Spuren der Katharer im Baltikum

„Sooft ich in der Bibel lese, finde ich dort eine ganz andere Religion, als wir sie heute haben.“ – Bischof Johannes VI. von Meißen

Die Gemeinschaft der Tafelrunde des König Artus zerbrach, als sich die Ritter auf die Suche nach dem Heiligen Gral begaben. Sie glaubten, jenen Kelch finden zu müssen, der einst auf der Tafel des letzten Abendmahles stand und in dem Joseph von Arimathia später das Blut Christi auffing, als dieser am Kreuz von Longinus mit der Lanze gestochen wurde. Wolfram von Eschenbach beschreibt in seinem Parzivalepos die Suche nach dem Gral, welcher bei ihm jedoch nicht der christliche Abendmahlskelch ist, sondern ein Gegenstand, von dem es heißt:

„Der Wünsche Füll` und Paradies:

Das war der Gral (vor dem ein Nichts

Der Erdenglanz), der Stein des Lichts.“

Diesem „Stein“, der aus Luzifers Krone bei dessen Sturz aus den Himmeln gebrochen sein soll, werden gleichwohl außergewöhnliche, ja magische Eigenschaften nachgerühmt. So soll seine Gegenwart genügen, um alle Krankheiten zu heilen und Unsterblichkeit zu verleihen. Ferner spendete der Gral seinen Hütern Getränke und Speisen im Überfluß. Über die Herkunft des Grals weiß Wolfram von Eschenbach folgendes zu berichten:

„ Ihn ließ auf Erden eine Schar,

die wieder zu den hohen Sternen flog,

da ihre Reinheit sie heimwärts zog.“

Weiter heißt es im Parzivalepos über den Weg, den der Gral zu den Menschen nahm:

„Ein Heid` (er hieß Flegetanis), 

Den man um reiches Wissen pries,

Aus Salomos Geschlecht erkoren,

Vom Stamme Israel geboren, 

Der beut vom Gral die erste Spur.“

Dieser Flegetanis der Parzivallegende hieß in Wirklichkeit Hiram von Tyrus und war Baumeister des Salomonischen Tempels von Jerusalem. Jener Gegenstand, den Wolfram von Eschenbach als „Stein“ und zuweilen einfach als „Ding“ beschreibt, war also offensichtlich mehr als nur ein rein geistiges oder esoterisches Symbol. Der Gral gehörte zu den Schätzen König Salomos –  und so setzen manche Forscher den Gral auch mit dem Wunderstein „Schamir“ des biblischen Herrschers gleich. Es war jedoch schon zu jenen Zeiten nicht ganz ungefährlich, von der Existenz dieses magischen Gerätes Kenntnis zu haben. Hiram von Tyrus jedenfalls bezahlte sein Wissen mit dem Leben, denn der weise König Salomo liebte keine unbequemen Mitwisser.

In späteren Zeiten widerfuhr dem Tempelschatz Salomos ein wechselvolles Schicksal. Römische Truppen transportierten die Kostbarkeiten nach der Eroberung Jerusalems in die Hauptstadt ihres Imperiums. Im Jahr 410 n. Chr. dann erstürmten die Heere des Westgotenkönigs Alarich die Ewige Stadt am Tiber. Bei ihren Plünderungen stießen sie auch auf den Salomonschatz, den Alarich umgehend in seine Residenz Carcassonne abtransportieren ließ. Den größten Teil dieses Schatzes brachte später der Westgotenkönig Theoderich (der Dietrich von Bern der Sage) nach Ravenna. Von hier aus holte ihn dann Belisar – berühmter und gefürchteter Feldherr des Griechenkaisers Justinian – nach seinem Sieg über die Westgoten in der Schlacht am Vesuv nach Byzanz. Dort fiel dieser Teil des salomonischen Schatzes dann 1202 bei der Eroberung der Stadt, die inzwischen Konstantinopel hieß, den plündernden Kreuzfahrern, die im Zeichen des sanften Heilands raubten und mordeten, in die Hände. Gegenstände aus Edelmetall – so etwa die biblischen siebenarmigen Leuchter – wurden eingeschmolzen. Bücher, Papyri und gravierte Schrifttafeln fielen der sinnlosen Zerstörungswut der „Pilger“ zum Opfer.

