Ich kann dieses Land nicht lieben

Robert De Niro, ChatGPT

„Wir lieben alle unser Land, und es steckt mir buchstäblich im Hals.“ In diesem Satz von Robert De Niro liegt eine politische und zugleich zutiefst persönliche Erkenntnis: Ein Land ist nicht allein deshalb liebenswert, weil es das eigene ist. Liebe zum Land kann keine moralische Verpflichtung sein, die unabhängig davon gilt, was ein Staat tut, welche Gewalt er ausübt und welche Menschen er schützt oder preisgibt.

De Niros Worte sind deshalb mehr als eine politische Abrechnung mit Donald Trump. Sie berühren eine grundsätzlichere Frage: Was bedeutet es überhaupt, sein Land zu lieben, wenn die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse den eigenen moralischen Überzeugungen widersprechen? Und wann wird patriotische Loyalität zur Rechtfertigung dessen, was eigentlich kritisiert werden müsste?

De Niro findet dafür ein ungewöhnlich starkes Bild. Die Liebe zum eigenen Land, so seine Überlegung, könne unter bestimmten politischen Bedingungen der Liebe eines misshandelten Ehepartners ähneln: Man behauptet weiterhin, zu lieben, obwohl die Beziehung fortwährend verletzt, entwürdigt und zerstört. Eine solche Liebe verliert ihren moralischen Sinn, wenn sie nicht mehr zwischen Verbundenheit und Unterwerfung unterscheiden kann.

Ich kann kein Land lieben, das Kriege beginnt, die Menschenleben zerstören und Millionen Menschen ins Leid stürzen. Ich kann kein Land lieben, das Millionen Menschen den Zugang zu medizinischer Versorgung erschwert oder entzieht, während politische und wirtschaftliche Netzwerke von den eingesparten Mitteln profitieren. Ich kann kein Land lieben, das paramilitärische Kräfte auf die Straßen schickt, Familien auseinanderreißt und Menschen mit Gewalt einschüchtert. Und ich kann kein Land lieben, das von einem rassistischen, frauenfeindlichen und fremdenfeindlichen Autokraten regiert wird.

Das muss so deutlich gesagt werden: De Niro richtet seine Kritik ausdrücklich gegen ein Amerika unter Donald Trump und gegen einen Kongress, den er als dessen willfährigen Unterstützer betrachtet. Seine Worte sind radikal, aber gerade deshalb interessant. Denn sie stellen nicht nur die Frage, wer politisch recht hat. Sie stellen die viel unbequemere Frage, was Liebe zum eigenen Land wert ist, wenn sie sich von Verantwortung löst.

Natürlich hat De Niro den größten Teil seines Lebens dieses Land geliebt. Die Vereinigten Staaten haben seinen eingewanderten Vorfahren Zuflucht gegeben. Sie haben ihm, seiner Familie und Millionen anderer Menschen Chancen, Freiheiten und Möglichkeiten eröffnet. Gerade deshalb ist seine Kritik keine einfache Absage an das Land. Sie enthält vielmehr einen paradoxen Wunsch: Er möchte sein Land wieder lieben können. Er möchte es zurückgewinnen.

Darin liegt die eigentliche politische Bedeutung seiner Rede. Ein Land zurückzugewinnen bedeutet nicht, eine Regierung durch eine andere zu ersetzen. Es bedeutet, um die Werte zu kämpfen, die ein Gemeinwesen überhaupt erst liebenswert machen. Freiheit, Menschenwürde, Gleichheit vor dem Gesetz und die Möglichkeit, Macht öffentlich zu kritisieren, sind keine Dekoration einer Demokratie. Sie sind ihre Substanz.

Deshalb ist auch der Bezug auf den First Amendment mehr als ein symbolischer Hinweis. Meinungsfreiheit ist nicht nur das Recht, seine Meinung auszusprechen. Sie wird politisch erst dann wirksam, wenn Menschen bereit sind, dieses Recht zu nutzen, sich zusammenzuschließen, Widerspruch zu organisieren und Macht zur Rechenschaft zu ziehen. De Niros Bilder vom gemeinsamen Aufstehen, Singen und Organisieren verweisen genau auf diesen Übergang: vom Einzelnen zum Kollektiv, vom Gefühl zum Handeln, vom Protest als Ausdruck zur Organisation als politischer Kraft.

