Mechanismus in allen Gehirnen auf dieselbe Art und Weise, obwohl sie sich in ihrer Größe und Struktur unterscheiden. Die Leistungsfähigkeit der Informationsverarbeitung in Gehirnen und Computern hängt vor allem von der Schnelligkeit der internen Kommunikation und Verarbeitung der Information sowie von der Kapazität und der Qualität der Informationsspeicher ab.

Natürlich spielt für die Arbeit der Gehirne auch die Qualität der Sinnesorgane und die Menge der von ihnen gelieferten Informationen eine große Rolle. Beispielsweise haben nicht alle Augen und Ohren aller Tiere dasselbe Leistungsvermögen und natürlich haben auch nicht alle Menschen das gleiche geistige Leistungsvermögen obwohl sich unsere Gehirne kaum unterscheiden, da sie nicht alle gleichgut geschult und trainiert werden und deshalb auch nicht alle über dieselben Informationen verfügen.

 

  1. Was sind Informationen?

Informationen stecken nicht nur in der Sprache sondern in allen Eigenschaften der Materie, die uns u.a. die Sinnesorgane mitteilen. Die elementarsten Informationen finden wir bei den ersten Teilchen unseres Universums, beispielsweise Masse, Spin und Ladung der Elementarteilchen. Sie geben Auskunft über ihre sehr spezifischen Eigenschaften, die deshalb auch zu sehr spezifischen Reaktionen führen. Damit nicht jedes Elementarteilchen mit jedem anderen oder jedes Atom mit jedem anderen auf die gleiche Art und Weise reagiert, müssen Informationen zwischen den Teilchen ausgetauscht werden. Wie dies funktioniert, müssen wir nicht wissen, aber es ist schon seit Jahrzehnten genauesten bekannt und wissenschaftlich durch die Quantenfeldtheorie zweifelsfrei bestätigt. Ähnliches gilt auch für die Planeten unseres Sonnensystems. Sie werden alle durch die unsichtbare Gravitationskraft, die wir zwar spüren, aber nicht sehen, angezogen. Wie groß diese Gravitationskraft beispielsweise zwischen Erde und Mond ist, wissen wir ganz genau. Sie ist von der Größe der Massen der beiden Himmelskörper und von ihrer Entfernung abhängig. Das Kraftfeld, das auf sie wirkt, entsteht durch unsichtbare Teilchen, die diese Informationen kommunizieren und zu der richtigen unsichtbaren Kraft verarbeiten.

Informationen müssen grundsätzlich kommuniziert und verstanden werden, nur dann können sie auch verarbeitet werden und eine Kraft auslösen. Wir können weder die Kraft sehen, mit der uns die Erde anzieht, noch den Mechanismus erkennen, der sie bewirkt. Ähnliches gilt für unseren Geist, der ebenfalls mit Informationen arbeitet und dafür sorgt, dass die richtigen Muskeln die richtigen Kräfte für eine gewünschte Bewegung ausführen. Mit ihm können wir denken und handeln, und vieles erledigt er in unserem Körper, ohne dass wir darauf einen Einfluss haben. Mit ihm und unserem Körper identifizieren wir uns, weil wir mit ihm seit unserer Kindheit vertraut sind und umgehen können.

Die ersten Informationen entstanden also zu Beginn unseres Universums mit den Eigenschaften der Elementarteilchen. Genetische Informationen sind völlig andere rein strukturelle Informationen. Sie entstanden erst mit den Lebewesen, die es verstanden ihren Bauplan und ihre Funktion auf der DNS ihres Erbgutes in speziellen Molekülsequenzen abzuspeichern und bei jeder Zellteilung zu kopieren. Vor allem für uns Menschen wurden evolutionär sehr viel später neben Bildinformationen schließlich Sprachinformationen besonders wichtig.

Was wir als Informationen kennen, wird uns durch unsere Sinnesorgane geliefert. Alles was wir hören, sehen, fühlen, schmecken und spüren gibt uns Informationen über das, was in unserem Umfeld geschieht und was uns unsere Mitmenschen mitteilen oder was beispielsweise über technische Mittel wie Fernsehen oder Mobilfunk angeboten wird. Diese Informationen, werden durch unsere Sinnesorgane in elektrische Signale umgewandelt, die über unsere Nervenbahnen in unser Gehirn geleitet werden und dort ähnlich wie in einem Computer, aber auf biologische Art und Weise, verarbeitet werden.