Ein anderer Teil des Salomonischen Schatzes jedoch soll in Carcassonne zurückgeblieben sein. Im Jahr 711 n. Chr. dann wurden die Westgoten in der siebentägigen Schlacht von Jerez de la Frontera von arabischen Heeren vernichtend geschlagen. Der überwiegende Teil des Salomonschatzes fiel zu Toledo in die Hände der Sarazenen. Einige spanische Legenden berichten jedoch, daß es Überlebenden der Schlacht gelang, verschiedene Gegenstände, welche für die Westgoten von enormer religiöser Bedeutung waren – darunter den „Tisch Salomos“ und jenen „Schrein“, der den Wunderstein „Schamir“ barg – vor dem Zugriff der Feinde zu bewahren. Der „Tisch Salomos“ und der „Schrein“ des Wundersteines „Schamir“ sollen in einer Höhle, der „verzauberten Grotte des Herakles“, verborgen worden sein. Der Gotenkönig Roderich soll Jahre später dann den Schatz dort wiederentdeckt haben. 

Das Sabarthes ist uraltes Kulturgebiet und Siedlungsland, wie die übrigen Pyrenäen auch. Keltische und iberische Einflüsse finden sich hier ebenso wie die Spuren der Phönizier und Phokäer. So stellte zu antiken Zeiten die Höhle von Lombrives ein phokäisches Heiligtum dar – geweiht dem Ilhomber, einer iberischen Verkörperung des griechischen Herakles. Zu Zeiten der Westgotenherrschaft war zwar das flache Land Okzitaniens bereits christanisiert – in der einsamen und unzugänglichen Bergwelt der Pyrenäen jedoch verehrten noch immer die Druiden – Priester des keltischen Kultes, der eine Verschmelzung von Wissenschaft, Philosophie und Religion war – ihren Lichtgott Abellio. Dieser Gott ist die keltisch-iberische Inkarnation der griechischen Gottheit Appollon. Dann stießen christliche Missionare auch in die Pyrenäen vor. Es waren jedoch von ihren eigenen Glaubensbrüdern verfolgte Christen – die Sekte der Priscillianer. Sie waren auf den Konzilen von Saragossa (341 n. Chr. ) und Bordeaux (384 n. Chr.) als ketzerische erklärt worden – ihr geistiger Führer Priscillian starb im Jahr 385 n. Chr. zu Trier auf dem Scheiterhaufen. Die Priscillianer waren gnostisch manichäische Sektierer – sie hingen einem dualistischen Glauben an, der sich im Ursprung wohl auf die Lehren der persischen Feueranbeter Ahura-Mazdas zurückführen läßt. Der Mazdaismus besagt, daß sich in diesem Universum von Ewigkeit zu Ewigkeit zwei Prinzipien bekämpfen: das des Lebens, der Fruchtbarkeit und das des Todes, der Zerstörung. Symbol des Lebens ist die Sonne, die geistiges Licht, Wärme, Güte und Wahrheit verkörpert und in Ahura-Mazda, dem Gott des Lichtes und des Feuers, verehrt wurde. Das gegnerische Prinzip stellt die nächtliche Finsternis dar, die Irrtum, Lüge, Verrat und allgemeine Übel in sich birgt. Symbol dieses Prinzips ist der zerstörerische Gott Ahriman. In den Glaubenslehren der Priscillianer war Jesus Christus an die Stelle Ahura-Mazdas getreten – sein Gegenspieler Luzifer ersetzte den Ahriman des Mazdaismus.

