Rede des Bundespräsidenten zur Begrüßung von Papst Benedikt XVI.

Heiligkeit, mit allen Bürgerinnen und Bürgern, die sich hier im Park von Schloss Bellevue versammelt haben, und im Namen der Menschen in Deutschland sage ich Ihnen von Herzen: Herzlich willkommen! Herzlich willkommen in Deutschland! Willkommen Zuhause!
Sie, Heiliger Vater, kommen in Ihr Heimatland.
Sie kommen in ein Land, dessen Geschichte und Kultur eng verflochten sind mit dem christlichen Glauben und mit dem Ringen um diesen Glauben.
Sie kommen in ein Land, wo aufrechte Glaubenszeugen wie Dietrich Bonhoeffer, Bernhard Lichtenberg und Edith Stein mit ihrem Leben gegen ein gottloses und verbrecherisches Regime einstanden.
Sie kommen in ein Land, das vor 22 Jahren das Wunder einer friedlichen Revolution und die Wiederherstellung der Einheit unseres Vaterlandes und Europas erlebte. Ohne Ihren mutigen Vorgänger Johannes Paul II., ohne die katholischen Arbeiter in Polen und ohne die christlichen Kirchen in der ehemaligen DDR, die den Freiheitssuchenden Obdach gaben, wäre das so nicht möglich gewesen. Dafür danke ich allen, die daran mitgewirkt haben, von Herzen!
Sie kommen in ein Land, in dem Millionen Frauen und Männer sich Tag für Tag aus ihrem Glauben heraus engagieren. In dem gerade in der kirchlichen Jugendarbeit so viele junge Menschen Verantwortung für sich und andere übernehmen.
Sie kommen auch in ein Land, in dem der christliche Glaube sich nicht mehr von selbst versteht, in dem die Kirche ihren Ort in einer pluralen Gesellschaft neu bestimmen muss. Auch hier in unserer Bundeshauptstadt Berlin, wo Ihre Reise beginnt, ist das spürbar.
Viele Menschen sind auf der Suche. Eines Ihrer ganz großen Themen, Heiliger Vater, ist das Verhältnis von Glaube und Vernunft. Das ist alles andere als eine akademische Debatte:
Angesichts ökologischer und wirtschaftlicher Krisen, angesichts von Unfrieden und Ungerechtigkeit in der Welt, angesichts von Erfahrungen persönlicher Unsicherheit und Entwurzelung wächst die Sehnsucht nach Sinn. Hier liegt eine große Chance und eben gerade auch eine große Verantwortung der Kirchen und Religionsgemeinschaften.
Auch deshalb ist es so wichtig, dass die Kirchen den Menschen nahe bleiben, dass sie sich trotz Sparzwängen und Priestermangel nicht auf sich selbst zurückziehen. Was die christlichen Kirchen in unserem Land leisten, in Diakonie und Caritas, in der Sorge um Arme und Schwache in unserem Land und überall auf der Welt, das ist einfach großartig und unverzichtbar für den Zusammenhalt!
Wahr ist auch: Wenn Menschen diese Nähe und diesen selbstlosen Einsatz erfahren, dann hören sie auch die christlichen Botschaften, die nicht immer bequem für sie sind. Heiliger Vater, Ihre Aussagen zum Schutz der Schöpfung und des menschlichen Lebens, zum Umgang mit Fremden und Fremdem sind unendlich wertvoll als Mahnung zur Menschlichkeit unserer Gesellschaft. Auch dafür danke ich Ihnen und allen engagierten Christinnen und Christen in unserem Land.
Kirche und Staat sind bei uns in Deutschland zu Recht getrennt. Aber: Kirche ist keine Parallelgesellschaft. Sie lebt mitten in dieser Gesellschaft, mitten in dieser Welt und mitten in dieser Zeit.
Deswegen ist sie auch selbst immer wieder von neuen Fragen herausgefordert: Wie barmherzig geht sie mit Brüchen in den Lebensgeschichten von Menschen um? Wie mit den Brüchen in ihrer eigenen Geschichte und mit dem Fehlverhalten von Amtsträgern? Welchen Platz haben Laien neben Priestern, Frauen neben Männern? Was tut die Kirche, um ihre eigene Spaltung in katholisch, evangelisch und orthodox zu überwinden?
Deutschland ist Stammland der Reformation und ich freue mich außerordentlich, dass Sie morgen nach Erfurt fahren, an eine wichtige Wirkungsstätte Martin Luthers, und dass Sie sich dort mit den Vertreterinnen und Vertretern der evangelischen Kirchen treffen und einen ökumenischen Wortgottesdienst feiern. Ich bin fest überzeugt: Das Trennende bedarf der Begründung, nicht das Gemeinsame. Deswegen haben wir hier sehr viel zu tun.
Ich freue mich ebenfalls darüber, dass die katholische Kirche in Deutschland in ihren eigenen Reihen einen Dialogprozess begonnen hat. Ich weiß aus vielen Gesprächen gerade im Vorfeld Ihres Besuches, dass nicht nur die engagierten Laien davon sehr viel erwarten. Und die Kirche braucht sie doch alle, Laien und Geistliche.
Heiligkeit, Millionen Menschen sehen mit größter Freude und Neugier auf die kommenden Tage.
Ihr Besuch wird die Christen und ihr Engagement stärken. Und er wird uns allen helfen, Orientierung und Maßstäbe zu finden.
Noch einmal von ganzem Herzen willkommen und Gottes Segen für die Tage bei uns in Deutschland – in Ihrer Heimat! Herzlich willkommen!
www.bundespraesident.de

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Über Wulff Christian 10 Artikel
Christian Wulff, geboren 1959 in Osnabrück, studierte Rechtswissenschaften. Vom 4. März 2003 war er Ministerpräsident des Landes Niedersachsen. Von Oktober 2006 bis Oktober 2007 Vorsitzender der deutschen Ministerpräsidentenkonferenz. Vom 30. Juni 2010 bis zum 17. Februar 2012 war er Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland.

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