Die Bilder, die wir mit unseren Augen sehen, haben den höchsten Informationsgehalt. Sie informieren uns über die Farben, Formen, Größen und Entfernungen von Gegenständen in unserer Umgebung. Einfache Töne werden auch von der Tierwelt zur Kommunikation benutzt. Nur der Mensch hat es verstanden, mit Vokalen und Konsonanten eine kodierte Sprache zu entwickeln, mit denen er Gegenstände, Gefühle und Empfindungen benennen, Ereignisse beschreiben und kommunizieren kann. Sie führte in den letzten Jahrtausenden zur Entwicklung des Lesens, des Schreibens und des Rechnens und bildeten mit ihnen die Grundlage für eine erfolgreiche Teilnahme an der menschlichen Gesellschaft.

 

  1. Was geschieht bei der Kommunikation?

Bei der Kommunikation, wie sie uns vertraut ist, gelangen Informationen von einem Sender zu einem Empfänger. Es gibt zwei grundverschiedene Arten der Kommunikation. Die Urform der Kommunikation ist der Informationsaustausch. Dabei wird die Information über virtuelle Informationsträger, die der Physiker als Bosonen bezeichnet, kommuniziert und von den beiden Kommunikationspartner, die gleichzeitig Sender und Empfänger sind, verarbeitet. Das ist die elementarste Form der Kommunikation, bei der ausschließlich Informationen bezüglich der Eigenschaften der Partner ausgetauscht werden und die auch heute noch für alle chemischen Reaktionen zwischen Atomen und Molekülen verantwortlich ist. Sie begann unmittelbar nach dem Urknall mit den physikalischen Reaktionen zwischen den Elementarteilchen, die schließlich zu den Atomen führten.

Der Informationsaustausch führt grundsätzlich zu Kräften zwischen den beiden Kommunikationspartnern. Diese sehr spezielle Art der Kommunikation ist deshalb auch die Ursache aller Kräfte auf dieser Welt und damit nach der Bildung der ersten Elementarteilchen aus Energie beim Big Bang am Anfang unseres Universums zuerst verantwortlich für die Entstehung der Atomkerne, dann der Atome, danach der Moleküle und viel später der Sonnensysteme. Kommuniziert werden beim Informationsaustausch elementare Eigenschaften der Teilchen wie z.B. die Masse, die Ladung, der Spin usw. Mit der Entstehung der ersten Informationen bei der Entstehung der Elementarteilchen, die in Fermionen (Masseteilchen, die die Information enthalten) und Bosonen (Botenteilchen, die die Information über eine Distanz hinweg transportieren) unterteilt werden, entstand damit am Anfang unseres Universums mit den ersten Elementarteilchen auch die Kommunikation allerdings zunächst ausschließlich auf der Basis des Informationsaustauschs. Der Informationsaustausch steht deshalb am Anfang der Evolution der Kommunikation.

Die sehr spezielle Kommunikation, die wir als Menschen besonders gut kennen, erfolgt durch Informationen, die in unserer Sprache und in Bildern enthalten sind. Dies ist grundsätzlich ein einseitiger Informationsaustausch, bei dem eine oder mehrere Informationen sprachlich, optisch oder technisch über spezielle Informationsträger (elektrische oder akustische Signale, Schriften, Bilder …) von einem Menschen zu einem anderen oder zu mehreren Menschen gelangen. Bei der Kommunikation dieser Informationen entstehen keinerlei Kräfte zwischen dem Sender und Empfänger. Bei diesen komplexen Informationen handelt es sich um Botschaften, die in einem Muster von verschiedenen Lauten, in dem Muster von Bildpunkten eines Bildes, in der Buchstabenkombination einer Schrift oder in den Signalen eines technischen Senders enthalten sind. Es handelt sich also damit jetzt nicht mehr um die Kommunikation von Eigenschaften einzelner Materieteilchen, sondern um die spezielle Struktur oder das Aussehen einer Symbolsequenz einer Schrift oder die Lautfolge einer bestimmten Sprache, die nur deshalb verstanden werden kann, weil man ihre Bedeutung im Laufe des Lebens erlernt hatte. Ein in deutscher Sprache verfasstes Lehrbuch enthält damit Informationen, die man ihm beim Lesen entnehmen kann oder auch nicht und sie vielleicht dann später auch nutzen kann oder auch nicht. Ob man die Information versteht oder auch nicht, selbst wenn man die Sprache versteht, ist damit völlig offen, ebenso die Frage, was mit ihr geschieht.

