Corona – Filmbrancheninfos #18

Mit Kommentaren Von Rüdiger Suchsland und Christoph Brandl

Bild von stokpic auf Pixabay

Mehr und mehr Gedanken drehen sich um die Welt nach der Krise. Die Soforthilfen werden in den Bundesländern unterschiedlich gehandhabt. Baden-Württemberg will jetzt Vorbild sein für eine einheitliche Regelung, die auch die Lebenshaltungskosten anerkennt.

Die Brancheninfos erscheinen gleichzeitig auch auf unserem Blog out-takes zum Nachlesen.

Gestern war Weltgesundheitstag – und der Geburtstag von Francis Ford Coppola. Darum hatte der Regisseur seine Stimme auch einem italienischen Automobilhersteller geliehen, für eine Hoffnungsbotschaft an seine „Landsleute“.

Über Nachhaltigkeit will kaum einer reden in der Krise. Dabei ist sie die Krisenwissenschaft par excellence. Sie verrät, warum wir mit alten Rezepten nicht weiterkommen, schreibt der Sozialwissenschaftler Davide Brocchi auf „Spektrum“.

Damit „alles anders“ wird, darf nichts mehr so bleiben, wie es ist, meint Christof Wackernagel und schreibt „über die Unmöglichkeit, Ungerechtigkeit gerecht zu verteilen“.

Wir sind eine Gesellschaft, die kein Bewusstsein für Krisen hat. Katastrophen fanden stets woanders statt. Bis jetzt. Meint die „Taz“.

Corona-Impfstoffe in Afrika testen? Die Überlegung zweier Ärzte regt Frankreich auf.

Die Münchner Uniklinik braucht dringend Plasmaspender*innen! Geheilte Covid-19-Patient*innen haben bereits Antikörper gegen das Corona-Virus gebildet, die möglicherweise bei lebensbedrohlichen Infektionen anderer Infizierter helfen kann.

Zahlen und Logik der Corona-Krise: Stephan Schleim ist Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Auf Telepolis erkennt er Muster in der Berichterstattung und den politischen Reaktionen.

„Der Spiegel“ hat Zweifel an den Daten aus China: Geheimdienst-Erkenntnisse „legen nahe“, dass das Land seine Covid-19-Statistik geschönt haben könnte

„Das Corona-Virus hat den Journalismus auf ein neues Hoch in der Publikumsgunst befördert. Doch wie gut ist denn eigentlich diese Berichterstattung?“ fragt „Menschen machen Medien“, das Mitgliedermagazin der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi). Ein Überblick der Medienkritik wird hier versucht.

„Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber …“ Johannes Kram schreibt in seinem Blog über Corona und die Freiheit, die wir jetzt verteidigen müssen.

Jeden Tag zwingt das Coronavirus noch mehr Menschen ins Haus. Wie verändert es den Alltag in anderen Ländern? Arte-Reporter berichten aus ihrer alltäglichen Perspektive, wie ein Virus die ganze Welt dazu zwingt, innezuhalten, um zu überleben.

Freie Künstler*innen sind besonders hart von der Corona-Krise betroffen: Aufträge und Publikum brechen ihnen weg, oft fallen sie durch das Raster der Soforthilfen für Soloselbständige. Besonders jetzt, da vielerorts die Landesmittel erschöpft und sie auf Hilfen vom Bund angewiesen sind, berichtet der Deutschlandfunk.

Der Schauspieler Peter Schneider hat eine beeindruckende Filmografie. Doch wenn es um die soziale Absicherung geht, erlebt er das Gleiche wie viele seiner Kolleg*innen. In einem Brandbrief erklärt er verständlich, woran es hakt.

„Die 60-Stunden-Woche ist das Gegenteil von Gesundheitsschutz“, warnt Beate Müller-Gemmeke, Sprecherin für Arbeitsmarktpolitik der Grünen. Die Bundesregierung wolle tief ins Arbeitszeitrecht einschneiden, ohne die Gewerkschaften dabei einzubeziehen.

Auch in Großbritannien soll ein Notprogramm erste Hilfe für Filmschaffendeleisten. Einmalig zwischen 500 und 2.500 Pfund soll es geben, wenn man seit 1. Oktober 2019 mindestens 40 Tage gearbeitet hat. Mitgezählt werden auch vereinbarte Drehtage ab dem 1. März, die abgesagt wurden.