Dieser dualistische Glaube wies viele Berührungspunkte zur keltisch-iberischen Theogonie auf, in der ebenfalls zwei gegensätzliche Gottheiten wirkten: Abellio, der Lichtgott und Dispater, Herr des finsteren Totenreiches. Den Priscillianern gelang es, die Druiden, von denen sie freundlich aufgenommen worden waren, zum Christentum zu bekehren. So hüteten fortan die christanisierten Nachfahren der Kelten jenen Gegenstand, von dem die Parzivallegende erzählt. Interessanterweise findet der Gral nur in sehr wenigen religiösen oder kirchlichen Schriften des Mittelalters Erwähnung. Dies ist jedoch nur verwunderlich, wenn man annimmt, daß der Gral eine bedeutende Reliquie für die Kirche römisch-katholischen Bekenntnisses darstellte. Dies war jedoch offensichtlich nicht der Fall – der Gral ist eine, um mit Otto Rahn zu sprechen, „ketzerische Reliquie“ und nahm über Jahrhunderte hinweg mehr und mehr den zentralen Platz in einem okzitanischen Lokalkult christlicherPrägung ein. Er wurde zum Symbol für geistiges Licht, Wahrheit, Hilfe und Güte – zur Verkörperung des im Johannesevangelium angekündigten Helfers und Trösters – des Parakleten. Hatte doch Jesus selbst gesagt: „… und ich will den Vater bitten, und er soll euch einen anderen Tröster geben, daß er bei euch bleibe ewiglich“ (Joh. XIV, 16).

Aus diesem lokalen Kult, den Otto Rahn in seinem Buch „Kreuzzug gegen den Gral“ als die „Minnekirche“ der südfranzösischen und insbesondere okzitanischen Troubadoure bezeichnet, gegründet auf phönizische und phokäische Überlieferungen, gewachsen in der Tradition keltisch-iberischer Theogonie und bereichert durch gnostisch-manichäische Einflüsse entwickelte sich im Mittelalter eine Bewegung, die von der katholischen Kirche als ketzerisch erklärt, gnadenlos bekämpft und schließlich nahezu ausgerottet wurde – die Gemeinschaft der Katharer. Auch ihre Lehre war dualistisch, ihre Weltsicht von tiefem Pessimismus geprägt, ihr Glaube hingegen voller Hoffnung. Die Erde stellte für sie eine Schöpfung des urbösen Demiurgen – des „Nach-Bildners“ dar, der im Alten Testament unter dem Namen Jahwe agiert. Die Ewigkeit hingegen war die Wiedererlangung der reinen Existenz in einer Welt „jenseits der Sterne“, einer Welt des Geistes, geschaffen vom wahren Gott des Lichtes und der Liebe. Die Menschen begriffen sie als gefallene Engel, „Multiplikationen des Urverführers Luzifer“, ihr Leben auf dieser Erde als bloßen Zwischenzustand, erfüllt von Leiden, um der Buße und Läuterung willen. Jesus von Nazareth war für sie nicht die irdische Inkarnation Gottes, sondern ein Bote des Lichtreiches – daher sein Kreuzestod, eine Passion des Scheinleibes, aber keine Menschheitserlösung. 

Die Katharer entnahmen ihre Lebensregeln den Evangelien und zumindest die Vollkommenen oder „Perfecti“ – die Eingeweihten des katharischen Glaubens – wandten diese Regeln auch im engsten Sinne an. So weigerten sie sich, das Kreuz anzubeten, in dem sie zu Recht ein unmenschliches Marterinstrument und kein Heilszeichen erblickten. Sie empfahlen ein Leben in materieller Bedürfnislosigkeit und lehnten sowohl die Kindstaufe, die Eucharistie als auch die Beichte und die Liturgie als Menschenwerk ab.

