Wie sieht eigentlich die Zukunft in Syrien aus?

Fernrohr, Foto: Stefan Groß

Dass Hintergründe und Verlauf – bis zum endlich absehbaren Ende –  des Bürgerkriegs in Syrien vielschichtiger und widersprüchlicher sind, als in der vorherrschenden Berichterstattung, die über Jahre hin auf Verständnis für die „demokratischen Rebellen“ und Verdammnis des Diktators Assad sowie seines Schutzherrn Putin ausgerichtet war, ist einem distanziert kritischen Beobachter der nahöstlichen Szenerie stets klar gewesen. Obgleich sich jetzt der Sieg Assads über die hierzulande stets mit Sympathie gehandelten Rebellen, nicht zuletzt über die auf vereinzelte Stützpunkte zurückgedrängten Terrorbanden des IS („Islamischer Staat“), immer deutlicher abzeichnet, vermisst man in den Medien  und in den Verlautbarungen unserer classe politica konzeptionelle Überlegungen zur Zukunft des Landes in Nahost. Man spricht allenfalls über die fortschreitende  Integration von Flüchtlingen.

Eine Ausnahme bildet das Interview, das der Redakteur Simon Strauß mit der seit 2009 in Wien lebenden Frauenrechtlerin Rasha Corti führte („Jetzt kann sich endlich alles ändern“, in: FAZ v. 14.08.2018, S. 9). Die aus Raqqa – die Stadt wurde 2013 von  diversen islamistischen Milizen, zuletzt vom  IS überrannt – stammende Dokumentarfilmerin hält Assad keineswegs für unschuldig am Eklat und an den Gräueln des Bürgerkriegs, aber eben auch nicht für den alleinschuldigen.

Erhellend – wenngleich  politisch unerwünscht – sind die Kommentare zur Rolle der beiden Großmächte: „Russland hat immer zu uns gestanden, anders als die Amerikaner, die in anderen Ländern Rebellen wie die Taliban unterstützt haben.“ Auf die Frage, welche Rolle Russland künftig spielen solle: „Ja, Russland ist die einzige Hoffnung. Denn nur Putin kann Syrien vor dem Machthunger Erdogans schützen.“ Die Syrerin erläutert dessen – auf die Vereinnahmung Aleppos zielenden – Ambitionen anhand von Details der türkischen  Okkupation in den nördlichen Landesteilen.

Was weniger das Kopftuch als den Islam als solchen betrifft, erklärt die Frauenrechtlerin, dass  nach der „unmittelbaren Begegnung mit dem IS vielen Menschen begonnen [haben], den Islam und seine Radikalisierungspotentiale kritisch zu sehen.“ Hierzulande will man – etwa im „Dialog“ von Christen und Muslimen – derlei kritische Fragen an die „dritte abrahamitische Religion“ lieber nicht stellen.

Als peinliche Provokation für das gründeutsche Publikum müssen vor allem  Frau Cortis Worte über die Zukunft ihres Landes wirken. Nötig sei eine gemeinsame Syrienpolitik, auf die sich die Europäer und Russland verständigen sollten.  Auch die Zukunft der vor und nach 2015 Geflüchteten sieht sie in ihrem Heimatland. Zwar sei die Integration auf dem hiesigen Arbeitsmarkt die effektivste Integrationsmaßnahme, aber zugleich „halte ich es für die eigentliche Aufgabe einer verantwortungsvollen Integrationspolitik, dass sie ihre Einwanderer auch dazu ermutigt, in absehbarer Zeit in ihre Heimatländer zurückzukehren… Meine große Hoffnung besteht darin, dass diejenigen, die jetzt nach Europa geflüchtet sind, nach Syrien zurückkehren mit all den Fähigkeiten, die sie hier erworben haben.“

Quelle: Herbert Ammon

 

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