In Baden-Württemberg können Soloselbständige weiterhin auch pauschalierte Kosten des privaten Lebensunterhalts geltend machen. Damit habe sich das Bundesland „bei der Ausgestaltung des Corona-Soforthilfe-Programms für seinen eigenen Weg entschieden“, teilte Kunststaatssekretärin Petra Olschowski heute mit. Bis zu 1.180 Euro pro Monat können als pauschalierte Kosten des privaten Lebensunterhalts geltend gemacht werden. „Ich freue mich sehr, dass das Soforthilfeprogramm damit auch für die Arbeitsbedingungen im Kulturbereich passt“, sagte Olschowski. Dadurch bleibe vielen der Antrag auf Grundsicherung („Hartz 4“) erspart. Es sei zu hoffen, dass dies „doch noch vom Bund aufgenommen wird und unter den Ländern Nachahmer findet – wird doch mit ihr die Vielzahl an Einzelkämpfern anerkannt, die unser wirtschaftliches, soziales und kulturelles Leben wesentlich prägen.“

In Hessen schlägt die „Initiative Hessen Film“ der Landesregierung vor („neben aktuellen Verbesserungen und Vereinfachungen bei den Soforthilfen“) jetzt schon Strategien für die Zeit nach dem „Lockdown“ zu entwickeln. Dazu gehöre die Einrichtung eines „Krisenrates“ unter der Überschrift „Zukunft Film“. „So kann Hessen zum Vorreiter für die Krisenbewältigung in der Filmbranche werden“, schreibt die Initiative heute in einer Pressemitteilung. In der „Initiative Hessen Film“ haben sich die Vereinigung der Hessischen Filmwirtschaft, die AG Dok Hessen, Film- und Kinobüro Hessen, Filmhaus Frankfurt, Junge Generation Hessischer Film und AG Filmfestival zusammengeschlossen. Neben dem Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst sollten auch die beiden Ministerien für Wirtschaft und für Digitales beteiligt werden. 
Mit drei Maßnahmen sollen allein in diesem Jahr zusätzliche 11 Millionen Euro bereitgestellt werden. 
1. Erhöhung des vorhandenen Film-, Festival- und Kinokulturhaushalts von aktuell rund 11 Millionen auf 15 Millionen Euro jährlich. 
2. Sonderstrukturhilfen durch das Wirtschaftsministerium (vorerst für 2020 und 2021) von 5 Millionen Euro. 
3. Sofortige Umwandlung von jährlichen Bürgschaftsmitteln von 2 Millionen Euro in Haushaltmittel, die 2020 für alle Förderbereiche zur Verfügung stehen. Auch den öffentlich-rechtlichen Sender sieht die Initiative in der Pflicht: „Vom Hessischen Rundfunk wird erwartet, dass er als öffentlich-rechtlicher Sender größere Verantwortung für den Erhalt der hessischen Filmlandschaft übernimmt. Ein wichtiger Schritt ist die Beendigung der strikten Eigenproduktionspolitik und die Vergabe nennenswerter externer Produktionsaufträge. Eine solche Öffnung des HR würde zu einer deutlichen Belebung und Stärkung den Kreativstandortes Hessen auch in wirtschaftlicher Hinsicht führen.“ Außerdem wird der Hessische Rundfunk als Mitgesellschafter aufgefordert, sich mit eigenen Gebührenmitteln in die Hessische Filmförderung einzubringen. Bisher beteilige sich der öffentliche-rechtliche Sender ausschließlich mit Geldern, die ihm nach dem Hessischen Privatrundfunkgesetz für Filmförderung zur Verfügung gestellt werden.

Einen neuen Service bietet Casting Network und listet jetzt alle Online-Workshops und -Coachings für Schauspieler*innen auf. 

Eine Filmreihe plant der Autor und Regisseur David Pichler in der Krise. Für seine„Q-Stories“ sucht er kurze, episodenhafte Geschichten, die menschen auf der ganzen Welt während der aktuellen Ausgangsbeschränkungen erleben. Alles ist möglich, „der Text muss keinesfalls ein literarisches Meisterwerk sein“, sagte der Filmemacher der „Neuen Südtiroler Tageszeitung“, denn aus den Episoden will er Drehbücher machen, die er via Videotelefonie mit Schauspielern realisiert, die auch von der Ausgangssperre betroffen sind. Gedreht wird mit dem bei dem, was gerade da ist. Aber auch andere Formen der Darstellung seien möglich. Urheberschaft und die Beteiligung an etwaigen Einnahmen sollen dabe gewahrt werden, betont Pichler auf seiner Website.

