„Das muss man aushalten“ – Korrespondenz mit Wolfgang Greisenegger (3)

Wolfgang Greisenegger

Wolfgang Greisenegger antwortete noch kurz vor Mitternacht. Über die Doktorwürde von Franziska Giffey.  Er hält es für einen Fehler, Dissertationen als Nachweis für die berufliche Qualifikation zu verwenden. Insgesamt ist er enttäuscht über die Qualität der Arbeiten.

Veronica Kaup-Hasler wurde Stadträtin für Kultur und Wissenschaft in Wien. Sie ist eine Absolventin des Instituts für Theaterwissenschaft. Wäre sie besser Menschenrechtsanwältin geworden. Das ist die nächste Frage von Johannes Schütz.

From„Prof. Wolfgang Greisenegger“ <wolfgang.greisenegger@univie>
ToJohannes Schuetz <johannes.schuetz@media…>
SubjectRe: Re: Re: Doktorwürde – Kleine Glosse
DateJun 14, 2021 15:33 PST
   
   

Lieber Johannes,

nur eine kurze, spätabendliche Antwort, die keine Antwort sein will und kann, sondern bloß ein wenig tauglicher Versuch,  Fragen  zu stellen, auf die man kaum Antwort erwarten sollte.

Aber vorweg:  das Doktorat war einst Vorbedingung für eine Reihe von Positionen, nicht nur im öffentlichen Dienst, sondern etwa auch in der Kirche, etc.  Also eine Staffel, über die so mancher (seit je) stolpern konnte und sollte.

Nur eines: es gibt einen großen Fundus an schlechten Dissertationen im 19.und 20. Jahrhundert und eine kleine Zahl von wissenschaftliche Aha-Erlebnissen. Ich habe mich oft gewundert, über den Schund, der im 19. Jahrhundert als Dissertationen anerkannt wurde, und habe mich immer wieder geärgert, über leichtfertige Approbationen.

„Das muss man halt aushalten…“.  Eine dicke Wurzel des Übels ist die
Notwendigkeit, akademische Grade als Tauglichkeitsbestätigung zu
missbrauchen.  

Aus! Ende, es ist längst Mitternacht vorbei!
Wolfgang


FromJohannes Schuetz <johannes.schuetz@media…>
To„Prof. Wolfgang Greisenegger“ <wolfgang.greisenegger@univie>
SubjectRe: Re: Re: Re: Doktorwürde – Kleine Glosse
DateJun 16, 2021 11:01 PST

Lieber Wolfgang,

Vielen Dank für Deine Antwort, die Du mir noch kurz vor Mitternacht gesendet hast.

Dein Hinweis ist fraglos auch von Bedeutung für die aktuelle Debatte über die Dissertation der Politikerin Franziska Giffey in Deutschland.  Du warst erstaunt, welcher „Schund im 19. Jahrhundert als Dissertationen approbiert wurde“. Interessante Arbeiten kann man hingegen nur selten finden, so beurteilst Du die Situation.

Stadträtin für Kultur

Auch am Institut für Theaterwissenschaft in Wien gibt es eine Absolventin, die eine wichtige politische Aufgabe übernahm.  Veronica Kaup-Hasler wurde im Mai 2018  die Stadträtin für Kultur und Wissenschaft von Wien. Ihre Diplomarbeit schrieb die spätere Stadträtin an der Theaterwissenschaft über
„Schweigen: Annäherung an ein Phänomen und seine Bedeutung für die dramatische Dichtung Samuel Becketts“.

Veronica Kaup bewies bereits als Studentin, dass sie qualitätsvolle Beiträge für Feuilletons schreiben kann. Sie zeigte mir damals einen Essay, den sie über die letzten Tage der DDR für die „Salzburger Nachrichten“ verfasste und war sichtlich glücklich darüber. Später begann ihre Zusammenarbeit mit Regisseur Luc  Bondy,  auch in seiner Ägide als Intendant der Wiener Festwochen. Sie kam auch in jener Zeit noch in die Bibliothek des Instituts, um Literatur zu suchen, für die dramaturgische Arbeit zu den Inszenierungen von Luc Bondy. 

Annäherung an das Schweigen

Das Thema ihrer Diplomarbeit ist interessant. Eine Annäherung an das Schweigen.  Das ist ein wichtiges Motiv, gerade auch in der österreichischen Literatur. Ich interessierte mich selbst dafür. Als ich das erste Mal als Tutor für Paul Stefanek bei der „Einführung in die Theaterwissenschaft“ mitwirken durfte, da wählte ich das Thema: „Schweigen in den Werken österreichischer Dramatiker“. Jeder Tutor sollte mit einer Gruppe ein Thema seiner Wahl ein Semester lang bearbeiten und gleichzeitig den Einstieg in die Universität betreuen, das war das hochschuldidaktische Konzept, das Paul Stefanek etablieren wollte.

