Staatsverleumdung – Waren DDR-Zuchthäuser Sanatorien?

VOPO-General im Ruhestand Dieter Winderlich brauchte über ein Jahr, um auf meine Kritik an seinem Artikel „Was geschah im Zuchthaus Hoheneck?“ zu reagieren. Wenn er so weiter macht, wird er noch die Weltrevolution verpassen!
Zunächst einmal kann der hochrangige Vertreter der „antifaschistischen Polizei des Volkes“ nicht richtig zitieren und dann steht er auch noch mit der Rechtschreibung auf dem Kriegsfuß. Das erinnert mich an meinen Leipziger Vernehmer, MfS-Leutnant Rudolf Körner, der immer hinterm Schreibtisch in einem Fremdwörter-Duden blätterte, weil er zum Beispiel nicht wusste, wie man „Orthografie“ schreibt.
Dass ich die Haftzeit Gabriele Stötzers im Zuchthaus Hoheneck um zehn Jahre aufs absehbare Ende der DDR vorverlegt habe, gebe ich zu. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass 1978/79 dort derart paradiesische Zustände geherrscht haben sollen, wie sie es in ihrem Buch „Die bröckelnde Festung“ (2002) beschreibt. Damit gibt sie nämlich den Apologeten der SED-Diktatur wie Dieter Winderlich eine Steilvorlage zur Diffamierung politischer Häftlinge.
Ex-Vize-Minister Dieter Winderlich, der im DDR-Innenministerium unter Minister Friedrich Dickel (1913-1993) für die Überwachung der DDR-Gefängnisse zuständig war, beklagt sich darüber, dass sich seine antikommunistischen Gegner immer nur bei den „politischen“ (das schreibt er in Anführungszeichen!) Ex-Gefangenen,nicht aber bei den Ex-Volkspolizisten, die in den Strafanstalten gearbeitet haben, und bei den „Arbeitern der Arbeitseinsatzbetriebe“ erkundigen.
Warum zweifelt eigentlich niemand die in zahlreichen Büchern veröffentlichten Erlebnisberichte von Ex-KZ-Häftlingen an? Könnten sie nicht gelogen oder, von Rachegedanken erfüllt, verzerrt berichtet haben, um ihre einstigen Bewacher nachträglich zu verleumden? Hätten da nicht auch die Funktionshäftlinge, zumeist Kriminelle, oder die Schlägertypen von der SS-Wachmannschaft oder die Industriebosse von Krupp, Thyssen und IG-Farben, die an der Ausbeutung der KZ-Insassen Millionen verdient haben, befragt werden müssen, um ein vollständiges Bild von der Situation in den Konzentrationslagern zu gewinnen?
Dann lässt sich unser Klassenkämpfer auf zwei Seiten über die Verpflegungssätze in DDR-Gefängnissen aus und will uns weismachen, so, wie es da stand, wurde es auch ausgeführt. Als ich meinen MfS-Vernehmer im Herbst 1961 in Leipzig fragte, warum es in der DDR kein Briefgeheimnis gäbe, las er mir den entsprechenden Paragrafen aus der DDR-Verfassung vor, dass das Briefgeheimnis gewahrt werde. Der glaubte tatsächlich, wenn es da stand, würde es auch eingehalten.
Mit der Verpflegung war es in Waldheim so: Wir haben täglich ausreichend zu essen und zu trinken bekommen , sind also nicht verhungert. Aber wir wussten auch, dass die Kalfaktorentruppe, durchweg Kriminelle, die von der Volkspolizei eingesetzt war, sich immer die besten Brocken aus dem Essen fischte und wohlgenährt durch die Anstalt lief. Wir sahen es, unternehmen konnten wir nichts, eine Beschwerde wäre nicht angenommen worden. Selbst die Vollmilch, die für Häftlinge mit geschlossener Tbc ausgegeben wurde, war gepanscht. Einige Liter wurden abgezweigt und gegen Zigaretten eingetauscht, die Restmilch wurde mit Wasser aufgefüllt. Mit einem Wort: Dieter Winderlich hat keine Ahnung vom DDR-Strafvollzug!
Schließlich erwähnt er noch, dass „ausländische Staatsbürger“, wozu er auch die Bundesbürger zählt, „von den diplomatischen Vertretern ihrer Heimatländer regelmäßig besucht und betreut“ wurden. Während meiner Zeit in Waldheim 1962/64 hat sich nie ein Vertreter der Bundesregierung in Bonn bei mir blicken lassen, bei anderen westdeutschen Häftlingen auch nicht.

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Jörg Bernhard Bilke
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Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.

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