Falls Cannes nicht stattfindet, findet es gar nicht statt. Ein virtuelles Filmfest wird es nicht geben, bestätigte Festivaldirektor Thierry Fremaux (auf English).

20 Jahre gibt’s die Internationale Filmschule Köln nun schon, darum stellt sie jetztjeden Dienstag online einen Film vor, der im Bachelorstudium entstanden ist.

Ein Leser*innenbrief zu unserem gestrigen Interview über die Synchronstudios:
„Die Schließung aller im Synchronverband organisierten Studios am 18. März 2020 wurde an die Synchronschauspieler auf folgende Weise kommuniziert: eine WhatsApp-Kettennachricht und Gerüchte auf Facebook. 
Am 27. März, also neun Tage nach der Schließung, veröffentlichte der Synchronverband auf seiner Homepage eine erste kurze Notiz. Auf lediglich drei Websites (Stand: 5. April) der betroffenen Firmen gibt es einen Hinweis auf Schließung beziehungsweise geplante Maßnahmen bei rund 20 namenhaften Studios in Berlin. Und keine dieser drei Firmen ist Mitglied des Synchronverbands!
Alle diese Firmen hätten die Möglichkeit einer einfachen, direkten Information an die Synchronschauspieler per E-Mail (wie es anderen freischaffenden Gewerken ergangen ist, kann ich nicht sagen). 
Ganz ähnlich verhält es sich mit Informationen bezüglich der Öffnung der Studios und der getroffenen beziehungsweise geplanten Maßnahmen. Ich muss Artikel wie Euren lesen, um eine vage Idee davon zu bekommen. Parallel dazu werden aber bereits von den Aufnahmeleiter*innen der Studios, kommentarlos, Voranmeldungen für den Zeitraum nach dem 19. April verschickt. 
Urteilen Sie selbst, moderne Medien hin oder her, für mich trifft diese Art der Kommunikation nicht den richtigen Ton (Anmerkung: ,Wir treffen den richtigen Ton’ ist das offizielle Motto des Synchronverbands). Ja, wir sind keine Festangestellten, aber etwas mehr Information hätte es sein dürfen. 

Geschichten der Daheimgebliebenen

Auch „cinearte“ macht zurzeit Pause für diese Brancheninfos. Darum schreibt Christoph Brandl seine Doku-Kolumne „Das wahre Leben“ solange hier.

Wochenlang zuhause bleiben und dennoch spannende, filmreife Geschichten erzählen, geht das? Der RBB stellte sich diese Frage und lud Filmschaffende zum Projekt „4 Wände Berlin: 30 Filme mit Abstand“ ein. Ab 1. April zeigen Volker Heise, Wim Wenders, Annekatrin Hendel, Hans-Christian Schmid und 26 weitere Filmschaffende aus der Hauptstadt täglich Kurzfilme im RBB. Auch die Dokumentarfilmerinnen Nuray Sahin und Miriam Thiel-Alberts beschäftigen sich filmisch mit den Folgen von Isolation und Quarantäne auf die Menschen. „Ich habe nicht im Geringsten daran gedacht, dass so etwas wie die Corona Krise eines Tages passieren könnte“, sagte Thiel-Alberts „Es ist etwas so Unvorstellbares, dass ich diese Phase dokumentieren wollte.“ Die Berlinerinnen gründeten eine Facebook-Seite, auf der jeder wie auch immer von der Krise Betroffene seine Erfahrungen, Erlebnisse, Begegnungen und Lebensveränderungen posten kann. „Staying at Home Stories“ nennen die Beiden ihr Projekt, aus dem nach der Überwindung der Krise ein abendfüllender Dokumentarfilm entstehen soll. Thiel-Alberts: „Unser Film wird darum gehen, wie sich die Leben unserer Protagonisten während und durch die Corona-Krise verändert haben. Und so suchen und wir während der Lockdown-Phase Protagonisten aus und entwickeln den Kontakt zu ihnen. Wir werden sie nach Aufhebung des Reiseverbotes besuchen, um zu sehen, was anders wurde im Leben dieser Menschen.“ 
Krise als Chance, so sieht es auch Nuray Sahin: „Wir haben Mitglieder aus der ganzen Welt, die täglich posten und ihre Erfahrungen teilen und sich seitdem auch privat kontaktieren. So zum Beispiel Kirsten aus Dänemark. Sie ist auf unserer FB-Seite auf Ergün aus Dersim im Nordosten der Türkei aufmerksam geworden. Und sie tauschen gerade Ideen aus, um den Straßenhunden und -katzen in Dersim zu helfen.“
Ich selbst habe zu Beginn der Krise ein Online-Foto-und Video-Projekt gestartet. In „Life in the Times of Corona“ schicken mir Menschen aus der ganzen Welt persönliche filmische oder fotografische Kriseneinblicke. Ich ergänze die Seite mit eigenen Fotos und Internet-Funden. Neben Zusendungen aus Deutschland kommen die Beiträge aus Italien, Kenia, England und Amerika. Sahin, Thiel-Alberts und ich tauschen uns gerade über eine Zusammenarbeit aus, dann, wenn die Krise überwunden ist.