Die Taufe wurde von den Katharern nicht als reinigendes, sondern als offenbarendes Sakrament verstanden. Sie setzt daher reifliche Überlegung, Glaube und vor allem die Einwilligung des Getauften voraus und darf daher nur Erwachsenen erteilt werden. Personen, die sich nicht im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte befanden waren ebenso wie Kinder oder gar Säuglinge von der Taufe ausgeschlossen. Die Eucharistie wurde ebenfalls verworfen. Brot und Wein können keinesfalls für Fleisch und Blut Christi stehen, da beide Teil der äußerlichen, materiellen Hülle und ein Werk des Demiurgen sind. Es ist sehr verständlich, dass die Katharer den von der katholischen Kirche bis heute in der Eucharistie gepredigten symbolischen Kannibalismus keineswegs anerkennen konnten. Die Jesus zugeschriebenen Worte sollten nach ihrer Auffassung als Übermittlung geistiger Erkenntnis verstanden werden und die von ihm vollbrachten Wunder nur in geistiger Hinsicht interpretiert werden. Sie sind lediglich als Allegorien auf die einem jeden menschlichen Wesen mögliche Transformation anzusehen. Die materielle Welt als Werk des „Nach-Bildners“ ist hingegen keineswegs verbesserungsfähig. In Anbetracht unserer heutigen Situation gewinnen diese Aussagen des Katharismus einmal mehr gespenstisch anmutende Aktualität.

Weiterhin praktizierten die männlichen und weiblichen Perfecti eine uneingeschränkte sexuelle Enthaltsamkeit, da sie die Zeugung für ein Werk des Demiurgen erachteten. Hierdurch wurde der irdische Körper, das Gefängnis der menschlichen Seele, geschaffen. Die Katharer weigerten sich auch zu schwören. Dieses Gebot war dem Evangelium des hl. Markus entnommen. Es stand aber ebenso wie die praktizierte sexuelle Enthaltsamkeit im vollkommenen Gegensatz zur Gesellschaftsordnung des 13. Jahrhunderts, die eben auf der Vermehrung und Achtung vor dem Treueid basierte. Die Bande des feudalen Lehnswesens waren wesentliche Bestandteile der damaligen gesellschaftlichen Organisation. Im Gegensatz zu den Vorschriften der römisch-katholischen Kirche gestatteten die Katharer Leihzinsen. Ihre strikte Weigerung, Kirchensteuern zu bezahlen, war sowohl beim einfachen Volk als auch beim Adel gern gesehen. Ein weiteres Gebot der Perfecti betraf die Arbeit – sowohl körperliche als auch geistige Tätigkeit- als Pflicht für jedermann. Selbst die Adligen waren im Gegensatz zu den Gebräuchen der Zeit davon nicht ausgenommen. Die Eingeweihten praktizierten darüber hinaus die Endura, vergleichbar nur der strengen Askese indischer Yogis.

Über die Lehren der Katharer ist im Lauf der Jahrhunderte oft und heftig gestritten worden. Wer sie wirklich waren, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben, denn mit den „Reinen“ (vom griechischen „katharoi“) oder Guten Menschen, wie sie sich selbst nannten, starb auch ihre reiche Literatur auf den Scheiterhaufen. So ist es nicht verwunderlich, daß Voltaire in ihnen eine Variante der Waldenser erblickte, später erachtete man sie für Frühsozialisten oder gar Kommunisten. Autoren neuerer Werke sehen in ihnen Bogumilen, Anhänger einer bereits im 10. Jahrhundert in Bulgarien entstandenen Sekte. Zwar vertraten auch die Bogumilen eine dualistische Weltanschauung, nach welcher die Erde dem Teufel – einem Sohn Gottes und Bruder Christi – untertan sei. Unleugbar finden sich bogumilische Einflüsse auch bei den Katharern, doch reichen diese nicht aus, um auf den Ursprung der Religionsgemeinschaft zu schlußfolgern.

