Mal ein Englein, mal ein Teufelchen – Die Hinterglasmalerin Fride Wirtl-Walser im Bayerischen Nationalmuseum

Fride Wirtl-Walser, Hinterglasbild „Über mein Leben“, 2023, Ölmalerei: Menschliches Sein zwischen Gut (Engel) und Böse (Teufel) Foto: Hans Gärtner

Als hochherzige Spenderin lobt sie der Direktor des Münchner „Schatzhauses am Eisbach“, Frank-Matthias Kammel: Fride Wirtl-Walser. Die 94-Jährige  stellt ihre zugleich wunderbaren wie wunderlichen Hinterglasarbeiten im Bayerischen National-Museum (BNM) aus. Nicht alle Werke, die sie dieser Institution geschenkt hat, können aus Raumgründen präsentiert werden, sondern nur „gut drei Dutzend“. Das genüge auch, „die Aufmerksamkeit auf jenen Teil des Werks der Künstlerin“ zu lenken,“ der sich imaginären Räumen, menschenleeren, bisweilen Traumgesichten ähnlichen Landschaften, fantastischen oder originell geschilderten Architekturen, fiktiven Gestalten und rätselhaften Sujets widmet“.

Der Museumschef überließ es dem volkskundlich versierten Mitarbeiter  Thomas Schindler, nicht nur die überaus sehenswerte Studienausstellung im Untergeschoss des BNM zu kuratieren, sondern auch den großartigen schmalen, ertragreichen und für die Hinterglasbildarbeit-Forschung wichtigen Katalog (12 Euro) zu besorgen. Er erklärt darin den kaum allgemein kaum verständlichen Ausstellungstitel „Liminal Spaces“. Nicht-Orte seien es, „für einen Moment der Zeit enthobene Räume“, die hier gezeigt werden. Fride Wirtl-Walser malt keine eindeutigen Räume. Sie gestaltet Zwischenwelten. Was auf die Herkunft der Künstlerin verweist, die heute, geboren 1932 in dem Dorf Riezlern im Kleinwalsertal (daher der Namen-Zusatz „Walser“), im oberbayerischen Marktflecken Peiting südöstlich von Schongau lebt, auf ein erfülltes Künstlerinnenleben zurückblickt  – und noch immer arbeitet. Dass sie sich unendlich freut, im BNM „gelandet“ zu sein, nimmt man ihr ebenso ab wie man es ihr gönnt.

Ihr Lieblingsbild: Die Niemandsrose, ein Kulissen-, Streifen- oder Scherbenbild. Auf acht Glasstreifen stehen Zeilen aus dem Celan-Gedicht „Psalm“ (1961): „Dir zulieb wollen wir blühn. / Dir entgegen. / Ein Nichts / waren wir, sind wir, werden / wir bleiben, blühend: / die Nichts-, die Niemandrose“. Bis heute kann die inzwischen 94-Jährige Wahl-Peitingerin die Zeilen auswendig rezitieren. Ganz was anderes: die zeitgenössische Ölmalerei, 23 x 43 cm x 4,5 cm, auf Glas, entstanden vor drei Jahren – kurz danach schwand Wirtl-Walsers Sehkraft. Neben einem traditionellen „Ecce Homo“-Porträt: ein Ziehbild. Thema: das Gute (ein Englein) und das Böse (ein Teufelchen). Um die kleinen hochformatigen Hinterglasbilder: Wörter ohne Bedeutung. Es seien, so Kurator Thomas Schindler, die zahlreichen Geschichten des Lebens der Fride Wirth-Walser.  An beiden Schnur-Enden sind Kügelchen. Man könnte, hinge das rare, eigentlich irrsinnig witzige Stück nicht in einer Vitrine, daran zupfen, aber vorsichtig! Einer verschwindet dabei, einer bleibt: mal das Englein, mal das Teufelchen. Menschlicher geht`s nicht.

Die Ausstellung „Liminal Spaces. Hinterglaskunst von Fride Wirtl-Walser“ endet am 17. Januar 2027. Geöffnet: Di – So 10 bis 17 Uhr.

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Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.