Das Exotische im Entertainment: Mit Bizets „Perlenfischern“ gelingt Lotte de Beer lustvolle Opernkritik am Fernsehen

Wie eine Oper von 1863, die schon bei ihrem Start Probleme der Akzeptanz dies- und jenseits der Bühnenrampe hatte, 150 Jahre später inszenieren? Die Niederländerin Lotte de Beer plagte sich mit dieser Frage ab. „Theater an der Wien“-Intendant Roland Geyer wälzte den Brocken mit, der da heißt: „Les pescheurs de perles“ von George Bizet. Diese Oper hat ein völlig unglaubwürdiges Libretto, aber hinreißende Melodien. Die Lösung sieht so bezaubernd wie medienkritisch aus. Vereint sie doch brennend ersehnte Exotik und heiß begehrtes Entertainment – Elemente, die das Fernsehen in seinen Reality-Shows tagtäglich einem unterhaltungssüchtigen Publikum bietet.

Das Unfassbare gelingt der jungen Regisseurin, die Peter Konwitschny und Pierre Audi assistierte und deren kritische Einstellung zur Oper weiterträgt. De Beer lässt ein TV-Team auf einer Ceylon-ähnlichen Insel ihr medienhartes Unwesen treiben, schon bei den ersten Takten, die Jean-Christophe Spinosi dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien entlockt, alles Insulaner-Equipment von den Brettern fegen, um den Blick auf ein von Marouscha Levy gebautes, mit dem vom wendigen Arnold Schönberg-Chor bestrittenes Rund-Tableau frei zu geben, das verschiedene Zimmer mit „geilen“ Fernsehern nebulös agieren lässt. Die Opernbesucher kommen teils aus dem Staunen nicht mehr heraus, teils goutieren sie die Süffisanz des Gebotenen samt Naschmarkt-Publikums-Befragungen nach „Gnade“ oder „Tod“ des sühnefälligen Protagonisten-Paars, weit weg von Bizets Kitsch, mitten hinein in die Wirklichkeit der „Hart aber fair“-Konstellationen.

Sühnefällig? Nadir und Leila haben, weil sie strikte Verbote missachteten, schuldig gemacht und sollen sterben. Nadirs Freund Zurga – beide lieben dieselbe Frau und treffen sie rein zufällig auf einer Ferieninsel – opfert sich und wird am Ende am Marterpfahl gnadenlos, aber effektvoll verbrannt. Alles ist ziemlich verrückt und kompliziert, unlogisch und befremdlich. Aber Bizets Musik, fürs Herz geschrieben und ins Mark treffend, hüllt die Brahma-Tempel- und Sandstrand-Palmen-Kulissen-Lüge in Seidenpapier. Das raschelt und rauscht samtig und glitzernd aus den Kehlen der potent auftretenden und balsamisch singenden Freunde Nadir (Dmitry Korchak) und Zurga (Nathan Gunn) sowie der sänger-schauspielerisch exzellenten, mitreißenden Leila (Diana Damrau), zu denen sich Nicolas Testé als beflissener Schönlings-Moderator gesellt. Laut Libretto ist das der Hohepriester und Leila die keusche Priesterin, die den Perlenfischern den Segen der Götter sichern soll. Bei Lotte de Beer sichert Diana Damrau dieser gewagten „Perlenfischer“-Version den Jubel des Publikums.

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Hans Gärtner
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Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.

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