Dieser Streit ist jedoch eher akademischer Natur – was die Katharer für immer im Gedächtnis eines jeden human empfindenden Menschen erhalten wird, ist das Schicksal, das ihnen die katholische Kirche bereitete.

Die Katharer waren in ganz Europa verbreitet – Chronisten belegen sie mit zahlreichen Namen: Patarener, Publikaner, Manichäer, Albigenser, Arrianer etc. – in Deutschland wurden 1143 zu Köln die ersten bekennenden Katharer dem Scheiterhaufen überantwortet.

„So übermächtig war die Häresie der Katharer, daß sie binnen kurzem gegen tausend Städte ansteckte,“ notierte der Chronist Cäsarius von Heisterbach erschreckt.

Ihre Spuren finden sich auch in entlegenenen Gegenden Europas – so unter anderem im Baltikum, in Lettland. Etwa 40 km nordöstlich von Riga liegt das beliebte Ausfugsziel Sigulda. Ausgangspunkt für die Erkundung der Stadt und ihrer Umgebung ist die Burg vor dem Ortseingang. Sie wurde zu Beginn des 13. Jahrhunderts von den Schwertbrüdern erbaut. Wenn man die zum Fluß Gauja hinunter führende Straße überquert, erreicht man in Kürze die Haltestelle einer Seilbahn. Von hier aus bietet sich ein prächtiger Blick ins Tal sowie auf Schloß Krimulda und die Burg Turaida. Das Tal zur Rechten ist parkartig gestaltet, mit Wegen und Brücken versehen. Etwa zwei Kilometer entfernt befindet sich der Fußweg, welcher zur sogenannten „Gutmannshöhle“ führt, die für uns von besonderem Interesse ist. Hier haben sich im weichen Devonsandstein der Grottenwände Generationen von Besuchern verewigt. Manche der Inschriften, etwa die von Anna Magdalena zu Tiesenhausen, stammen bereits aus dem 17. Jahrhundert. In der Höhle entspringt eine kristallklare Quelle – ihr Wasser ist stets gleichmäßig 6 Grad Celsius kalt. Mädchen, die ihre Kleider in dem Wasser tränken, werden so schön wie Maija, die „Rose von Turaida“, so will es jedenfalls die Sage. Mit dem Namen dieser Frau verbindet sich eine Legende, die seit dem Drama „Die Liebe ist stärker als der Tod“ des lettischen Nationaldichters Jänis Rainis (1927) hier jedem Schulkind bekannt ist. Maija wurde demzufolge im Verlauf des schwedisch-polnischen Krieges im Jahr 1601 als Säugling auf dem Schlachtfeld gefunden und vom Schreiber der Burg Turaida adoptiert. Sie wuchs zu einer außerordentlich schönen Frau heran, und verliebte sich in den Gärtner der Burg, Viktor Heils, der ihre Zuneigung erwiderte. Das Paar traf sich oft in der bereits erwähnten Gutmannshöhle. In Maija verliebte sich jedoch auch der polnische Offizier Jakubowski. Als sie ihn zurückwies, griff er zu einer List – in Viktors namen bestellte er die Angebetete zur Gutmannshöhle. Als Maija dort eintraf, sah sie sich getäuscht. Um ihre Unschuld zu bewahren, behauptete sie gegenüber dem abergläubischen Jakubowski, dass ihr Halstuch sie unverwundbar mache, und forderte den Offizier auf, sich davon zu überzeugen. Der Streich seines Schwertes tötete sie. Aus Verzweiflung darüber nahm sich jakubowski wenige Tage darauf selbst das Leben. Viktor Heils aber begrub seine Braut unweit der Burg Turaida, und pflanzte an der Stelle eine Linde, die noch heute dort zu sehen ist. Soweit zu dem tragischen Geschehen aus dem 17. Jahrhundert, das noch heute zahllose Besucher in seinen Bann zieht. Mit den Katharern hat es allerdings nichts zu tun.