Wir beschäftigten uns im Tutorium mit den grundlegenden Überlegungen, die Hugo von Hofmannsthal im „Brief des Lord  Chandos“ behandelte. Davon ausgehend interpretierten wir spätere Werke österreichischer Autoren, insbesondere Thomas Bernhard und Peter Handke. Die monomanischen Erzähler in den Werken Thomas Bernhards finden stets einen Zuhörer, der im Schweigen verharrt.  Peter Handke widmete sich dem Motiv in den Stücken „Kaspar“ und „Das Mündel will Vormund sein“.

Die Hauptfigur in Hugo von Hofmannsthals „Der Schwierige“ verlor weitgehend die Fähigkeit zur Kommunikation. Auch aufgrund traumatischer Erfahrungen, denn Kari Bühl wurde im Krieg „verschüttet“. Befremdet blickt er auf die belanglose Konversation in den Salons der Gesellschaft und auf die Impertinenz der Neuhoffs, die aufgekommen sind, den Ton vorzugeben. 

Es kann sein, dass man in unseren Tagen Hofmannsthals „Der Schwierige“ auf der Bühne nicht mehr vermitteln kann.  Angesichts der Stärke, die die Attitude des Neuhoff in unserer Gesellschaft schon erreichte. Vielleicht werden die Bedenken des Kari Bühl nicht mehr verstanden.

Kultur des Verschweigens

Es ist nicht mehr ein Phänomen des Schweigens, es ist eine Kultur des Verschweigens, in der wir in Wien leben. Vielleicht hätte Veronica Kaup nicht Stadträtin für Kultur werden sollen, sondern Menschenrechtsanwältin. Ich zweifle nicht daran, dass sie bei dieser Aufgabe zeigen würde, was vorbildlicher Einsatz ist.  

Das Menschenrechtsbüro Wien, das wie ein Deckmantel eingerichtet wurde, verschweigt die gravierenden Verletzungen der Grundrechte, mit denen Bürger der Stadt konfrontiert werden. Wohnungen werden überfallen und geplündert, im Auftrag von Richtern, die nicht kontrolliert werden. Auch Bibliotheken von Publizisten sind betroffen. Als Menschenrechtsbeauftragte hätte Veronica Kaup dafür sorgen können, dass Kritik an diesen Vorfällen nicht länger zum „Schweigen gebracht wird“.

Du warst im Januar 2004 der Vertreter des P.E.N. Club beim Österreich Konvent. Es sollten die künftigen Leitbilder des Landes debattiert werden. In Deiner dortigen Stellungnahme erklärtest Du:
„Die Freiheit der Wissenschaft und der Künste darf in ihrer Ausübung nur eingeschränkt werden, wenn sie mit einem der in dieser Verfassung gewährleisteten Grundrecht nicht vereinbar ist.“

Wie könnten die Grundrechte in Österreich nochmals gesichert werden? Ich würde Deine Hinweise schätzen.

Mit freundlichen Grüßen
Johannes


Wolfgang Greisenegger war Ordinarius für Theaterwissenschaft an der Universität Wien. Seine Habilitation „Die Realität im religiösen Theater des Mittelalters“ gilt als Standardwerk. Von 1984–1988 Präsident der International Federation for Theatre Research (IFTR). Von 2001 bis 2011 Präsident des P.E.N.-Club Österreich.  Greisenegger wirkte als Dekan an der Grund- und Integrativwissenschaftlichen Fakultät und schließlich als Rektor der Universität Wien.

Johannes Schütz war Theaterkritiker für das Kulturmagazin zyklus-report (Salzburg), Gastautor für das Feuilleton Spectrum der Tageszeitung Die Presse. Feldbibliograph für die International Bibliography of Theatre (IBT).  Mitarbeiter und Lehrbeauftragter am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.  Projektleiter bei der Konzeption des Community-TV-Wien (im Auftrag der Stadt Wien), das als okto.tv auf Sendung ging. Projektleiter für ein Twin-City-TV Wien-Bratislava (in Kooperation mit dem Institut für Journalistik der Universität Bratislava). Er ist jetzt als Publizist tätig.


Links:

Über Doktorwürde
(Tabula Rasa, 15. 6. 2021)

Ein paar kleine Glossen mit Wolfgang Greisenegger
(Tabula Rasa, 7. 4. 2021)