 

  1. Was sind Mechanismen?

Je nach System sorgen in der Natur physikalische, chemische und biologische Mechanismen und in unserer modernen Welt mechanische, elektromagnetische und elektronische, kurz technische Mechanismen dafür, dass etwas geschieht. Alle Mechanismen lassen in einem mit Energie versorgten System primär Kräfte wirken. Diese sorgen intern für eine Dynamik. Dabei löst die in dem System vorhandene mechanische, elektrische oder chemische Energie Kräfte aus, die intern eine Bewegung verursacht und den Zustand des Systems verändert. Es geschieht etwas in dem System, in dem technischen Gerät (der Maschine, dem Automaten, dem Fahrzeug usw.) oder in dem Lebewesen (einer biologischen Zelle, einer Pflanze, einem Tier, einem Menschen usw.). Was intern geschieht, ist, wenn es sich atomar oder molekular wie in einer Maschine oder im Menschen abspielt, nicht erkennbar. Nur die Bewegung des Systems, also der Maschine oder des Menschen und damit das Ergebnis der Informationsverarbeitung werden erkennbar. Ein Geschehen ist unabhängig davon, ob es ein geistiges oder körperliches ist, immer ein Ereignis, das grundsätzlich durch Kräfte ausgelöst wird und als Funktion der Zeit abläuft.

Kräfte beschleunigen Massen, die beispielsweise bei Atomen oder Molekülen zu chemischen Reaktionen führen. Sobald viele Massen im Spiel sind, beispielsweise bei lebenden Zellen oder technischen Geräten, handelt es sich um ein System. Alle Kräfte auf dieser Welt sind auf vier Fundamentalkräfte zurückzuführen. Die bekanntesten von ihnen sind die Gravitationskraft und die elektromagnetische Kraft. Weniger gut bekannt sind die Schwache und Starke Kernkraft, die für den Zusammenhalt der Kernbausteine der Atomkerne (der Nukleonen) und den radioaktiven Zerfalle zuständig sind.

Technische Systeme können mit technischen Mechanismen im Inneren von Geräten oder Maschinen eine Dynamik, also ein inneres unsichtbares Geschehen bewirken, das makroskopisch zu sichtbaren Auswirkungen führt, wie bei Autos, Motoren und elektrischen oder elektronischen Geräten, bei denen nicht erkennbar ist, wie beispielsweise das Benzin zur Bewegung des Autos, der Strom zur Bewegung des Elektromotors oder die Informationen in einem Computer verarbeitet werden, d.h. ganz allgemein wie die innere Dynamik zustande kommt.

Da in jedem Fall Dynamik durch Kräfte entsteht und in jedem Fall Kräfte durch Informationen und ihre Verarbeitung zustande kommen, sind immer für die Auslösung und den Ablauf von Ereignissen unterschiedlichen Arten von Informationen und ihrer Verarbeitung und damit verschiedene Mechanismen der Informationsverarbeitung erforderlich. Sowohl die Informationen als auch ihre Verarbeitung haben sich seit dem Urknall evolutionär entwickelt, wie in den von mir verfassten Tabularasa-Artikeln (April 2016 und Mai 2016) mit den Titeln „Evolution der Information“ und „Evolution der Informationsverarbeitung“ beschrieben wurde.

