Robert Atzorn: „Duschen und Zähneputzen – Von Leiden und Lüsten

Eden Books, Atzorn , Duschen Cover

DAS BUCH: Robert Atzorn: „Duschen und Zähneputzen. Was im Leben wirklich zählt“, 272 Seiten, Fotos, 22 Euro, Eden Books, Hamburg 2020, ISBN 978-3-95910-276-6

Hätte dieser Text eine Überschrift gebraucht, hieße sie: „Pechsträhnen und Glücksmomente“ oder doch besser „Glückssträhnen und Pechmomente“? Im Lauf des Lebens, das Robert Atzorn beschreibt, hielt sich das Pech in Grenzen. Atzorn: ein Stehaufmännchen, Pardon: ein Stehaufmann. Was für Hürden. Was für Widrigkeiten. Was für Zweifel. Was für Sehnsüchte. Viele wurden erfüllt, manche ausgeräumt, einigen wurde getrotzt, nicht wenige wurden übersprungen. 

Was für ein Schauspielerleben eines eben 75 Jahre alt gewordenen feinen Kerls aus Bad Polzin, heute polnisch! Nachkriegszeit: kein Honiglecken, schlimmer Vater, toller Opa. Folgejahre: so lala, eigentlich bis zum Wechsel vom Theater zum Fernsehen ständiges Auf und Ab auf Provinzbühnen. Erst ganz unten, dann bald oben. Frühe, zu frühe kurze erste, dafür bis heute währende zweite Ehe voller Glückssträhnen. Die Tänzerin, Sängerin, Schauspielerin mit Hang zur Philosophie des Yoga, Angelika Hartung, ließ nicht locker und nicht los, was sie gefunden hatte: den Mann fürs Leben und für zwei Söhne. Den ersten gebar sie unter den widrigsten Umständen in N.Y.

Robert Atzorn, damals 30, erzählt munter drauflos, schmunzelnd, präzise. Und offen. Von Leiden wie von Lüsten, von Lieben nicht weniger als von Lässigkeiten, von Volltreffern wie von Versuchen, als Darsteller in klassischen Rollen zu überzeugen. Das Spieltalent seiner Frau spricht er sich selbst ohne zu zögern ab. Dieses Talent reicht, was mit Hartungs Beiträgen zu dieser Autobiographie bewiesen wird, bis ins gute Schreiben. Allürenfrei teilen sich beide mit. Unterhalten mit Witz und Charme. Das N.Y.-Kapitel ist hierfür ein Paradebeispiel.

Ein TV-Anti-Macho-Bild lieferte Atzorn mit seinem, nein: „unserem Lehrer Dr. Specht“ (90er Jahre), an den sich jede Mittvierzigerin heute noch gern erinnert. („Einen Lehrer spielen? Ausgerechnet ich, der ich zweimal sitzen geblieben war …!“) Zugegeben: In manch weiterer Serie ging er zwar nicht unter, schwamm aber auch nicht auf der Suppe. Das Schöne am Buch: Kapitel für Kapitel betont Atzorn zwar seine Solidität, kehrt aber nie einen Solitär hervor. Als Teenie vernarrt in die Percussion, konnte er es kaum fassen, von seinem Vater mal ernst genommen zu werden. Ihm setzt er kein Denkmal. Als einflussreicher „Hörzu“-Journalist bei Springer tat der Papa so gut wie nichts für den Sohn, alles aber für einen seiner Kollegen. Peinlich für den Vater: das späte Zusammentreffen bei der Verleihung der von ihm mitbegründeten „Goldenen Kamera“ – an seinen Sohn.

Es ist nicht falsch, mit dem Lesen auf Seite 123 – Jens` Geburt in N. Y – zu beginnen. Da ist Robert 30. Hat kleine Bühnen bespielt. Manche Frau erobert. Will jetzt nicht mehr spielen. Alles hinwerfen. Berappelt sich wieder. Bei Ingmar Bergman am „Resi“. In Solothurn als Edgar Wibeau. Bei Michael Degen im „Faust“. Zadek-Querelen? Vergessen. Die Entdeckung fürs Fernsehen. Wo er ganz schön widerborstig ist. Und sich einiges gegen einen missliebigen Produzenten erlaubt. Sich immer noch mehr als liebender, tierfreundlicher Familien-Vater erweist, trotz Auslandsreisen zu diversen Drehs. Das Sesshaftwerden im Chiemgau. Die Zweifel, ob Hamburg nicht doch schöner … Die tolle Geschichte, mit den Seinen von München nach Essen zu gurken, um den Vermieter eines begehrten Häuschens am Chiemsee davon zu überzeugen, dass Schauspieler besser sind als ihr Ruf.

Dass die nicht nur Anno dazumal als „fahrendes Völkchen“ verschrieen waren, dafür sind Atzorns Bekenntnisse kein schlechtes Beispiel. Ach ja: Der Buchtitel! Atzorns altem Kollegen Theo Lingen war das Wichtigste für einen Schauspieler: „Gründlich duschen und Zähne putzen!“ Des Autors Erklärung: „Wenn man auf einer Probe mit den verführerischsten Liebeserklärungen von Shakespeare eine Partnerin bezirzen möchte, dabei nach Schweiß riecht und sie dann umarmen soll – wird sie mitspielen?“     

    

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Hans Gärtner
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Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.