Hier beginnt die Frage, die über Amerika hinausweist und Deutschland betrifft.

Auch in Deutschland verfügen Künstlerinnen und Künstler, Intellektuelle, Journalistinnen und Journalisten sowie andere Personen des öffentlichen Lebens über eine erhebliche gesellschaftliche Reichweite. Sie können Debatten prägen, Aufmerksamkeit erzeugen und Menschen für bestimmte Themen sensibilisieren. Doch reicht es aus, die richtigen Worte zu finden?

Vielleicht liegt genau hier eine der unbequemen Schwächen unserer politischen Kultur. Wir sind sehr gut darin geworden, moralische Positionen zu formulieren. Wir können Stellungnahmen verfassen, Solidarität bekunden, Kampagnen unterstützen und unsere Empörung öffentlich sichtbar machen. Doch zwischen öffentlicher Erklärung und tatsächlichem Handeln klafft eine tiefe Lücke.

Diese Lücke ist entscheidend, weil echtes Handeln Kosten verursacht.

Es kann Reputation kosten, berufliche Chancen, Kooperationen, mediale Zugänge oder gesellschaftliche Bequemlichkeit. Manchmal kostet es auch persönliche Sicherheit. Wer tatsächlich dort interveniert, wo Menschen ausgegrenzt, entrechtet oder bedroht werden, macht sich angreifbar. Wer hingegen nur allgemeine Solidarität bekundet, kann moralisch sichtbar sein, ohne selbst ein erhebliches Risiko einzugehen.

So entsteht eine Form von politischer Symbolik, die zwar gut aussieht, aber wenig verändert. Mitgefühl wird zur sicheren Pose. Man spricht, um Haltung zu zeigen, handelt aber so vorsichtig, dass die eigenen Risiken möglichst gering bleiben.

Gerade deshalb muss Kritik präzise sein. Es geht nicht um eine pauschale Abrechnung mit allen Menschen, die öffentlich auftreten. Es geht um ein wiederkehrendes Muster: Vorsicht statt Rückgrat, Zeitverzug statt entschlossenem Einsatz, wohlmeinende Symbolik statt konkreter Organisation.

Wenn es um Menschenwürde, Grundrechte und den Schutz von Minderheiten geht – um Geflüchtete, um Zuwanderinnen und Zuwanderer, um Menschen aus prekären sozialen Verhältnissen –, dann ist Nicht-Handeln nicht automatisch eine neutrale Position. Wo Ausgrenzung und Entmenschlichung schrittweise normalisiert werden, kann Schweigen dazu beitragen, dass diese Normalisierung überhaupt möglich wird.

Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch jederzeit jedes Risiko eingehen muss. Aber für diejenigen, die über öffentliche Reichweite, gesellschaftlichen Einfluss und institutionelle Zugänge verfügen, stellt sich die Frage nach der Verantwortung anders. Wer eine Stimme hat, die Millionen Menschen erreichen kann, besitzt nicht nur eine Möglichkeit zur Selbstdarstellung. Er besitzt auch eine Möglichkeit, Strukturen zu stärken, die Menschen schützen.

Genau hier lässt sich aus De Niros Rede ein Maßstab entwickeln: den „De-Niro-Test“.

Die entscheidende Frage lautet dann nicht mehr nur: Was sagt die prominente Person? Sondern: Was setzt sie aufs Spiel?

Steht sie tatsächlich an der Seite jener, die organisieren und helfen? Nutzt sie ihre Reichweite, um Netzwerke der Unterstützung zu stärken? Ist sie bereit, dort Stellung zu beziehen, wo es keinen Applaus gibt? Dort, wo politische und mediale Aufmerksamkeit gering ist? Dort, wo diejenigen leben, die am meisten verlieren, wenn rechtsextreme Kräfte wie die AfD stärker werden?

Denn Solidarität, die ausschließlich dort stattfindet, wo sie gesellschaftlich bequem ist, bleibt unvollständig.

