Zum Tod von Irm Hermann

Irm Hermann, Schauspielerin. Irm Hermann. Copyright: Thomas Aurin.

Pressemitteilung zum Tod von Irm Hermann – Nach kurzer schwerer Krankheit ist Irm Hermann, preisgekrönte und weltweit verehrte Darstellerin zahlreicher Spielfilme, Fernsehfilme, Theaterstücke und Hörspiele am 26. Mai 2020 im Alter von 77 Jahren verstorben, wie ihre Agentin Antje Schlag mitteilt.

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Irm Hermann wurde am 4. Oktober 1942 als Irmgard Hermann in München geboren und absolvierte nach der Schule zunächst eine Lehre als Verlagskaufrau, bevor sie Rainer Werner Fassbinder (1945–1982) kennenlernte, der sie 1966 in seinem ersten Kurzfilm „Der Stadtstreicher“ besetzte.

Von da an gehörte sie zum engsten Kreis um Fassbinder und war in rund 20 Filmen des Regisseurs zu sehen, u..a. in „Die Bitteren Tränen der Petra von Kant“, in „Der Händler der vier Jahreszeiten,  wofür sie 1972 mit dem „Filmband in Gold“ in der Kategorie „Beste Darstellerische Leistungen“ ausgezeichnet wurde, sowie in „Effi Briest“ und „Mutter Küsters‘ Fahrt zum Himmel“.


1975 trennte sich Irm Hermann von Fassbinder, zog nach Berlin und arbeitete mit Regisseuren wie Werner Herzog, H. W. Geißendörfer, Percy Adlon oder auch dem Dramatiker Tankred Dorst. Lediglich Anfang der 1980er Jahre stand sie noch zweimal für Fassbinder vor der Kamera, in „Berlin Alexanderplatz“ und in „Lili Marleen“.


Für Werner Herzogs „Woyzeck“ mit Klaus Kinski in der Titelrolle spielte sie 1979 die Rolle der Margret, war 1982 das Fräulein Engelhart in Geißendörfers Thomas-Mann-Verfilmung „Der Zauberberg“ und die Mitgefangene Else Gebel in Percy Adlons „Fünf letzte Tage“. Für ihr Spiel erhielt Irm Hermann dafür erneut das „Filmband in Gold“ in der Kategorie „Beste Darstellerische Leistung“. Vicco von Bülow alias Loriot besetzte sie 1991 als Tante Hedwig in seinem Kult-Film „Pappa ante Portas“.

Irm Hermanns Filme der 1980er und 1990er Jahre zeigen, dass sie sich von Fassbinders Rollenbild der kleinbürgerlichen Spießerin löste und zu einer der vielseitigsten deutschen Leinwand-Stars avancierte. Sie fand endlich auch Gelegenheit, ihre skurrilen Spielmöglichkeiten zu entfalten, sei es als bildungsbeflissene, verknöcherte Studienrätin, als Sekretärin oder mürrische Gattin. Zu Irm Hermanns Kinoproduktionen zählte auch Rudolf Thomes Spielfilm „Paradiso – Sieben Tage mit sieben Frauen“. Gemeinsam mit ihren Darsteller-KollegInnen wurde sie auf der Berlinale 2000 mit dem „Silbernen Bären“ ausgezeichnet. Man sah Irm Hermann zudem neben Burghart Klaußner in „Der Mann von der Botschaft“ oder in Max Färberböcks „Anonyma – Eine Frau in Berlin“.


2011 agierte Irm Hermann in „Die Erfindung der Liebe“ neben Mario Adorf. Den jüngeren Zuschauern wurde Irm Hermann vor allem als Ploppis Oma in dem Kassenschlager „Fack ju Göhte 3“ bekannt. Josef Bierbichler besetzte sie zudem in seinem Regiedebüt „Zwei Herren im Anzug“.

Zusammen mit ihren beiden Fassbinder-Kolleginnen Hanna Schygulla und Margit Carstensen bildete sie in dem Bodensee-„Tatort“ mit dem Titel „Wofür es sich zu leben lohnt“ ein perfektes „Trio Infernale“. Zuletzt übernahm sie die Rolle der Marianne Labaule, Witwe und intrigant-skrupellose Mutter des Verlegers wider Willen Wolfram Labaule (Uwe Ochsenknecht) in der Satire-Serie „Labaule & Erben“ (2019) nach einer Idee von Harald Schmidt.


Neben ihrer intensiven Arbeit für Film und Fernsehen blieb Irm Hermann der Bühne treu: So wirkte sie nach ihrer Zeit bei Fassbinders „antiteater“ unter anderem 1979 bis 1980 und dann wieder 1987 bis 1991 an der Berliner Volksbühne. Zwischen 1991 und 1993 gehörte Irm Hermann zum Berliner Ensemble. Man konnte sie unter anderem auch am Schauspielhaus Zürich unter der Regie von Christoph Schlingensief in „Hamlet“ erleben sowie an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, wo sie seit 1999 mit Schlingensief weitere großartige Arbeiten geschaffen hat. Legendär ist ihre herrische Kanzlergattin in den nur 8 Aufführungen „Berliner Republik“. In der Dokumentation von Bettina Böhler „Schlingensief – In das Schweigen hinein schreien“, die auf der diesjährigen Berlinale Premiere hatte, kann man die enge Verbindung zwischen Herrmann und Schlingensief spüren.


Eine besonders enges Verhältnis bestand immer wieder auch mit Christoph Marthaler: 2014 fand an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz die Uraufführung des Stücks „Tessa Blomstedt gibt nicht auf“ statt.  Zur Spielzeit 2016/2017 bereicherte Irm Hermann das Ensemble des Hamburger Schauspielhauses und war in drei Inszenierungen Marthalers zu sehen: „Glaube Liebe Hoffnung“, „Der Entertainer“ und in der Groteske „Die Wehleider“.


Neben ihrer umfangreichen Arbeit für das Theater und den Film war sie auch in verschiedenen Audio-Produktionen präsent, u.a. im „Hörspiel des Jahres 2006“ – „Enigma Emmy Göring“. Sie wurde 2009 selbst mit dem „Deutschen Hörbuchpreis“ als „Beste Interpretin“ ausgezeichnet. Irm Herman sprach in der SWR – Hörspielproduktion „Der Zauberer von Ost“ aus dem Jahr 2019, die Rolle der Erzählerin Dorothy, dem kleinen Mädchen aus dem berühmten amerikanischen Kinderbuch „Der Zauberer von Oz“ von Lyman Frank. Das Hörspiel, unter anderem mit Bernhard Schütz und Milan Peschel, reflektiert auch die Geschichte der Volksbühne am Rosa-Luxemburg Platz, einem Theater welchem Irm Hermann lange Jahre verbunden war.

Die Schauspielerin lebte viele Jahre in Berlin und war mit dem Kinderbuchautor Dietmar Roberg verheiratet, zusammen Eltern von den Söhnen Franz Tizian und Fridolin.


„Wir verneigen uns vor dieser großen Künstlerin, die auf herausragende und bleibende Weise den deutschsprachigen Film, das Theater und unvergessliche Fernsehproduktionen geprägt hat. Sie wird uns durch ihre einzigartige Begabung, ihren unschlagbaren Humor und ihre kreative Eleganz immer in Erinnerung bleiben. Irm Herrmann war modern und klassisch, autonom und eine wahrhaft selbstbestimmte Frau. Chapeau!“.  

Antje Schlag, Agentin von Irm Herrmann

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