Den Abschluss macht wieder unser Blog, wir verabschieden uns bis morgen.

„Dann sollen sie doch Kuchen essen!“

Die Schönen, die Reichen und die Mächtigen. Und Super-Söder: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie 13. Von Rüdiger Suchsland

„Gerechtigkeit sei eine Folgeerscheinung von Erfolg. Immer sei die gerechte Sache identisch mit der erfolgreichen. … Recht und Ethik, behaupte ein gewisser norddeutscher Philosoph namens Immanuel Kant, stünden außer jeden Verhältnisses: Recht und Boden aber, Recht und Klima, Recht und Volk, das meine er, der Otto Klenk aus München, die seien zweieinig, nicht zu trennen.“
Lion Feuchtwanger, „Erfolg“

„Bald wieder Fans im Stadion?“ Das sind doch tröstliche Aussichten! Nun erreicht darbende Fußballfans die wohl wichtigste Nachricht der letzten Wochen. Wenn alles gut läuft wird es bald nicht nur wieder Bundesliga-Fußball in Form von Geisterspielen geben, sondern auch echte Fans im Stadion. Denn der Mediziner Fritz Sörgel will in einer, wie es heißt „noch nie dagewesenen Studie“ Dauerkartenbesitzer von Bundesligavereinen auf Corona-Antikörper testen. Damit soll überprüft werden, wie hoch die Infizierung der Fans mit dem Corona-Virus ist, und ob der Fußball wirklich als Verstärker des Virus fungiert. Sörgel ist Professor für Pharmakologie und Träger des Bundesverdienstkreuzes. Er könnte zum Retter der Fans werden. Denn er will eine Studie an Dauerkartenbesitzern durchführen, um bald wieder Konzerte, Theatervorführungen, Lesungen und eben auch Fußballspiele vor Publikum möglich zu machen. 
Sörgels Argument ist sachlich, aber auch psychologisch: Wenn man den Leuten ein Jahr lang verbietet, auf Konzerte zu gehen, sollte man das mit Daten belegen können“, sagt Sörgel in der „Zeit“: „Auch wir Mediziner sollten uns fragen: Wie kriegen wir es in den Griff, dass das Volk nicht durchdreht?“
Ja, wie nur? Hoffentlich klappt es. Um den Fußballbürgerkrieg zu verhindern. Und stellen wir uns nur mal vor, was das den Clubs für neue Devotionalien-Chancen eröffnen würde: Die FC-Bayern-Atemmaske in Rot-Weiß, wobei der kreisrunde Nubbel in der Mitte dann auch in Weißblau gehalten werden könnte. St.-Pauli-Fans könnten eine mit dem Piraten-Totenkopf-Motiv erhalten. Und die 1899-Hoppenheim-Maske würde natürlich ein Porträt von Dietmar Hopp tragen – oder doch eine Zielscheibe … Nein dieser Scherz, speziell für unsere Freunde vom BVB, ging jetzt zu weit. Zumal Dietmar Hopp, wenn es so weitergeht, ja noch heilig gesprochen werden wird. Schließlich ist er als CureVac-Investor ja der Retter des Impfstoffs vor den Klauen der bösen Amis. 
Retter überall. 