De Niros Rede macht deshalb einen Unterschied sichtbar, der weit über seine persönliche Abrechnung mit Trump hinausgeht: den Unterschied zwischen Liebe und Loyalität. Loyalität kann bedeuten, zu einem Land zu halten, unabhängig davon, was seine Regierung tut. Liebe hingegen kann gerade darin bestehen, einem Land die Wahrheit über seine eigenen Widersprüche zuzumuten.

Wer sein Land wirklich liebt, muss nicht alles an ihm lieben.

Er muss es auch kritisieren können.

Vielleicht beginnt politische Verantwortung genau dort, wo die bequeme Formel „Ich liebe mein Land“ nicht mehr ausreicht. Denn ein Land zu lieben bedeutet nicht, seine Macht zu verteidigen. Es bedeutet, die Werte zu verteidigen, die diese Macht begrenzen. Es bedeutet, Menschenwürde nicht nur zu beschwören, sondern dort zu schützen, wo sie bedroht ist. Und es bedeutet, Freiheit nicht nur als persönliches Privileg zu verstehen, sondern als Verpflichtung, sie auch für diejenigen zu verteidigen, die gerade keine starke Stimme besitzen.

De Niros Satz „Ich will mein Land wieder lieben“ ist deshalb kein Ausdruck politischer Verzweiflung. Er ist, bei aller Schärfe, ein Satz der Hoffnung. Er sagt: Ein Land kann sich verändern. Eine Gesellschaft kann sich neu organisieren. Menschen können ihre Stimme erheben. Und politische Verhältnisse sind nicht für immer gegeben.

Aber dafür reicht es nicht, gemeinsam zu sprechen.

Man muss gemeinsam handeln.

Denn wenn Liebe zum Land bedeutet, Unrecht schweigend hinzunehmen, wird Liebe zur Rechtfertigung. Wenn Protest nur ein emotionales Ventil bleibt, verändert er keine Machtstrukturen. Und wenn prominente Menschen nur dann sprechen, wenn es sicher ist, verteidigen sie vielleicht ihre eigene moralische Position – aber noch lange nicht die Gerechtigkeit.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob wir unser Land lieben.

Die eigentliche Frage lautet: Was sind wir bereit zu tun, damit es wieder ein Land wird, das wir lieben können

Quelle:
Robert De Niro, Rede beim „Rise Up, Sing Out: A Concert for the First Amendment“, New York, 14. Juni 2026, C-SPAN.

Über Hossein Zalzadeh 69 Artikel
Hossein Zalzadeh ist Ingenieur, Publizist und politisch Engagierter – ein Mann, der Baustellen in Beton ebenso kennt wie die Bruchstellen von Gesellschaften. Zalzadeh kam Anfang zwanzig zum Studium nach Deutschland, nachdem er zuvor in Teheran als Lehrer und stellvertretender Schulleiter in einer Grundschule tätig gewesen war. Er studierte Bauwesen, Sanierung und Arbeitssicherheit im Bereich Architektur sowie Tropical Water Management an mehreren technischen Hochschulen. An bedeutenden Projekten – darunter der Frankfurter Messeturm – war er maßgeblich beteiligt. Seine beruflichen Stationen führten ihn als Ingenieur auch in verschiedene afrikanische Länder, wo er die großen sozialen Gegensätze und die Armut unserer Welt ebenso kennenlernte wie ihre stillen Uhrmacher – Menschen, die im Verborgenen an einer besseren Zukunft arbeiten. Bereits während des Studiums engagierte er sich hochschulpolitisch – im AStA, im Studierendenparlament sowie auf Bundesebene in der Vereinten Deutschen Studentenschaft (VDS) – und schrieb für studentische Magazine. In diesem Rahmen führte er Gespräche mit Persönlichkeiten wie Willy Brandt und Herta Däubler-Gmelin über die Lage ausländischer Studierender. Seit vielen Jahren kämpft er publizistisch gegen das iranische Regime. Geprägt ist sein Schreiben vom Schicksal seines Bruders – Jurist, Schriftsteller und Journalist –, der vom Regime ermordet wurde. Derzeit schreibt er an seinem Buch Kampf um die Menschlichkeit und Gerechtigkeit – ein Plädoyer für Freiheit, Würde und den Mut, der Unmenschlichkeit zu widersprechen.