Lebende Zellen sind die Grundbausteine aller Lebewesen, in denen biologische (physikalisch-chemische) Mechanismen eine mit dem bloßen Auge nicht sichtbare wohldefinierte innere Dynamik entwickeln, die durch die Verarbeitung der genetisch auf der DNS abgespeicherten Informationen zustande kommt. Diese Mechanismen stellen die ersten biologischen Geistformen dar, die in der Lage sind, molekular abgespeicherte Informationen chemisch so präzise vollautomatisch zu verarbeiten, dass die Zelle in der Lage ist, Nährstoffe zu verarbeiten, zu wachsen, sich zu teilen und dabei die Zellinformationen perfekt zu kopieren. Wie diese elementaren biologischen Mechanismen arbeiten, ist nicht sichtbar, da sie mit den kleinsten Teilchen der Materie, also mit Atomen, Ionen und Molekülen umgehen. Es finden dabei allerdings nicht nur Reaktionen wie in einem Reagenzglas statt, sondern auch rege Kommunikationen zwischen den Bestandteilen der Zelle mithilfe der thermischen Bewegung von Botenstoffen. Eine lebende Zelle ist damit der kleinste Vollautomat, der so klein ist, dass er nur mithilfe eines Mikroskops sichtbar gemacht werden kann. Vollautomaten erledigen ganz spezielle Aufgaben auf perfekte Art und Weise. Dazu müssen sie für den richtigen Ablauf der Arbeiten gesteuert werden und dies funktioniert nur mit speziellen Informationen und einem speziellen Mechanismus, also mit einem speziellen Geist, der sie verarbeitet.

In lebenden Zellen müssen eine Vielzahl von klar definierten Aufgaben vollautomatisch erledigt werden. Dies gilt für alle Zellen aller Lebewesen. In hoch entwickelten Lebewesen gilt es auch für spezialisierte Zellen, beispielsweise für Zellen, die die Nervenbahnen bilden, für die Zellen der Sinnesorgane, die wie Sensoren wirken und für die Zellen des Gehirns, die Informationen verarbeiten, kommunizieren und abspeichern. Bei technischen Geräten sind wir es gewöhnt, dass sie vollautomatisch arbeiten. Bei uns selbst sind wir es ebenfalls gewöhnt, dass unser Körper fast alles vollautomatisch erledigt, unser Essen verdaut, unsere Körpertemperatur regelt, unsere Muskeln richtig steuert, Informationen aus unserem Umfeld über unsere Sinnesorgane aufnimmt und nach Bedarf verarbeitet, ohne dass wir dazu etwas beitragen müssten.

Auch das Denken läuft in unserem Kopf vollautomatisch mit unserem abgespeicherten Wissen und unseren Erfahrungen ab. Wie es im Einzelnen geschieht, teilt uns unser Gehirn allerdings nicht mit. Deshalb können wir es auch nicht wissen, was intern in unserem Kopf geschieht, wenn wir den Gang unserer Gedanken und die Bewegungen unseres Körpers steuern. Wir sind von Natur aus so konstruiert, dass wir mit unserem Geist alles steuern, was wir denken und was wir wollen. Er sorgt für unser Bewusstsein und weiß, was er und was unser Körper kann. Er beherrscht unseren Körper und Geist, ohne dass wir es von ihm erfahren, wie er es intern im Detail macht. Dadurch, dass er es intern vollautomatisch erledigt und dass wir davon, wie er es macht nichts erfahren, können wir uns besser auf unsere Gedanken konzentrieren.

Im Gegensatz zum Denken haben wir auf die Arbeit unserer Körperzellen keinen Einfluss. Der Mechanismus, der die genetischen Informationen umsetzt und uns dabei im Mutterleib entstehen lässt, uns wachsen lässt und uns richtig funktionieren lässt, arbeitet als genetischer Geist ausschließlich mit genetischen Informationen. Der Geist, der uns denken lässt, arbeitet hingegen mit völlig anderen Informationen, die ihm unsere Sinnesorgane im Laufe unseres Lebens liefern und die er in den Neuronen unseres Gehirns abspeichert. Er macht uns bewusst, wer wir sind und was wir wissen – welchen Körper wir haben und was er kann – welches Umfeld wir haben und wie es auf uns wirkt – wie wichtig die Familie und die Gesellschaft ist, in der wir leben usw. Unser Bewusstsein ist das Ergebnis der vollautomatisch und vorwiegend unterbewusst ablaufenden Arbeit unseres Geistes, der mit unserem automatisch abgespeicherten Wissen und den Erfahrungen, die wir mit unserem Körper und unserem Umfeld gesammelt hatten, umgeht. Unser Bewusstsein macht uns mit unseren abgespeicherten Erkenntnissen klar, was gut für uns ist, was wir wollen und welche Absichten wir haben. Dies funktioniert umso besser, je bewusster wir denken, d.h. je bewusster wir auf unser Wissen und unsere Erfahrungen zurückgreifen. Wenn wir nicht denken wollen, dann überlassen wir die notwendigen Denkaktionen unserem unterbewusst arbeitenden Geist und verzichten auf einen eigenen Willen und eine Selbstmotivation.