In der Gutmannshöhle lebte jedoch im Mittelalter ein Eremit, den alle nur den „Guten Mann“ nannten – daher auch der Name der Höhle. Er soll das Wasser der hier entspringenden Quelle als heilendes Nass an Pilger verteilt haben. Die Katharer, jene Herätiker, deren Wurzeln in Südfrankreich zu suchen sind, nannten sich selbst „Gute Menschen“ oder „Gute Christen“ (Bohommes). Von Amiel-Aicart, einem der letzten Perfecti, ist überliefert, dass er als Asket im großen Saal der Grotte von Lombrives lebte, welcher „La Cathedral“ genannt wird. Die Einwohner der umgebenden Dörfer stiegen regelmäßig zur Höhle hinauf, um den Worten des alten Katharers zu lauschen, der ihnen Auszüge aus dem Johannesevangelium vorlas und erläuterte:

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.“

Ebenso hat es jener „Einsiedler“ von Turaida gehalten. Die Tatsache, dass er auch als Heiler galt, welcher die lebens- und gesundheitsspendende Kraft der Quelle kannte, verdeutlicht, dass es sich bei dem  „Gutmann“ um einen Katharer handelte. Seine Lebensweise entsprach den Gepflogenheiten der katharischen Eingeweihten.

Die spirituelle Entwicklung der katharischen Eingeweihten schloss mehrere Proben ein. Während der Hauptphasen ihrer Vorbereitung wurden sie von ihrem jeweiligen Lehrer oder Meister auf einen windgepeitschten Berggipfel geführt, wo der Novize die Wind- und Sonnenfeuerprobe zu bestehen hatte. Danach musste er sich in eine der Grotten oder Höhlen zurückziehen. In diesen Einweihungsräumen musste der künftige Vollkommene mehrere Tage lang fasten und meditieren, um die Proben des Wassers und der Erde zu bestehen. Möglicherweise ließen sich die Katharer hierbei von den Visionen Jesaias, einer Schrift aus dem zweiten Jahrhundert, inspirieren. Das Sammelwerk berichtet von den Einweihungserfahrungen, in deren Verlauf der Prophet die verschiedenen spirituellen Reiche durchschreitet, bis hin zu jenem, das in der Überlieferung als „Siebter Himmel“ bezeichnet wird. Für die Vollkommenen befand sich die Wahrheit in der Natur, und durch die Meditation hatten sie Zugang zu jenen Ebenen des kosmischen Bewusstseins, die als „Akasha-Chronik“, „Weltgedächtnis“ oder „Buch der universellen Erkenntnis“ bezeichnet werden. Während ihrer häufigen und langen Meditationen konnten sie bewusst und willentlich jene Ebenen erreichen, die uns unbekannt sind und die wir Weltlichen allenfalls im Traum erfahren.

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Über Thomas Ritter 84 Artikel
Thomas Ritter, 1968 in Freital geboren, ist Autor und freier Mitarbeiter verschiedener grenzwissenschaftlicher und historischer Magazine. Thomas Ritter hat zahlreiche Bücher und Anthologien veröffentlicht. Außerdem veranstaltet er seit mehr als zwanzig Jahren Reisen auf den Spuren unserer Vorfahren zu rätselhaften Orten sowie zu den Mysterien unserer Zeit. Mit seiner Firma „Thomas Ritter Reiseservice“ hat er sich auf Kleingruppenreisen in Asien, dem Orient, Europa und Mittelamerika spezialisiert. Mehr Informationen auf: https://www.thomas-ritter-reisen.de Nach einer Ausbildung zum Stahlwerker im Edelstahlwerk Freital, der Erlangung der Hochschulreife und abgeleistetem Wehrdienst, studierte er Rechtswissenschaften und Geschichte an der TU Dresden von 1991 bis 1998. Seit 1990 unternimmt Thomas Ritter Studienreisen auf den Spuren früher Kulturen durch Europa und Asien.