Noch eine gute Nachricht: Super-Söder schlägt wieder zu! Der schier übermenschliche bayrische Ministerpräsident hat eine der größten Sorgen seiner Untertanen südlich des Weißwurstäquators quasi im Handstreich beseitigt. „Machtwort von Söder“ verkündete die „Bild“-Zeitung, die offenbar während der Krisenwochen die Pressearbeit der Bayerischen Staatskanzlei übernommen hat, die Nachricht dem Volke: „Buch auf Parkbank lesen ist ERLAUBT! Ja, in Bayern darf auf einer Parkbank gesessen werden, um Musik zu hören oder ein Buch zu lesen“.
Ja! Endlich. Wie die Zeitung erinnert: „Es ist ein Dauerthema in München: Dürfen wir in Corona-Zeiten auf Park-Bänken sitzen, um ein Buch zu lesen? Gerade jetzt zu Ostern?“ „Im ,Bild’-Gespräch“, wie sonst, stellte Ministerpräsident Markus Söder „(53, CSU) deutlich klar.“ „Natürlich kann man auf einer Bank ein Buch lesen. Das ist kein Problem.“ Söder habe deswegen auch nochmals mit dem Innenministerium gesprochen. „Die stellen das klar.“ Jetzt „hat auch die Münchner Polizei endlich Klarheit.“ Puh! 
Hoffentlich wissen das auch die Kollegen im Norden. Sonst muss Super-Söder mal kurz hier einreiten und ein Machtwort sprechen.
Und wir lesen jetzt nur noch auf Parkbänken. An Ostern die „Häschenschule“, danach wieder Lion Feuchtwangers „Erfolg“ oder Thomas Manns „Gladius Dei“, die beide in München spielen: „Blick um dich, sieh’ in die Fenster der Buchläden. Deinen Augen begegnen Titel wie ,Die Wohnungskunst seit der Renaissance’, ,Die Erziehung des Farbensinnes’, ,Die Renaissance im modernen Kunstgewerbe’, ,Das Buch als Kunstwerk’, ,Die dekorative Kunst’, ,Der Hunger nach Kunst’ – und du musst wissen, dass diese Weckschriften tausendfach gekauft und gelesen werden, und dass abends über eben dieselben Gegenstände vor vollen Sälen geredet wird …“ 
Ein belesenes Volk, die Bayern. Dürstend nach Bildung.

Neulich habe ich ein paar Witze versprochen. Ein vielfach geteilter erzählt davon, was Donald Trump gemacht hätte, wäre er Kapitän der „Titanic“ gewesen: 1. „Da ist kein Eisberg!“; 2. „Wir werden den Eisberg nicht berühren.“; 3. „Wir haben den Eisberg kaum gestreift.“; 4. „Keiner konnte den Eisberg kommen sehen.“ 5. „Ich wusste vor allen anderen, dass es ein Eisberg war!“; 6. „Die Zahl der Toten beweist: Mein Plan funktioniert.“; 7. „Die Pinguine hatten den Eisberg mitgebracht!“; 8.“Ich bin der beste Kapitän, den es je gab.“ Die anderen Witze kommen morgen. Die Wirklichkeit ist witzig oder wenigstens absurd genug. Ist es nicht ein Wahnsinn, dass ausgerechnet Boris Johnson jetzt im Krankenhaus auf der Intensivstation liegt? Man überlege nur, wenn er jetzt auch noch … Manche finden das auch witzig. Wir nicht. Klar: Vielleicht ist Johnson da die eine oder andere Erfahrung eine Lehre, aber das alles gönnt man auch argen Feinden nicht. 
Hier kann man hören und lesen, wie die Briten über Johnson denken.