Technische Systeme sind Erfindungen der Menschen. Sie nutzen naturwissenschaftlich erforschte Mechanismen, die Kräfte entwickeln und mit ihnen eine interne Dynamik erzeugen. Da die Funktionsweise aller technischen Systeme bestens bekannt ist, arbeiten sie mit Mechanismen, die nichts Geheimnisvolles oder Geisterhaftes darstellen, obwohl auch sie wie unser Geist unsichtbar im Verborgenen arbeiten und in Automobilen, Maschinen und Computern durch Informationsverarbeitung die innere Dynamik verursachen. Deshalb bezeichnen die Naturwissenschaftler und Techniker diese Mechanismen auch nicht als „Geist der Maschinen“ oder als „Geist des Computers“, so wie wir vom „Geist des Menschen“ sprechen, wenn wir den Mechanismus in unserem Kopf, der uns Denken lässt, meinen.

Weil wir keine speziellen Sinnesorgane besitzen, die uns erkennen lassen, wie die innere Dynamik in unseren lebenden Zellen bei den Bewegungen unseres Körpers oder beim Denken entsteht und abläuft, scheint es, als ob ein Geist im Inneren unseres Körpers dafür verantwortlich wäre. Da es sich bei technischen Geräten wie bei Autos und Computer um Systeme handelt, die von Menschen geschaffen wurden, weiß man, dass das interne Geschehen durch Naturgesetze zustande kommt, die von uns ausgenutzt werden. Anders ist es bei biologischen Systemen, bei Pflanzen, Tieren und Menschen. Sie wurden nicht von Menschen geschaffen, deshalb nehmen gläubige Menschen gerne an, dass dafür ein Übermensch verantwortlich war, der als Gott bezeichnet wird, der vor Urzeiten mit anderen ebenfalls übernatürlichen Gesetzen dafür gesorgt hatte, dass das Leben funktioniert.

In der Tat ist unser Universum beim Urknall mit Gesetzmäßigkeiten entstanden, die nichts mit unseren heutigen Naturgesetzen zu tun hatten, denn diese entstanden erst Bruchteile von Sekunden nach dem Urknall. Da unser Universum vor dem Urknall noch nicht existierte, war für sein Zustandekommen etwas völlig Unbekanntes verantwortlich, das nicht mit unseren irdischen Vorstellungen begreifbar ist.

 

  1. Was unterscheidet uns von Androiden?

Unsere Zellen funktionieren wie chemische Fabriken, unser Körper wie eine Maschine und unser Geist wie ein Computer. Es gibt noch keine technischen Systeme, die genau dasselbe können wie wir Menschen, wohl aber menschenähnliche Roboter, die man als Androiden bezeichnet. Für nahezu alle unsere biologischen Funktionen gibt es ein technisches Analogon. Der grundsätzliche Unterschied zwischen den lebenden Systemen der Natur und den entsprechenden Systemen der Technik sind die Materialien, aus denen sie aufgebaut sind. In anorganischen Systemen müssen natürlich andere Mechanismen aktiv sein als in organischen, um dieselben oder ähnliche Wirkungen zu erzielen. Ein wesentliches Merkmal lebender Systeme ist die evolutionäre Fortpflanzungsfähigkeit und die eigenständige Erneuerung ihrer Strukturen durch Zellteilung. Technische Systeme werden ebenfalls evolutionär aber durch Menschen entwickelt und durch sie in Fabriken vervielfältigt.

Wenn wir für uns dieselben Worte wie in der Technik benutzen, dann sind wir eigenständig gesteuerte biologische Vollautomaten, die nicht nur mechanische und chemische Arbeit verrichten können, sondern auch Informationen verarbeiten können, was wir als geistige Arbeit bezeichnen. Wir können auf vielfältige Weise Informationen senden, empfangen, speichern, aber auch mit ihnen umgehen, also mit Zahlen rechnen, mit unserer Sprache Sätze und mit Tönen Musik produzieren usw. Weil wir im Gegensatz zu Computern in der Lage sind, selbst zu lernen und Dinge zu erfinden, die es vorher noch nicht gab, gelten wir als intelligent. Da unsere Computer immer leistungsfähiger werden und immer mehr können, spricht man bei ihnen von künstlicher Intelligenz und wir können es nicht ausschließen, dass es in Zukunft Computer geben wird, die intelligenter als wir Menschen sind.

