Begegnungen mit Erich Loest: Zum Tod des Autors am 12. September 2013

Das Sommersemester 1959, es war mein drittes an der Freien Universität, neigte sich dem Ende zu. Da las ich zum ersten Mal vom Schicksal Erich Loests. Sein Leipziger Freund Gerhard Zwerenz, der im Sommer 1957 vor der drohenden Verhaftung durch die „Staatssicherheit“ hatte fliehen können, hatte, ein halbes Jahr nach Erich Loest Verurteilung vom Bezirksgericht Halle zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus, in der STUTTGARTER ZEITUNG ausführlich über ihn geschrieben.
Ich wusste nichts von diesem Schriftsteller, der im Alter von 32 Jahren verhaftet worden war. Als ich im Oktober 1959 nach Leipzig fuhr, um meine Tante zu besuchen, war ich auch in der DEUTSCHEN BÜCHEREI, um mir Romane Erich Loests auszuleihen. Das aber wurde mir verweigert, der Autor war als „Konterrevolutionär“ verurteilt und somit aus der Liste der DDR-Schriftsteller gestrichen worden. Ich hätte die Bescheinigung eines Professors beibringen müssen, so wurde mir gesagt, dass ich diese Romane zu wissenschaftlichen Zwecken benötigte.
Das alles erzählte ich abends meiner Tante, die als Bibliothekarin in der DEUTSCHEN BÜCHEREI arbeitete. Sie wohnte in der Oststraße 9 und meinte, ich könnte doch Annelies Loest, Erichs Frau, aufsuchen, die wohne nur zwei Häuser weiter, in der Oststraße 5.
An einem regnerischen Oktoberabend schlich ich in der Dunkelheit ins übernächste Haus, klingelte bei Annelies Loest, wurde freundlich empfangen, blieb eine halbe Stunde und durfte drei Romane Erich Loests, darunter „Die Westmark fällt weiter“, mitnehmen. Im Dezember 1959 schickte ich dann die drei Romane unter falschem Absender von einem Ostberliner Postamt aus zurück.
Zwei Jahre später studierte ich an der Universität Mainz, lernte Hans Mayer kennen und besuchte Gerhard Zwerenz in Köln. Drei Wochen nach dem Mauerbau 1961 fuhr ich erneut nach Leipzig, ich wollte Material sammeln für einen Artikel über Erich Loest „Auf den Spuren eines verschollenen Schriftstellers“, ich fragte in der Franz-Mehring-Buchhandlung nach Romanen Erich Loests, saß zwei Stunden bei Hans Mayer in der Tschaikowskistraße und wurde am 9. September gegen 11.00 während der Leipziger Buchmesse auf dem Karl-Marx-Platz verhaftet.
Im Zuchthaus Waldheim konnte ich dann endlich die Romane Erich Loests lesen, die mir von der DEUTSCHEN BÜCHEREI 1959 verweigert worden waren. Es gab sie alle, weil niemand sich die Mühe machte, sie auszusortieren. Es gab sogar Bücher von Gerhard Zwerenz, die zu DDR-Zeiten erschienen waren, es gab Schriften Hans Mayers noch nach seiner „Republikflucht“ im Sommer 1963, und es gab die Gesammelten Werke von Georg Lukacs, dem Renegaten, und von Josef Stalin.
Zwei Bücher freilich, die bei den Gefangenen außerordentlich beliebt waren, wurden 1963 aussortiert: der KZ-Roman „Nackt unter Wölfen“ (1958)von Bruno Apitz und Dostojewskis Zuchthausbericht „Aus einem Totenhaus“ (1860). Niemand wusste, warum! Als der Kulturoffizier der „Volkspolizei“ über den Zuchthaushof ging, fasste ich mir ein Herz und sprach ihn an. „Ach, wissen Sie“, sagte der, „Ihre Kollegen schreiben da immer solche Sachen in die Bücher rein wie `Siehe Waldheim!` oder `Wie bei uns`. Und das wollen wir nicht!“
Von Erich Loest hörte ich wieder am 26. August 1964, als wir, eine Gruppe von 800 Häftlingen, gegen 32 Millionen Westmark freigekauft worden waren und im hessischen Schloss Büdesheim auf unsere Entlassung warteten. Beim Frühstück saß neben mir ein Häftling aus Bautzen II, der Erich Loest kannte. Er hätte sich anständig benommen im Knast, im Gegensatz zu Wolfgang Harich, ein „echter Kumpel“. In Erich Loests autobiografischem Buch „Durch die Erde ein Riss“ (1981) kann man Einzelheiten erfahren.
Getroffen habe ich Erich Loest im Herbst 1977 in Osnabrück, wohin ihn Literaturprofessor Heinrich Mohr zu einer Lesung eingeladen hatte. Er kam auf mich zu und sagte: „Du bist also der Unglücksvogel, der 1961 nach Leipzig gefahren ist!“ Später hat er in seinem Buch „Prozesskosten“ (2007) viereinhalb Seiten über meine Leipziger Reise und die Folgen geschrieben.
Im Dezember 1978 trafen wir uns in Bonn und vereinbarten, dass ich ihn alle vier bis sechs Wochen anriefe, aber meinen Namen nicht nennte. Als er abhob, sagte ich nur „Erich“, er wusste, wer dran war, wir sprachen wenige Sätze miteinander, aber er wusste, da ist einer im Westen, der denkt an ihn. Aber die Stasi kannte meine Stimme, zeichnete die Gespräche auf und ließ sie abschreiben: „Bilke hat angerufen…“ Erich Loest hat in seinem Buch „Die Stasi war mein Eckermann“ (1991) zwei dieser Gespräche abgedruckt.
Am 13. Februar 1987 las er in der Coburger Stadtbücherei zu Ehren meines 50. Geburtstags. Auf meinen Wunsch hatte er seinen Roman „Völkerschlachtdenkmal“ (1984) mitgebracht und las die Passage, die ich mir gewünscht hätte, wenn er mich gefragt hätte. Am 4. Juli 1945 besetzten die Russen Westsachsen und Thüringen, nachdem die amerikanischen Truppen abgerückt waren. Eine Gruppe russischer Offiziere kommt nach Leipzig und sucht dort die Druckerei, wo Lenin vor dem Ersten Weltkrieg seine Revolutionszeitschrift „Iskra“ (Der Funke) hat drucken lassen. Sie haben mehrere Druckereien auf ihrer Liste, aber keiner der heutigen Besitzer weiß etwas davon. Schließlich merkt einer, dass das die Chance seines Lebens ist und er fragt auf Sächsisch: „Lenin? Ist das der mitm Bart? Ich glaube, mein alter Herr hat davon einmal erzählt!“ Die Russen sind hocherfreut, es ist ihnen völlig egal, ob das die richtige Druckerei ist. Sie sagen nur „Charascho“ und nageln ein Schild an die Tür: „Hirr Iskra gedrruckt!“ Und weil Lenin während seines Leipziger Exils immer im Stadtpark die Eichhörnchen gefüttert hat, besorgen sie ein ausgestopftes Eichhörnchen und schreiben dran: „Dieses Eichhörnchen hat Lenin immer gefüttert, als er in Leipzig im Exil lebte!“
Von den Romanen, die Erich Loest nach seiner Ausreise geschrieben hat, liegt mir einer besonders am Herzen: „Sommergewitter“ von 2005. Es ist ein Buch über den Aufstand von 1953, dessen 60. Jahrestags wir 2013 gedenken. Und es ist ein Buch über die Auslöschung der deutschen Arbeiterbewegung durch die SED.

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Jörg Bernhard Bilke
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Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.

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