Eine lustige Geschichte ist die von den beiden französischen Schriftstellerinnen Leila Slimani und Marie Darrieussecq. Die beiden haben sich in ihrer Heimat den Hass der Internet-Gemeinde zugezogen, die sie mit Marie-Antoinette vergleicht und nun alles, was Schwarmdummheit, antiintellektuelles Ressentiment und Elitenhass hergeben, über den beiden auskübelt. 
Aber ein bisschen sind sie auch selber schuld. 
Slimani und Darrieussecq gehören zu den gefeiertsten Autorinnen der Millennial-Generation. Slimani hat für „Lullaby“ den Prix Goncourt gewonnen. In der „Le Monde“ schrieb sie nun einen Text, darüber, wie sie mit ihren Kindern nach Beginn des Ausnahmezustand Paris verlassen hat, und sich am 13. März in ihr Landhaus zurückzog, und kommentiert: „Es war ein wenig wie ,Dornröschen’“. Später schrieb sie über die heimische Idylle: „Heute Nacht konnte ich nicht schlafen. Durch mein Schlafzimmerfenster sah ich die Morgenröte über den Hügeln; den Raureif auf dem Gras, die Lindenbäume auf deren Ästen die ersten Knospen sichtbar werden …“ 
Darrieussecq wiederum schrieb in „Le Point“, wie sie, kaum auf dem Land angekommen, ihr Auto mit dem Pariser Nummernschild verbarg und nur noch den älteren Zweitwagen verwendet: „Ich fühle, dass es nicht gut ist, mit einem 75er Nummernschild herumzufahren.“
Und weiter ganz bukolisch: „Zwei Hirsche grasen in unserem Garten. Wir gehen zum Meer. Die Wellen schlagen; hart, stark, gleichgültig. Der Strand ist ausgestorben. Ich stelle mir eine Welt ohne Menschen vor.“ 
Zweimal Kitsch, ok. Zwei Hipster in Ferien halt. 
Und ein, sagen wir mal: politischer Fehler in Zeiten, in denen es in Frankreich Polizeisperren gibt, um die Leute davon abzuhalten, sich aufs Land zurückzuziehen. Aber jetzt schlagen die französische Provinz und weniger erfolgreiche Schriftstellerkollegen vereint zurück. „Hey, ihr Armen“ tweetete der Journalist Nicolas Quenel. „Ist alles in Ordnung, zu dritt in eurem 15qm-Appartement? Um die Zeit zu verbringen und den Ausgangssperrendruck zu lockern, könnt ihr ein bisschen was von Schriftstellern auf dem Land lesen.“ Félix Lemaître schrieb, „der Blick auf den Horizont“, von dem Slimani schreibe, sei ein „Klassenprivileg“. Die Bilder, mit denen der Text begleitet sei, schmeckten für all jene „nach Porno und Obszönität“, deren Blick in den nächsten Wochen nur aufs Reihenhaus gegenüber führe oder auf den Innenhof des Hochhauses. Diane Ducret sah ein „von den Gebrüdern Grimm phantasiertes Paralleluniversum.“
Das Leben der Leïla Slimani sei „ein bisschen zu rosa.“ „Zumindest haben wir nicht die selbe Erfahrung. Wenn der Ausnahmezustand für Leïla Slimani wie ein Märchen ist, dann ist er für mich eher wie ein Bauernschwank: Ich bin der Bauer, von niederer Klasse, ohne Ehre, sehne mich nach Freiheit und hoffe zu überleben indem ich nachhaltig bin.“ Ducret verglich Slimani mit der später geköpften Königin Marie-Antoinette, die sich in Versailles als Bäuerin kostümiert, weit weg von der Furcht und der Wut des Volkes.“ Und weiter: „Unsere intellektuellen Eliten haben die Bodenhaftung verloren, als hätte die Französische Revolution nie stattgefunden,und als hätte nur eine bestimmte Klasse das Recht, ihren Geschmack auszudrücken.“
Von meinem Fenster sehe ich den Himmel. Das Gebäude gegenüber ist schmutzig, die Straßen leer, angefüllt mit wachsender Angst. Vom Virus getroffen, vielleicht allein sterbend – würde sich das schlechter verkaufen als die Goldenen Hügel und Kamelien der Leïla Slimani. Aber es wäre repräsentativer für das, was wir erleben. 

„Marie Antoinette“ ist übrigens der schönste Film von Sofia Coppola. Ein Isolationsfilm, Einsamkeitsfilm, wie gemacht für Corona-Ostern. Vor 14 Jahren habe ich über den Film geschrieben

Brancheninfo von crew-united und cinearte, erschienen auf out-takes

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