Da technische Systeme keine Fortpflanzungsorgane, keinen Blutkreislauf und keine Verdauungsorgane haben, wird es auch keine Computer geben, die so empfinden können wie wir. Sie werden nicht wie wir Schmerzen empfinden, Glücksgefühle entwickeln, nie Hunger oder Durst haben, kein Essen genießen können und nie Gefühle entwickeln, Emotionen haben oder Liebe kennen. Alle Empfindungen, die mit Hormonen und Drüsen im menschlichen Körper geregelt werden, gibt es bei ihnen nicht, solange sie technisch bleiben. Empfindungen, Gefühle und Emotionen teilt uns unser Körper über das vegetative Nervensystem mit. Neben den fünf Sinnen verfügen wir damit über weitere interne Sinnesorgane, die wir nicht benennen können, weil sie für uns weder sichtbar sind, noch hörbar oder spürbar arbeiten.

Androide können nur Informationen über das, was in ihrem Umfeld geschieht, erfahren, weil sie in der Regel nur dafür Sensoren haben. Moderne Automaten, Fahrzeuge oder Fernseher besitzen inzwischen auch ein Diagnosesystem, das ihre inneren Funktionen überprüft und Fehlfunktionen meldet.

 

  1. Fazit

Der Geist des Menschen ist nicht etwa, wie Descartes annahm, eine spezielle Form der Materie, sondern ein Mechanismus, der mit Informationen intern Kräfte zwischen Materieteilchen bewirkt und damit eine Dynamik erzeugt. Alles, was wir kennen, enthält Informationen, die mithilfe von Informationsträgern kommuniziert werden. Auch alle Tiere haben einen Geist, der ihre über die Sinnesorgane empfangenen Informationen in ihrem Gehirn zu Erfahrungen verarbeitet und als Erinnerungen abspeichert.

Der denkende Geist der Menschen ist keineswegs der einzige biologische Mechanismus, der Informationen verarbeitet. Schon in der ersten lebenden Zelle mussten genetische Informationen dauerhaft abgespeichert, perfekt kopiert und weiterverarbeitet werden, damit sich aus ihr die belebte Natur entwickeln konnte. Der dafür verantwortliche Mechanismus war der erste biologische Geist, der die genetischen Informationen der Zelle nutzte, um Leben zu schaffen. Er war für alles Leben und deshalb auch für die gesamte Biologie verantwortlich und er arbeitet auch heute noch mit denselben biochemischen Gesetzmäßigkeiten wie vor Milliarden Jahren. Im Gegensatz dazu entstand der denkende Geist des Menschen, der mit unserer Sprache arbeitet, erst viel später vor etwa zwei Millionen Jahren in den ersten Menschen. Er arbeitet wie der Geist der Tiere in der genetisch vorgegebenen jeweils sehr speziellen allerdings stetig weiter entwickelten Struktur des Gehirns. Obwohl er nicht wie bei den Tieren nur mit den üblichen Sinnesinformationen sondern auch mit Sprachinformationen arbeitet, funktioniert er dennoch in allen Gehirnen aller Lebewesen auf dieselbe Art und Weise. Es ist immer derselbe Mechanismus, der in den Gehirnen arbeitet, nur seine Leistungsfähigkeit ist in allen Lebewesen unterschiedlich, da sie wie die Leistungsfähigkeit der Computer im Lauf der Zeit immer weiter gesteigert werden konnte, ohne den Mechanismus zu verändern.

 

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Dr. Hans Laurenz Sixl, Jahrgang 1941, arbeitete als Professor für Physik an den Universitäten Stuttgart und Frankfurt und als Visiting Professor in Durham (UK) und Tokyo (J). Von 1986 bis 2001 war er Forschungsdirektor in der Chemischen Industrie und Vorstandsmitglied der deutschen Physikalischen Gesellschaft. Seine Arbeitsgebiete waren Spektroskopie und Materialforschung. Er hat die Molekularen Elektronik in Deutschland begründet und lehrte an der Universität Frankfurt.

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